„Denn Sie wissen nicht, was Sie tun“ – dieses Zitat trifft im übertragenen Sinne wohl auf eine Werbekampagne des größten deutschen Lebensmitteleinzelhändlers zu. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Regionalgesellschaft Minden-Hannover warb das Unternehmen auf einem Plakat, auf dem neben Otto Waalkes der Spruch „Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten“ zu lesen war.
War diese Kampagne nur ein Versehen? Das Unternehmen ließ die Plakate nach einer spontan organisierten Protestaktion von 250 Bauern, die mit ihren Traktoren die Zufahrt zum Zentrallager im Ammerland blockiert hatten, schon wenige Stunden später wieder entfernen. Es handele sich um ein Missverständnis, gemeint sei die Gemeinde Essen im Landkreis Cloppenburg und nicht „Essen“ im Sinne von Lebensmitteln, lautete die Presseerklärung. Die Gemeinde Essen im Landkreis Oldenburg zählt 8 500 Einwohner, eine Kommentierung der Presseerklärung erübrigt sich von selbst.
Nein, der Werbespruch auf dem Plakat mit Otto Waalkes ist sicher kein Versehen. Auf der Startseite der Homepage des Unternehmens ist zu lesen: Entdecken Sie unsere supergeilen Preise. Der Betrachter kann ein Video anklicken und wird von einem Herrn begrüßt, der mit einem freundlichen Lachen durch einen Supermarkt geht und die Preise einfach mit einem Pinselstrich streicht.
Es scheint, als ob die monatelangen Bauernproteste, die endlosen Debatten für mehr Klimaschutz und der Ruf nach einem wirtschaftlichem Handeln, das auf den Grundwerten von Nachhaltigkeit, Umweltschutz sowie sozialer Verantwortung und Gerechtigkeit basiert, ungehört bleiben und stattdessen „supergeile Preise“ oder „Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten“ im Vordergrund stehen.
Einen Tag nach den Bauernprotesten am 22. Oktober in Bonn und vielen weiteren Städten Deutschlands warb das gleiche Unternehmen unter dem Titel „Superknüller“ mit 100 g Hähnchenschenkel zu 19 Cent. Dies entspricht einem Kilopreis von 1,90 €, wohlgemerkt ist dies der Endverkaufspreis. Angebote dieser Art sollten als „schmutzige Angebote“ unbedingt geoutet werden. In der gesamten Lieferkette gibt es bei solchen Angeboten - die leider keine Ausnahme, sondern oft die Regel sind - nur Verlierer. In der Außendarstellung gilt nur eines, der Preis, und der muss möglichst niedrig sein. Für Angebote solcher Art zahlen in der Regel mangelhaft entlohnte Menschen (oder Tiere, die vielleicht bessere Haltungsformen verdient hätten), die am gesamten Produktionsprozess bis hin zum Lebensmitteleinzelhändler beteiligt sind. In dieser loose-loose-Situation gibt es nur einen Gewinner – den Endkunden. Doch auch für ihn ist es nur dann ein Gewinn, wenn er komplett ausblendet, auf welche Weise dieses Produkt zum angegebenen Preis in den Verkauf gelangt ist. Aspekte wie soziale Verantwortung, Tierwohl oder Nachhaltigkeit haben wohl kaum in der Weise eine Beachtung gefunden, wie die meisten Verbraucher dies heute äußern und wünschen.
Warum also ein „weiter so“ im Lebensmitteleinzelhandel und Discount? Haben die in diesen Unternehmen verantwortlichen Führungspersonen nicht verstanden, dass unsere Gesellschaft am Beginn eines Wandlungsprozesses steht, der schon viele Bereiche erfasst hat. Landwirtschaft und Gartenbau sind nur ein Beispiel dafür, auch wenn sie gegenwärtig in besonderer Weise in der gesellschaftlichen Diskussion stehen. Nein, sie haben es bestimmt verstanden, verharren aber leider weiter in lang geübten Praktiken. Es ist an der Zeit, dass auch Lebensmitteleinzelhändler und Discounter ihre vorwiegend eindimensionale Fokussierung auf den Preis überdenken. Bundeskanzlerin Merkel hat die Verantwortlichen dieser Unternehmen am 3. Februar ins Kanzleramt zum Gespräch eingeladen. Die Gründe liegen auf der Hand. Bleibt zu hoffen, dass über die Lippenbekenntnisse zur Regionalität, Tierwohl und sozialer Verantwortung hinaus auch das Bewusstsein reift, dass diese Attribute nur bei angemessener Honorierung der Vorlieferanten erreichbar sind. Der Hinweis auf den hohen Verdrängungswettbewerb im Handel, der als Folge jahre- bzw. jahrzehntelangen Kampfes um Preise und Marktführerschaft entstanden ist, wirkt hier allenfalls kontraproduktiv: Essen hat einen Preis verdient: einen fairen!
Zitat:
„Essen hat einen Preis verdient: einen fairen!“