Zwiebeln aus aller Welt

Während in Cloppenburg und anderswo in Deutschland die protestierenden Bauern gemütlich aus der Raiffeisengulaschkanone versorgt wurden, haben die Berufskollegen in Indien auf ihren Traktoren alles selbst mitgebracht. Seit Wochen blockieren sie wichtige Einfallstraßen in die Hauptstadt Neu Delhi; stoppen wollen sie ein Reformvorhaben der Regierung Modi, die das traditionelle Geschäftsmodell, das den Bauern Preisgarantien bietet, zugunsten direkter Geschäftsbeziehungen abschaffen will. Während Nadrenda Modi darauf beharrt, dass das neue Jahrhundert nicht mit Gesetzen aus dem alten Jahrhundert gestaltet werden kann, fürchten die Bauern, dass die Erzeugerpreise in Folge der geplanten Reform sinken werden.

Nicht nur sind mehr als die Hälfte aller Inder direkt von der Landwirtschaft abhängig, auch der von außerlandwirtschaftlichem Kapital befeuerte Strukturwandel macht ihnen zu schaffen. Die Corona-bedingte Ausgangssperre hat die Situation zusätzlich verschärft, indem sie hunderttausende mittellose Menschen zurück in ihre Heimatdörfer getrieben hat. Hinzu kommen religiöse Nickligkeiten. Letztes Jahr haben sich offiziellen Angaben zufolge mehr als 10 000 Bauern das Leben genommen, sie trinken Pestizide oder legen sich auf Bahngleise. Da Suizid in Indien eine Straftat darstellt, wird eine deutlich höhere Dunkelziffer vermutet. Die betroffenen Familien fürchten das Stigma; in den Medien taucht die Problematik nur selten auf.

Tim Jacobsen