Welches Gerüst für die Obstkultur?

Rudolf Holzwarth, Verantwortlicher für den Bereich Kulturschutz bei der BayWa<br>Foto: Valenta

In Zeiten von Corona sind manche Vorzeichen verändert – viele Grundsätze sind aber geblieben, auch wenn dies vorübergehend vergessen zu sein scheint. Das Bewusstsein für Erzeugnisse aus heimischer Produktion sollte – so ist zumindest zu hoffen – sowohl beim Einzelhandel als auch beim Verbraucher gestärkt sein. Damit einhergehend bleiben die Forderungen nach höchster Produktqualität und den Maßnahmen, diese im Anbau zu gewährleisten, bestehen. Eine der wichtigen Faktoren ist dabei der Schutz der Kulturen vor Umwelteinflüssen wie z.B. Hagel, Niederschlag oder Sonnenbrand.

Gartenbau-Profi sprach mit Rudolf Holzwarth, bei der BayWa verantwortlich für den Bereich „Kulturschutz“ und europaweit unterwegs.

Gartenbau-Profi: Herr Holzwarth, der Bereich „Kulturschutz“ hat in den zurückliegenden Jahren enorm an Stellenwert gewonnen. In welchem Rahmen und wo überall ist die BayWa auf diesem Gebiet unterwegs?

Rudolf Holzwarth: Ja, wir sehen heute, dass der Schutz der Produktion seit Jahren zunehmend wichtig wird in den strategischen Überlegungen der Betriebe. Und damit ist nicht nur die Risiko- und Liquiditätssicht gemeint. Dieses Thema ist inzwischen deutlich vernetzter. Schonung von Ressourcen, Liefersicherheit und die Absicherung von Qualitäten mit regionalem Bezug kommen hinzu.

Der Bereich Kulturenschutz ist bei der BayWa hier am Bodensee vor 30 Jahren entstanden und hat sich über die Jahre kontinuierlich entwickelt. Gestartet mit einem reinen Handelssortiment, entwickeln und designen wir eigene Systemprofile, welche sich baukastenförmig kombinieren lassen. Damit können wir heute mit einem Höchstmaß an Individualität besondere Anforderungen abbilden, verfügen über eine Vielzahl eigener – teilweise patentierter - Produkte und Lösungen und begleiten unsere Kunden und Partner bis zur schlüsselfertigen Übergabe der Projekte.

In geographischer Hinsicht sind wir stark auf den deutschen Markt und das angrenzende europäische Ausland fokussiert.        

Gartenbau-Profi: Neben den Überdachungsmaterialien – ob Folien oder Netze – sind die Gerüstkonstruktionen wichtiger Bestandteil der Schutzsysteme. Welche Erfahrungen konnten Sie aus Naturkatastrophen und extremen Witterungsereignissen dabei in den letzten Jahren sammeln?

Rudolf Holzwarth: Nun ja, wir bewegen uns da in einem dynamischen Markt mit vielen Akteuren und entsprechend vielschichtig ist das Angebot. Dass Gerüstplanungen für Obst- bzw. Dauerkulturen Themen wie Nachhaltigkeit und Sicherheit  berücksichtigen müssen, ist klar.

In der Vergangenheit waren es dann jedoch immer die Extremphänomene, die zu gewissen Einsichten und Klärungen geführt haben, wobei auch da eine gründliche Analyse immer notwendig war und ist, um nicht Ursachen zu übersehen und damit falsche Schlüsse zu ziehen.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass neben der Flexibilität und der Knicklastaufnahme des eingesetzten Materials immer die Stabilität der Abspannungsgeometrie eine wesentliche Rolle gespielt hat. Nahezu immer dann, wenn es zu Schäden kam, hatte sich an dieser Geometrie etwas verändert. Damit ist das Kräfte-Dreieck zwischen Säulenkopf, Säulenfuß und Anker gemeint.

Trotzdem, selbst wenn alles passt, das Material gut abgestimmt ist auf die Anforderungen und perfekt installiert wurde, besteht ein Restrisiko, welches vorwiegend bei großen Projekten im Rahmen des Risikomanagements beachtet werden muss.

Im Hinblick auf das verwendete Material kann man sicherlich attestieren, dass sich Kiefernholz bei Grenzbelastungen toleranter zeigt, Holz aber generell aufgrund der zunehmenden Restriktionen bei den Imprägnierwirkstoffen in den letzten Jahren zunehmend kritisch betrachtet wurde. Beton- und ausreichend langzeitbeschichtete Stahlvarianten bieten - heute für den Kern- und Steinobstsektor - abgesicherte Standzeiten von mindestens zwei Kulturzyklen.

Mit solchen Ansprüchen tun sich die Holzverarbeitungsprodukte regelmäßig schwer, wenngleich einzelne Imprägnierer durchaus Langzeit-Garantien anbieten.    

Gartenbau-Profi: Für welche Kulturen werden gegenwärtig Schutzsysteme angeboten und worin liegen die Unterschiede in den jeweiligen Anforderungen?

Rudolf Holzwarth: Grundsätzlich werden heute Schutzsysteme für nahezu alle Obstkulturen angeboten und realisiert.

Dies sind im wesentlichen Kernobst-, Steinobst- (Kirschen, Pflaumen, Aprikosen) und Beerenkulturen (Himbeeren, Blaubeeren, Erdbeeren auf Stellagen).

Die jeweiligen Anforderungen werden natürlich durch die jeweiligen Kulturen definiert, jedoch spielen auch geographische Rahmenbedingungen, Erntezeitpunkt und sehr individuelle betriebliche Dispositionen eine Rolle.

Dabei geht es bei Steinobst tendenziell mehr um Niederschlagsschutz, bei Kernobst tendenziell um Hagelschutz und bei Beerenobst neben dem Einnässungsschutz immer auch um Insektenschutz. Dieser gehört inzwischen auch bei Steinobstprojekten zunehmend zum Repertoire der Anforderungen. Die zunehmenden Spätfrostphänomene im Frühjahr stellen ebenfalls eine Herausforderung dar, können aber nur in Verbindung mit Folienüberdachungen, sinnvoll bearbeitet werden.

Dass die Dinge ganz gehörig im Fluss sind, sieht man auch daran, dass bei Kernobst bereits eine Reihe von Versuchs- und Praxisanlagen realisiert wurden, welche den Niederschlagsschutz mit signifikanter Reduzierung von Ressourcen verbinden und einen ökologischen Ansatz verfolgen.

Dies zeigt, dass Anforderungen aktuell über die Kulturen hinweg kombiniert werden. Und genau dabei kommt uns das den BayWa Systemen zugrundeliegende Baukasten-Konzept zugute, welches ein hohes Maß an Individualisierung und Flexibilität bietet.

Gartenbau-Profi: Welche Materialien sind bei Gerüstkonstruktionen für Steinobst zzt. besonders gefragt?

Rudolf Holzwarth: Grundsätzlich würde ich heute Holz-, Beton- und spezifische Stahlvarianten für diesen Bereich im Markt relativ gleichberechtigt sehen, wobei bei uns derzeit die Betonkonstruktionen den eindeutig größten Part bilden.

Gartenbau-Profi: Worin liegen die Vorzüge der einzelnen Materialien und wie sieht es mit ihrer Verfügbarkeit und im Preisvergleich aus?

Rudolf Holzwarth: Wie oben bereits ausgeführt, zeichnen sich Holzsäulen generell durch eine ausgeprägte Flexibilität und ein sehr gutes Dehnverhalten aus, welches kein anderes Säulenmaterial bieten kann. Holzkonstruktionen können einfach und schnell installiert werden. Wo ein Nagel oder Krampen geschlagen werden kann, muss ansonsten eine Klammer oder eine Schelle aus Metall angebracht werden.

Steinobst wird in der Regel mit Folien abgedeckt und daraus leiten sich hohe statische Anforderungen an die Konstruktionen ab. Deshalb werden diese Systeme sorgfältig verspannt und abgeankert. Dass es dann entscheidend auf die Abspannungsgeometrien ankommt, habe ich bereits schon betont. Diese in einem optimalen Zustand zu erhalten, muss durch regelmäßige Checks abgesichert werden.

Dazu gehört bei Holz auch das regelmäßige Abklopfen der Ankerstangen in Bezug auf Pilzbefall. Wollen Sie ein Sicherheitsrisiko vermeiden, müssen sie befallene Säulen zeitnah auswechseln.

Genau hier beginnen die Vorzüge von Beton und Stahl. Sind diese Konstruktionen fachmännisch aufgebaut und werden diese regelmäßigen Überprüfungen unterzogen, kann davon ausgegangen werden, dass die statische „Performance“ der Anlage über die Jahre stabil bleibt, ohne dass aufwändige Reparaturarbeiten notwendig werden.

Die Verfügbarkeiten sind dem Grundsatz nach bei allen Konstruktionsalternativen gegeben, wobei es sich empfiehlt, speziell bei Holzsäulen einen längeren Beschaffungszeitraum einzuplanen. Hier können längere Verarbeitungsfristen durchaus ein Qualitätskriterium sein.

In der Langzeitbetrachtung ist vor allem Beton und gegebenenfalls auch Stahl den Holzvarianten ökonomisch überlegen, da die Kosten über einen deutlich längeren Zeitrahmen hinweg abgeschrieben werden können. In der reinen Preissicht sind heute Beton- und Holzanlagen auf ähnlichem Niveau, Stahl ist derzeit noch etwas teurer. Doch dürfte hier die aktuelle Corona-Krise - mit massiven Einbrüchen der Energie- und Stahlmärkte – bisherige Relationen bis auf weiteres beeinflussen.

Gartenbau-Profi: Ist dies auch vergleichbar mit Gerüstkonstruktionen für Kernobstanlagen oder welche spezifischen Faktoren sind dabei zu berücksichtigen?

Rudolf Holzwarth: Ja, die Konstruktionen, welche wir heute im Kernobst standardmäßig einsetzen sind durchaus vergleichbar mit denen im Steinobstbereich mit der Einschränkung, dass - aufgrund der geringeren Bauhöhe und Windbelastungen - kleinere Säulen-, Seil- und Ankerdimensionen eingesetzt werden. Auch werden andere Abstände in den Abspannungsgeometrien an den Außenflanken der Projekte realisiert.

Seit geraumer Zeit sehen wir uns jedoch weiteren sehr „kernobstspezifischen“ Anforderungen gegenüber: dem Einsatz von Mehrreihen-Applikationstechnik.       

Hier gibt es derzeit zwei wesentliche Herangehensweisen. Die eine führt über statisch massiv abgesicherte Mehrreihenkonstruktionen, wo nur in jeder dritten Reihe eine Säulenreihe für die Schutzkonstruktion vorgesehen ist. Die Alternative wird vertriebsseitig bei uns in der BayWa unter dem Begriff „EasyNet“ geführt. Damit verbinden sich nicht quer-verspannte Gerüstkonstruktionen mit Höhen bis 3,50 m, welche dem Easy-Konzept folgend nur einen Firstdraht erhalten, auf welchem breiten-angepasste Netze seitlich abhängen und die Fruchtzone somit vor Hagelschäden schützen. Speziell bei diesem Ansatz kommt es im Wesentlichen auf das Trägergerüst an. Flexibilität, Seitenlasttauglichkeit und Nachhaltigkeit hinsichtlich der Standzeiten lesen sich geradezu wie die „Quadratur des Kreises“. Hier entwickeln wir aktuell belastbare Konzepte, um auch diesen Anforderungen gerecht zu werden.

Gartenbau-Profi: Welche Erfahrungen sammeln Sie in Zeiten der Corona-Pandemie? Sind direkte Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft zu verzeichnen?

Rudolf Holzwarth: Unser Eindruck ist, dass speziell die Betriebe, welche langfristig im und mit dem Obstbau planen, durch die jüngsten Ereignisse in ihren Investitionsentscheidungen eher bestärkt werden. Neben der durch die Pandemie eventuell nachhaltig negativ beeinflussten Kaufkraftentwicklung in Deutschland und Europa wird doch, so hören wir das immer wieder, eine Erhöhung der Wertschätzung regionaler Produkte gesehen und erwartet.

Auf jeden Fall scheint die Branche trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Krise ein neues Selbstverständnis und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Das bedeutet, unser Geschäft läuft weiter und wir haben eher damit zu tun, unsere Wertschöpfungsketten zu managen bzw. die notwendige Warenverfügbarkeit herzustellen.

Gartenbau-Profi: Welche Entwicklung bei den Schutzsystemen erwarten Sie langfristig für den nationalen Bereich?

Rudolf Holzwarth: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, da sie meines Erachtens maßgeblich von dem Innovationspfad beeinflusst wird, der sich mit der Autonomisierung und Robotisierung von Teilprozessen ergibt.

Hier fahren wir auf Sicht, haben eigene Visionen, welche es gegebenenfalls zu einem Gesamtkonzept zusammenzufügen gilt. Alles in Allem erwarten uns hoch dynamische und spannende Jahre, welche den Obstbau in eine neue Zeit führen werden.