Es war ein Permakulturkurs sowie der Besuch in einem Ökodorf, die Wim Steverink im Jahr 2012 veranlassten, über Landmaschinen nachzudenken, die ganz entgegengesetzt zum Höherschnellerweiter der traditionellen Landtechnik weniger negative Auswirkungen auf den Boden und die Umwelt haben sollten. Die Gedanken konkretisierten sich zusehends, bis im Herbst das Kind mit Lasting Fields nicht nur einen Namen bekam sondern auch erstmals im so genannten Koplopersloket des niederländischen Wirtschaftsministeriums aktenkundig wurde – einer Art Anschubhilfe für möglicherweise bahnbrechende Erfindungen.
Im Frühjahr 2013 folgten erste Maschinenskizzen, ein Jahr später der Kontakt mit der Hochschule Aeres, die das Projekt seitdem begleitet. Schnell war klar, dass der Geräteträger über Riemen angetrieben werden sollte, Steverink legte sich zudem zur Energieversorgung auf eine Kombination aus Biokraftstoffen und Sonnenenergie fest. Der zum 3 m-Streifenanbau passende Kartoffelernter nahm zunehmend Form an, zur Ernte 2015 bestand er seinen ersten Praxistest. Gleichzeitig nahm auch Steverinks Vortragstätigkeit weiter an Fahrt auf, 2016 referierte er beim Zwiebelforum in Bonn. Zu sehen gab es dort auch die Visualisierung seines Anbaukonzeptes mit Hilfe eines Animationsfilms.
POP3-Gelder für die im Flevoland beheimatete Stiftung Future Food Production machten es dann möglich, den nächsten Schritt zu gehen und die Lasting Fields tatsächlich aufs Feld zu bringen. Und so wurde 2018 in gewisser Weise aus Spaß Ernst: Würde es tatsächlich gelingen, mehr mit weniger zu erreichen? 2019 dann die erstmalige Bestellung der streifenförmigen Versuchsfläche. Der Future Food Production-Vorsitzende Jetze Kempenaar griff anlässlich der Erstbestellung die Kernideen Steverinks auf:
„In der Landwirtschaft sind die Maschinen stets größer und schwerer geworden. Das belastet den Boden sehr. An vielen Orten verschlechtert sich die Struktur des Bodens und es ist kaum mehr Bodenleben vorhanden. Insbesondere unter extremeren Bedingungen ist der Ertrag trotz enormer Anstrengungen bei Bewässerung, Pflanzenschutzmitteln und Düngung enttäuschend. Dies erfordert Innovationswillen, damit Landwirtschaft auch in Zukunft möglich bleibt.“
Die den Kulturen vorbehaltenen 3 m-breiten Streifen werden grundsätzlich nicht befahren. Gefahren wird auf festen Wegen zwischen den Beeten. Schnell zeigte sich, dass der Boden in den Kulturstreifen vergleichsweise locker bleibt, Wasser besser durchlässt, die Kulturen besser wurzeln können und insgesamt die Feuchtigkeit besser erhalten bleibt.
Ein Jahr später war es dann zum Ende der Saison 2020 hin tatsächlich vollbracht: „Auf jedem der drei Meter breiten Streifen befindet sich eine andere Kultur.“ Steverink zieht ein erstes Fazit: „Diese Vielfalt macht die Pflanzen widerstandsfähiger und es werden weniger Pflanzenschutzmittel und Düngemittel benötigt. Nach der Ernte säen wir Gründüngung. Alle diese Maßnahmen zusammen bieten bessere Bedingungen für das Bodenleben. “
Sein autonom fahrender Werkzeugträger samt der entsprechenden Anbaumaschinen hat sich bewährt: „Wir glauben, dass diese Anbaumethode sowohl für konventionelle als auch für ökologische Ackerbauern die Zukunft sein könnte.“ Die Streifen mit Rüben und Zwiebeln standen Anfang September noch auf dem Feld. Die Streifen mit Pflanzkartoffeln, Weizen, Ackerbohnen und Hafer und Lupine waren bereits geerntet. Der Werkzeugträger, Steverinks Erfindung, fuhr scheinbar von Geisterhand gesteuert über das Feld.
Digni van den Dries, seines Zeichens Ökolandwirt und Kooperationspartner der ersten Stunde, erklärt: „Wir Landwirte werden mit Begriffen wie zirkuläre Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und Naturinklusivität konfrontiert. Aber was genau soll das sein? Für uns bedeutet dies 90 % weniger Pflanzenschutzmittel, 40 % weniger Kraftstoff, 80 % weniger Beregnungswasser und Düngergaben von maximal 30 kg Stickstoff. Bei all den Erfolgsmeldungen dürfen wir aber auch die finanzielle Seite nicht vergessen.“ Rentabel sei das Ganze nicht unbedingt gewesen und erläutert die Schmerzgrenze: „Wir gehen davon aus, dass die Produktkosten um nicht mehr als 10 % über dem konventionellen Preisniveau liegen dürfen. Und natürlich hoffen wir, dass die Verbraucher in Zukunft einen faireren Preis zu zahlen bereit sind.“
Herausforderungen bleiben also genügend, auch in der Kulturführung: „Nachdem wir im März Kompost ausgebracht hatten, blieb es zu lange trocken. Der Wachstumsimpuls kam dann erst, als es einmal regnete.“ Ein klarer Erfolgsfaktor sei hingegen der Einsatz des Werkzeugträgers gewesen. „Die Maschine ist drei Meter breit und entspricht somit der Größe der Streifen“, erklärt Steverink. „Die Maschine kann leichte Arbeiten wie Sprühen und Hacken im Prinzip automatisch ausführen. Dass noch jemand darauf sitzen muss, dient eigentlich nur dazu, im Notfall eingreifen zu können.“
Die größte Herausforderung für die kommenden Jahre besteht darin, den Werkzeugträger in einen echten Roboter zu verwandeln. Da sind sich Steverink und van den Dries einig. Jessie de Lange, die gute Seele von Future Food Production ergänzt: „In einem Sommer wie diesem sieht man, dass die Anzahl der Arbeitstage abnimmt. Die selbstdenkenden Maschinen könnten selbst bestimmen, wann sie losfahren müssen, um die Kulturarbeiten rechtzeitig durchzuführen.“ Angesichts dessen, was Steverink in den Jahren seit 2012 erreicht hat, sollte es nicht allzu lange dauern, bis tatsächlich autonom arbeitende Werkzeugträger zumindest im Flevopolder zum Straßenbild gehören.
Tim Jacobsen