Nun also doch

Sabine Aldenhoff

Lange hatte die grüne Branche gehofft, der Corona-Skandal-Kelch würde an ihr vorübergehen. Immer wieder appellierten die Verbände an ihre Mitglieder, die Hygiene-, Abstands- und Unterkunftsregeln anlässlich der Corona-Pandemie tunlichst einzuhalten. Die Mehrzahl der Betriebe machte erhebliche Aufwände zeitlicher, logistischer und finanzieller Art, um nach bestem Wissen und Gewissen diesen Forderungen nachzukommen. Von der nervenaufreibenden Suche nach Erntehelfern und Ernteverlusten mal ganz zu schweigen. Erst Mitte Juli machte beispielsweise in Nordrhein-Westfalen die erfreuliche Meldung die Runde, dass bei Kontrollen auf Sonderkulturbetrieben (fast) keine Mängel in der Unterbringung von Erntehelfern festzustellen waren.

Und nun das: selten schafft es der Gemüsebau als erste Meldung in die Tagesschau. Auf diese Pole position hätte die Branche sicherlich gerne verzichtet. Aber am Sonntag, 26. Juli 2020, prangte die Meldung „Corona-Ausbruch in Niederbayern – 174 Erntekräfte infiziert“ auf den Bildschirmen. Der Worstcase, den Gartenbau und Landwirtschaft befürchtet hatten, war damit eingetreten: Imageverlust, wo man sich gerade in der Coronakrise - diesbezüglich als „systemrelevant“ eingestuft - einigermaßen berappelt hatte, und natürlich dauerte es keinen Tag, bis die Politik eine Verschärfung der Kontrollen auch in landwirtschaftlichen Betrieben ankündigte.

Wer im genannten sowie in einigen kleineren Fällen von Corona-Ausbrüchen auf gärtnerischen oder landwirtschaftlichen Betrieben die Verantwortlichen sind, soll hier gar nicht eruiert werden. Sicherlich gibt es Fälle, in denen die geforderten Maßnahmen von der Betriebsleitung nicht ausreichend umgesetzt worden sind. Aber zum einen gibt es Arbeiten, bei denen sich bei aller Vorsicht eine gewisse körperliche Nähe der Arbeitskräfte nicht vermeiden lässt. Zum anderen sind alle Appelle zur Vorsicht ja nicht nur an die Arbeitgeber gerichtet, sondern die Mitarbeiter trifft auch eine gehörige Portion Eigenverantwortung. Wie Augenzeugen berichten, fehlt es hier zum Teil bei den Erntehelfern - vielleicht in der Mentalität begründet - an Einsicht oder Verständnis. Da kann auch der verantwortungsbewussteste Chef mitunter machtlos sein, wenn sich Neuankömmlinge und bereits hier arbeitende Saisonkräfte allen Warnungen zum Trotz zur Begrüßung erst mal in die Arme fallen.

Andererseits kursieren zurzeit Reportagen in verschiedenen Medien, in denen Saisonarbeitskräfte „auspacken“ und von eklatanten Missständen berichten. Und das sind nicht nur Mitarbeiter der Fleischindustrie, sondern auch Erntehelfer, und zwar in Deutschland! Von mangelhaften Unterkünften, vollgepfropften Bussen auf dem Weg zum Feld, fehlenden Masken, gekürzten Löhnen, abgenommenen Pässen und weiterem Unrecht ist da die Rede. Einige der betroffenen Menschen schwören sich, nie mehr deutschen Boden zu betreten. Zwar lesen sich die Stellungnahmen der Betriebsleiter, falls die dazu bereit waren, oft weniger dramatisch, aber völlig frei erfunden werden die Erfahrungsberichte der Saisonarbeitskräfte wohl nicht sein. Die berühmten schwarzen Schafe gibt es leider überall, auch in unserer Branche. Hoffentlich wird ihnen bewusst, wie sehr sie nicht nur sich selbst und ihren Mitarbeitern, sondern dem Ansehen der gesamten Branche schaden.

Die Politik reagierte jetzt mit dem Arbeitsschutzkontrollgesetz, das in erster Linie für die Fleischbranche, aber darüber hinaus auch für die gesamte Wirtschaft gilt und deutlich mehr Kontrollen vorsieht. Außerdem müssten Unternehmen bei der Unterbringung ihrer Beschäftigten in Gemeinschaftsunterkünften bestimmte Mindeststandards einhalten. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil wies ausdrücklich darauf hin, dass diese Anforderungen auch für die Unterbringung von Saisonarbeitskräften in der Landwirtschaft gelten würden.

Auch die Europäische Kommission hat sich einen besseren Schutz der Saisonarbeitskräfte vorgenommen. Sie legte neulich Leitlinien im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie vor. Diese seien ein Weckruf an die Mitgliedstaaten und Unternehmen, dafür zu sorgen, dass sie ihrer Pflicht nachkommen, unverzichtbare, aber schutzbedürftige Arbeitskräfte zu schützen, so EU-Sozialkommissar Nicolas Schmit. Im Einzelnen hält die Kommission die Mitgliedstaaten an, menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen für Saisonarbeitskräfte zu gewährleisten bzw. diese stärker zu kontrollieren. Kleineren Arbeitgebern sei dabei praktische Hilfe zu gewähren. Das NRW-Landwirtschaftsministerium bietet beispielsweise eine Info-Hotline zur Unterstützung des Landwirtschaftssektors und der Gartenbaubranche bei Fragen rund um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die heimische grüne Branche.

Wo auch immer die Ursachen für einen akuten Corona-Ausbruch liegen, das Virus kann überall sein und kann weiterhin jeden treffen. Daher bleibt den Betrieben nichts anderes, als mit der Umsetzung und Durchsetzung der Corona-Maßnahmen am Ball zu bleiben und keinesfalls nachzulassen! Die Betriebe müssen jederzeit den nun gehäuften Kontrollen standhalten können. Und nicht zu vergessen, wie Prof. Dr. Lothar H. Wieler vom Robert-Koch-Institut Ende Juli anlässlich wieder steigender Infektionszahlen und verminderter Akzeptanz von Maßnahmen wie der AHA-Regel an die Bevölkerung appellierte: „Wir haben es wirklich zum Großteil selber in der Hand!“

„Das Virus versteht keinen Spaß!“

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident Baden-Württemberg