Im Rahmen der ersten Europäischen Heidelbeerkonferenz wurde Felix Koschnick, Autor dieses Artikels, als Vertreter des Bundes der deutschen Heidelbeeranbauer (heute aufgegangen in der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer e.V.) gebeten, einen Vortrag über die Saison Nordeuropas und zur Zukunft der Heidelbeere in Deutschland und Europa zu halten. Anbei eine Zusammenfassung des Vortrages.
Beim Blick auf den weltweiten Anbau zeigt sich deutlich, dass die Heidelbeere ganzjährig verfügbar ist. Allein in Europa werden Heidelbeeren von Ende Januar bis Ende Oktober geerntet. Eine große Herausforderung für den Anbau im Norden und Westen Europas sind die deutlichen Unterschiede im Mindestlohn der einzelnen Länder, und dies bei einem Preis für den Anbauer, der sich im Durchschnitt trotz sehr unterschiedlicher Produktionskosten auf einem europäisch einheitlichen Niveau einpendeln wird.
Betrachtet man die Importe nach Deutschland, so liegen diese seit 2015 über der eigenen inländischen Produktion, in 2019 um den Faktor 3 und dies bei durchschnittlichen Abgabepreisen deutscher Heidelbeeren an LEH-Ketten (in 200 g Schalen) von:
- 2017 ca. 6,80 €
- 2018 ca. 6,70 €
- 2019 ca. 6,50 €
(Quelle: FMK und AMI Marktberichte)
Was bringt die Zukunft?
Wo liegen in der Zukunft die Möglichkeiten auf dem Europäischen Heidelbeermarkt? Der südeuropäische Markt hat ein großes Wachstumspotential, da der Konsum im Vergleich zu Nordeuropa hier immer noch sehr gering ist. Heidelbeeren werden europaweit immer mehr als (Health Food) Gesundheitsfrucht wahrgenommen und sind ein willkommener Snack oder eine praktische Zutat für den Endverbraucher. Man kann sie selbst beim Autofahren verkonsumieren, ohne Angst haben zu müssen, schmierige oder klebrige Finger zu bekommen. Selbst wenn sie durchs Auto rollen, lassen sie sich, wenn man denn alle findet, einfach beseitigen.
Qualität und Geschmack wichtig
Positive Verbrauchererfahrung mit einem Produkt ist zu einem Erfolgsfaktor geworden. Verbraucher erwarten ein nachhaltiges, praktisches und gesundes Produkt und hier kann die Heidelbeere punkten. Daher wird es in Zukunft wichtig, um im weltweiten Wettbewerb zu bestehen, dass die passenden Sorten für den entsprechenden Markt und Kunden angebaut werden. Ertrag und Produktionskosten sind zwar wichtig, um wirtschaftlich produzieren zu können, aber mit einem sehr guten Geschmack bei guter Qualität werden führende Produzenten sich in Zukunft absetzen können und zu bevorzugten Lieferanten werden. Hier spielen auch Lagerung, Lieferlogistik und Transportprozesse eine Rolle. Sie müssen so organisiert und gewählt werden, dass der Produktgeschmack und die Qualität nicht wesentlich beeinflusst werden.
Wie werden sich die Betriebe entwickeln?
Betriebe ab einer Größe von ca. 15 ha mit einem intensiven Marketing werden wachsen, indem sie neue Flächen anlegen oder bestehende Plantagen kaufen und/oder pachten. Betriebe mit einer intensiven, direkten Vermarktung werden ihre Betriebsgröße halten oder leicht ausbauen. Hierzu zählen auch viele kleine Betriebe. Mittelgroße Betriebe mit einer reinen Vermarktung über den Handel bzw. direkt an die Handelsketten, werden weiter im harten europäischen Preiskampf stehen. Der Primärproduzent erlöst zu wenig bei hohen und steigenden Produktionskosten.
Neueinsteiger ins Heidelbeergeschäft sind vor allem große Produktionsbetriebe mit anderen Sonderkulturen wie z.B. Erdbeeren oder Spargel und einem intensiven Marketing sowie Investoren, Firmen, Handelsmarken oder Handelshäuser, die mit Flächen ab einer Größe von ca. 25 ha einsteigen.
Mit einer guten Vermarktungsstrategie werden die großen Betriebe weiter wachsen, wie auch der weltweite Anbau von Heidelbeeren weiter wächst.
Anpassung des Sortenspektrums
In den traditionellen Anbauregionen, wie z.B. Deutschland, wird der Anbau von Heidelbeeren deutlich langsamer wachsen als in Gebieten, in denen neue Plantagen angelegt werden, da unsere Altanlagen erst einmal erneuert werden, bevor neue Flächen entstehen. Alte Felder und Sorten gilt es zu roden und gegen neue, marktangepasste Sorten auszutauschen. Die entscheidende Frage jedoch ist, welches Pflanzmaterial wird frei verfügbar sein, da der Trend leider mehr und mehr in Richtung Clubsorten geht.
Natürliche Böden für Blaubeeren sind immer weniger verfügbar. Naturschutz und zusätzliche Einschränkungen für Moor, Wälder und Grasland sowie die EU-Agrarreform erschweren Neuanlagen. Ein Anbau auf aufgebesserten Standorten oder in Containerkulturen verteuert die Produktion zusätzlich, wird sich aber aufgrund der genannten Problematiken ausweiten.
Einen sehr passenden Kommentar zu dieser - für unsere Anbauer nicht ganz einfache Situation - lieferte auf einer Studienreise nach Amerika ein Vortrag über die weltweite Entwicklung des Heidelbeeranbaus: „The blueberry industry has grown, will continue to grow, and is sometimes called a tsunami. Growers are riding the wave, surviving it, or wiping out”! (Die Blaubeerindustrie ist gewachsen, wird weiter wachsen und wird manchmal auch als Tsunami bezeichnet. Die Anbauer surfen auf dieser Welle, überleben sie, oder fliegen raus.)
Die Hausaufgaben
Unsere Schwierigkeiten in den letzten Ernten waren bei vielen Betrieben zu wenige Pflückkräfte. Hinzu kam in den letzten Jahren Trockenheit, Wassermangel und unzureichende Technik, um den Problemen entgegen zu wirken. Im geschützten Anbau waren es Hitze, fehlende Kühlung der Häuser durch Beschattung oder Sprinklersysteme, oft ein leichter und zu später Schnitt zur Pflanzenerziehung und zu stark bewässerte, nasse, exsessiv gedüngte Containerkulturen.
Was sind Möglichkeiten, die Stückkosten zu reduzieren, um erfolgreich auf der Welle mit zu reiten?
§ Erträge durch optimale Produktionstechnologie und Know How erhöhen - dies betrifft die Sortenwahl, die Pflanzenernährung, den Frostschutz, den Schnitt und die Pflanzdichte
§ Niedrigere Erntekosten und dank neuerer Sorten und angepasstem Schnitt, gekoppelt mit einer angepassten Erntetechnik
§ Maschinenernte von dafür passenden, festen Sorten
a) Für den Frischmarkt, während den Zeiten, in denen Handpflücke aufgrund der hohen Personalkosten und geringen Preise der Heidelbeeren nicht rentabel ist
b) Wenn nicht ausreichend Pflückkräfte zur Verfügung stehen
c) Für die Industrie, hier besonders die letzten Pflücken einer Sorte, um Pflückkräfte schon in der nächsten Sorte einsetzen zu können (Qualität und Rentabilität)
§ Lagerung (auch CA-Lagerung) größerer Mengen an Heidelbeeren, um Erntepeaks zu brechen und den Verkauf dieser Ware in Zeiten mit besseren Preisen zu verlagern
§ Maschinelles Sortieren und Packen ist heute schon der Standard bei einer Produktion für den LEH
Ein weiterer Faktor wäre eine Konzentration des Marketings, weniger Anbieter, Dienstleister für das Packen. Dies würde aufgrund der besseren Ausnutzung von Kapazitäten zu Kostendegression führen. Produzenten könnten sich so auf das Produzieren und Ernten qualitativer Früchte konzentrieren und Packer aufs Packen. Auch müsste die Kommunikation unter den Produzenten verbessert werden, eine offene Kommunikation national wie auch international unter den Produzenten könnte die Marktsituation der nordeuropäischen Ernte verbessern.
Erste Europäische Heidelbeerkonferenz
Das erste Europäische Heidelbeertreffen fand in Trento, Italien, statt. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Fondazione Edmund Mach (FEM) in Zusammenarbeit mit dem Consorzio Innovazione Frutta (C.I.F. Trentino) und der Cooperative Sant'Orsola.
Das Hauptaugenmerk der Blueberry Europe 2018 lag darauf, die Wissenschaft mit ihren innovativsten Ergebnissen soweit wie möglich mit den Bedürfnissen des Produktionsmarktes und der Nachfrage der Verbraucher zusammenzubringen und zu vereinigen.
Nach Vorstellung der Züchtungsprogramme und neuer Sorten kam Chad Finn (USDA ARS, USA) zu einer wichtigsten Aussage: Auch im Heidelbeersektor gibt es immer mehr Clubsorten, freie Sorten werden weniger, zudem sind an den amerikanischen Züchtungsprogrammen die amerikanischen Anbauer und Anbauvereinigungen beteiligt, sodass selbst die freien Sorten erst den Weg nach Europa finden, wenn die amerikanischen Anbauverbände dem zustimmen.
Rolf Nestby (NIBIO, Norwegen) und David Charles Percival (Dalhousie University, Canada) berichteten über den Anbau und die Nutzung wilder Heidelbeeren (Vaccinium myrtillus L.).
Pedro Bràs de Oliveira (INIAV, Portugal) berichtete über den Anbau von Heidelbeeren im Substrat. Die Forschung in Portugal steckt hier noch in den Anfängen und kümmert sich um erste Anbauversuche. Es werden Sortenversuche in selbst gemischten Substraten in Containern durchgeführt, die dazu dienen, den Einsatz von Southern Highbush und Northern Highbush in Portugal zu optimieren.
Im Anschluss referierte der Autor dieses Artikels über den Anbau von Heidelbeeren in Europa und die Zukunftsaussichten. Angela Cort (Estonia University of Life sciences, Estonia) verglich das Potential der neuen estnischen halbhohen Sorte (half-highbush blueberry) `Are´ mit selektierten Heidelbeerklonen.
Massimo Iorizzo (North Carolina State University, USA), Francesco Emanuelli (FEM, Italy) und Luca Bianco (FEM, Italy), berichteten über das Genom und Germplasm (lebendes Gewebe, aus dem neue Pflanzen gezüchtet werden können. Es kann eine Pflanze, ein Samen oder ein anderer Pflanzenteil sein - ein Blatt, ein Stammstück, Pollen oder auch nur einige wenige Zellen, aus denen sich eine ganze Pflanze entwickeln kann. Es enthält die Informationen für den genetischen Aufbau einer Art, eine wertvolle natürliche Ressource der Pflanzenvielfalt), dessen Bewertung und den Stand des QTL mappings bei Heidelbeeren.
Lara Giongo (FEM, Italy), gab einen Blick auf die Qualität der Heidelbeerfrüchte. Nenad Magazin (UNIVERSITY OF NOVI SAD, Serbia) berichtete, wie 6-Benzyladenin (BAP) die chemische Zusammensetzung der Früchte der nördlichen Hochstrauch-Heidelbeere (Vaccinium corymbosum L.) beeinflusst. BAP zählt zur ersten Generation synthetisch hergestellter Cytokinine und hat positiven Einfluss auf das Pflanzenwachstum, die Blüten- und die Fruchtbildung durch eine Stimulation der Zellteilungsrate.
Cinzia Mannozzi (UNIVERSITY OF BOLOGNA, Italy) berichtete über die Auswirkungen verschiedener Beschichtungen auf Polysaccharidbasis auf die Qualität während der Lagerung.
Rosalba Lanciotti (UNIVERSITY OF BOLOGNA, Italy) erläuterte innovative Strategien zur Erhöhung der Sicherheit, Qualität und Nachhaltigkeit der Beerenproduktion. Brian Farneti (FEM, Italy) berichtete über maßgeschneidertes Lagermanagement und die Möglichkeiten, hierdurch die Qualität von Heidelbeerfrüchten positiv zu beeinflussen.
Gianfranco Anfora (FEM, Italien) fasste den aktuellen Stand des Drosophila suzukii-Managements im Trentino zusammen. Er gab anhand von Forschungsergebnissen Perspektiven für eine nachhaltige Kontrolle. Dalphy Harteveld (Wageningen Universität und Forschung, Niederlande) berichtete über Heidelbeerkrankheiten in den Niederlanden, Viruserkrankungen sind auf dem Vormarsch.
Alberto Grassi (FEM, Italien) teilte Erfahrungen über die Behandlung von Drosophila suzukii im Trentino an Beerenfrüchten mit. Daniele Prodorutti (FEM, Italien) gab einen Überblick über die Heidelbeerkrankheiten im Trentino.
Adrian Wallbridge (Fall Creek Farm and Nursery, Spanien) gab einen europäischen Überblick über das Blaubeergeschäft, den Konsum und die wichtigsten Unterschiede der Hauptanbaugebiete.
Frans Claassen (Naktuinbouw, Niederlande) referierte über „Blaubeerbaumschulen-Pipelines“ und Pflanzenqualität.
Pierluigi Lucchi, Marco Cardoni, Luigi Catalano (CIVI, Italien) stellten die Rolle von CIVI Italia innerhalb des Zertifizierungssystems für Pflanzenvermehrungsmaterial dar und zeigten ihren Vorschlag eines Zertifizierungssystems für Beerenfrüchte.
Joris Böinck (Legro, Niederlande) erläuterte den Wandel und die Gründe für die Entwicklung der Produktion vom Boden hin zum Substrat.
Gianluca Savini (SANT'ORSOLA, Italien) stellte die Produktion und den Markt der italienischen Heidelbeeren dar.
Luca Montanari (UNITEC, Italien) referierte über Sortierung und visuelle Sortierung von Heidelbeeren.
Sabina Wyant (TESCO, Vereinigtes Königreich) referierte zu dem Thema Status quo der Heidelbeere und was die Zukunft bringt, aus britischer Sicht.
Ein Dank gilt Heiner Husmann und Alfred-Peter Entrop, die den Autor für den Vortrag mit Material und Daten unterstützt haben, welche auch in diesem Bericht gekürzt und abgewandelt eingebracht wurden.
Felix Koschnick, LWK Niedersachsen