Regionale Tomaten jahrrund

Reife Tomaten Ende November dank LED-Hybrid-Belichtung<br>Foto: Aldenhoff

Es kann nicht mehr allzu lange dauern, bis die Neurather Gärtner ihr zehnjähriges Betriebsjubiläum feiern. Im Jahr 2011 starteten die vier Gesellschafter in Zusammenarbeit mit Landgard ihr Projekt, am Kraftwerk Neurath im großen Stil Tomaten anzubauen und dafür die Abwärme vom Kraftwerk zu nutzen. Gestartet mit 11 ha Gewächshausfläche, konnte bereits 2015 auf über 16 ha erweitert werden. Die nächste Intensitätsstufe war im gleichen Jahr die Installation von LED-Hybrid-Belichtung auf zunächst 2,6 ha. Heute brennen auf insgesamt 7,5 ha die Lampen für eine kontinuierliche regionale Marktversorgung.

Da wir die Neurather Gärtner in unserem Magazin bereits mehrfach vorgestellt haben, möchten wir an dieser Stelle nur auf einige Aspekte ihres erfolgreichen Tomatenanbaus eingehen. Sie haben sich der Integrierten Produktion geschmackvoller Tomatensorten von hoher Qualität für den regionalen Markt verschrieben. In Kooperation mit Landgard werden die Früchte ganzjährig an den Lebensmitteleinzelhandel vorwiegend in Nordrhein-Westfalen vermarktet. Inzwischen gibt es auch noch einen zweiten Standort im Kreis Dithmarschen, von wo aus Schleswig-Holstein und Hamburg mit Tomaten und Paprika versorgt werden.

Um ganzjährig im Geschäft zu bleiben, waren die Neurather Gärtner im Jahr 2015 die ersten deutschen Erzeuger, die in eine Belichtung für Tomaten investierten. Zwar räumt Betriebsleiter Ludwig Zeitheim ein, dass für die ersten Erfahrungen mit der LED-Belichtung viel Lehrgeld gezahlt werden musste, inzwischen funktioniert die Kombination aus Natriumhochdruckdampflampen von oben und LED-Lampen im Bestand so gut, dass 2017 die belichtete Fläche auf insgesamt 7,5 ha erweitert wurde. Auf den 16 ha in Neurath werden also zur Hälfte ganzjährig und zur Hälfte nach üblicher Saison Tomaten kultiviert.
Die vier Unternehmer haben sich der Nachhaltigkeit verschrieben. Neben Nützlingseinsatz und möglichst geringem Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln gehört dazu auch die CO2-Einsparung durch Nutzung der Kraftwerksabwärme und Einsatz von grünem Strom für die Belichtung. Durch die Nutzung von 7 Mio. kg CO2 jährlich zur Düngung ergibt sich somit eine CO2-neutrale Produktion. Selbstverständlich wird das Überschusswasser aufgefangen, mit UV-Licht entkeimt und wiederverwendet. Die Düngung erfolgt über Einzelnährstoffe im geschlossenen Kreislauf. Die Tomatensorten werden anhand von Verbraucher-Geschmackstests sorgfältig ausgewählt und auf den Markt abgestimmt.

Innovationen gegenüber sind die Neurather Gärtner sehr aufge-schlossen. Nachdem die Belichtung erfolgreich umgesetzt ist, wird auch schon mal über Ernte- und Blattschneideroboter diskutiert. Gemeinsam mit dem Kraftwerksbetreiber RWE wird auf einem Hektar der Gewächshausfläche mit einer Niedertemperaturheizung – Ziel: maximale Vorlauftemperatur 40 °C – experimentiert. Dafür wurde die Heizrohrfläche der unteren Rohrheizung verdoppelt. „Wir als Gärtner müssen uns auch in Forschungsprojekte einbringen“, sind die Neurather überzeugt und beteiligen sich beispielsweise an dem EU-Projekt TOMRES zur Erforschung der Verbesserung der Belastbarkeit von Tomaten gegenüber Trocken- und Salzstress sowie der Entwicklung von Tomaten mit geringerem Wasser- und Nährstoffbedarf.

Nachgefragt bei Carsten Knodt

Gartenbau-Profi: 16 ha in Neurath, davon 7,5 ha unter LED-Hybridbelichtung – ist das die Endausbaustufe?

Carsten Knodt: Die Zukunft ist heute noch nicht geschrieben. Wir denken jedes Jahr über verschiedene Szenarien nach, beispielsweise ob wir die anderen 8,5 ha auch noch mit Belichtung ausrüsten. Das ist im Moment aber nicht aktuell, denn das Marktumfeld gestaltet sich zurzeit so, dass das Belichten in Deutschland aufgrund der Strompreise sehr schwierig ist. Wir zahlen 17-18 Cent/kWh, während die Niederländer 4 Cent und die Belgier aufgrund von Subventionen nichts für den Strom bezahlen. Wir brauchen hier 20 Mio. kWh, da haben wir gegenüber den Mitbewerbern Mehrkosten von 2 Mio. € pro Jahr. Wenn ich die auf die 8-15 kg/m², die im Winter geerntet werden, umlege, sind wir bei mehr als 1 €/kg.

Gartenbau-Profi: Honorieren die Verbraucher Ihren Aufwand für regionale Tomaten im Winter?

Carsten Knodt: Wir bewegen uns in einem Kundenbereich von vielleicht 1-2 % der Bevölkerung, die bereit und in der Lage sind, für 200 g Tomaten 2,99 € oder 3,49 € zu bezahlen. In Frankreich und in den Niederlanden ist das anders, aber in Deutschland zählt bei Lebensmitteln immer noch „Geiz ist geil!“

Gartenbau-Profi: Wie sehen Sie Ihren Markt in Zukunft?

Carsten Knodt: Wir sind hier in einem Bundesland mit 18 Mio. Einwohnern, eigentlich könnten wir uns glücklich schätzen. Aber die Region wird der Verlierer der Zukunft sein – Braunkohle, Stahl, etc. – die ganzen großen Arbeitgeber fallen sukzessive in den nächsten Jahren weg. Anders sehe ich es an unserem Standort in Norddeutschland, dort ist Aufbruchsstimmung - grüne Energie, Wasserstoffproduktion, CO2-neutrale Zementwerke - da wird investiert und werden Arbeitsplätze geschaffen. Demgegenüber fehlt mir hier im Bundesland ein bisschen die Idee, wie es hier weitergehen soll. Von der Politik erwarten wir eigentlich viel mehr. Wir stellen uns schon die Frage, ob wir uns auf dieses Bundesland weiter konzentrieren sollen oder ob wir lieber in den Norden gehen und da mehr machen. Wir haben viele Themen, die wir noch bearbeiten könnten. Gott sei Dank ist die nächste Generation auch schon unterwegs und will bei uns mitmachen. Es wird wei-tergehen.

Gartenbau-Profi: Und was sagen Ihre Gärtnerkollegen dazu, die auch Tomaten produzieren?

Carsten Knodt: Wir 16 Tomatengärtner im Rheinland sind eine homogene Gruppe, die ihre Ware zusammenfasst, wobei jeder Gärtner für identische Artikel den gleichen Preis ausgezahlt bekommt. Als wir vier unser Projekt in Neurath umsetzen wollten, ging Unruhe durch die Gruppe, denn die anderen befürchteten, dass wir künftig die Preise kaputt machen würden. Das wollten wir natürlich auf keinen Fall! Und im Gegenteil zu den Befürchtungen konnten wir durch diesen zusätzlichen Standort die Kundenbeziehungen festigen und hatten am Ende sogar noch einen besseren Durchsatz für alle Produkte der Tomatengruppe. Das hatte für die Region hier nur positive Aspekte.

Gartenbau-Profi: Ist Ihr Modell der Kooperation mehrerer Gärt-ner die Zukunft, die dem Gartenbau das Überleben sichert?

Carsten Knodt: Der Strukturwandel ist da; wir haben viele Be-triebe, die keinen Nachfolger haben oder die zu klein sind für die Zukunft eines Nachfolgers. Der Gedanke der Zusammenarbeit mit zwei oder drei Kollegen wird von den Senioren meist verhindert, weil sie gegenüber Kumpanei sehr skeptisch sind. Unsere Großeltern hätten uns mit Sicherheit alle abgeraten von dem, was wir hier gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Ich glaube aber, das ist die einzige Chance, die Betriebe weiter zu entwickeln.
Damit die Zusammenarbeit funktioniert, bedarf es der Planung und klarer Regeln. Bei uns gilt beispielsweise die demokratische Regelung, dass 3:1 überstimmt; der eine, der anderer Meinung war, muss sich dann fügen und es geht weiter. Natürlich sollte die Gruppe eine Potentialanalyse machen, so wie wir vier es auch gemacht haben. Dann stellt sich heraus, wer welche Stärken hat, und die Aufgaben können so verteilt werden, dass jeder Spaß hat an seinem Job. Und auf einmal kann man im Sommer 14 Tage in den Urlaub fahren, ohne dass man sich Gedanken um den Betrieb machen muss.

Sabine Aldenhof