Norddeutscher Gemüsebautag wieder mit Querdenkerprogramm

Für die Gemüsebauer des Nordens ist der Gemüsebautag im Januar in Stillhorn bei Hamburg ein interessanter Termin, wo man hin muss, weil hier Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer zu Wort kommen, die dadurch auffallen, ein Problem oder ein Thema einmal ganz anders anzugehen. Die Fachgruppe Gemüsebau Nord-deutschland und der Wirtschaftsverband Gartenbau Norddeutschland haben es sich zu ihrem Markenzeichen gemacht, eine Tagung zu präsentieren, in der in mancher Hinsicht einmal quer gedacht wird. Auffallend viele junge Unternehmerinnen und Unternehmer füllten den mit über 100 Besuchern voll besetzten Saal.

Wolfgang Bosbach: „Sie müssen lernen ihre Anliegen in Emotionen zu fassen“<br>Foto: von Hollen

Pflanzenbau von Technik getrieben

Der Vortrag von Prof. Dr. Jens Karl Wegener, Julius Kühn-Institut in Braunschweig, fing ganz harmlos an und beschrieb die enormen Leistungen des Pflanzenbaus in den letzten Jahrzehnten. Gestern sei noch das größte Problem der Pflanzentechnik gewesen, 10-30 g Wirkstoff möglichst genau auf einen Hektar zu verteilen, meinte der Wissenschaftler, heute arbeite man daran, alle Unebenheiten der Umwelt mit noch mehr Technik in den Griff zu bekommen und gleichzeitig weiterhin mit großer Schlagkraft wirtschaftlich zu bleiben. Beispiele seien hierfür immer umfangreichere Assistenzsysteme, die Planung, Organisation und Durchführung aller ackerbaulichen Maßnahmen miteinander vernetze und in denen immer ausgeklügeltere Technik wie Sensortechnik oder Direkteinspeisungsmaschinen eingesetzt werde.

Zoo der autonomen Kleintechnik

„Es stellt sich die Frage, wo die Reise eigentlich hingeht?“, fragte Prof. Wegener seine Zuhörer. Solle man bei dem Baukasten „größer, schneller, breiter“ bleiben? Es gäbe noch eine weitere Variante: Der Zoo der autonomen Kleintechnik. Hier bedachte das Publikum Prof. Wegener mit unterdrücktem Gelächter, als er kleine Roboter zeigte, die auf einem Feld zwischen den Reihen herumfuhren. Doch der Wissenschaftler ließ sich nicht beirren und kam zum Kern seines Anliegens: „Die Art, wie wir Pflanzen anbauen, ist seit mindestens 50 Jahren technisch getrieben. Es hat nie jemand gefragt: Wie geht es der Pflanze? Aus meiner Sicht - und ich bin Techniker - sind neue intelligentere Konzepte erforderlich, die sich nicht allein auf die Technik fokussieren, sondern die Pflanze in den Mittelpunkt stellen“, betonte Wegener.

Perspektivenwechsel

Der engagierte Redner schaffte es im Folgenden, dass die Zuhörer sich auf einen Perspektivenwechsel einließen und am Ende über kleine Feldroboter, die mit Solarzellen auf dem Rücken quer durch die Reihen stürmten, nicht mehr lachten. Er machte klar, dass es nicht nur eine Stellschraube „Technik“ gibt, um die Ziele - Erhöhung der Erträge, Verminderung des Ressourceneinsatzes und gesellschaftliche Akzeptanz - zu erreichen. Viele andere Möglichkeiten seien in der Vergangenheit zu sehr vernachlässigt worden, ist sich der Professor sicher.

Dazu gehöre die verbesserte Zuordnung von Kulturpflanzen zu den passenden Standorten, optimierte räumliche und zeitliche Nutzung natürlicher Ressourcen z.B. durch Sorten- und Kulturpflanzenkombination, effizienter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln durch Teilflächen- oder Einzelpflanzenbehandlung sowie auch Stärkung von funktionalen Strukturen wie Hecken und Blühelemente. 

Spot-Farming

Ein Lösungsweg sei das Spot-Farming, erklärte der Institutsleiter für Anwendungstechnik. Landwirtschaftliche Flächen seien bezüglich Bodenart, Wasserversorgung, Höhenprofil usw. selten homogen. Durch die Definition von „Spots“ mit weitgehend homogenen Eigenschaften, die individuell bewirtschaftet werden, könnten kleinräumige Unterschiede berücksichtigt werden. Dabei sei denkbar, diese Spots nicht nur bezüglich Düngung und Pflanzenschutz angepasst zu bewirtschaften, sondern auch bezüglich der Kulturpflanzenart, Bodenbearbeitung usw.

Gleichstandsaat

Auch die Drillsaat passe nicht in das Konzept „Perspektive Pflanze“. Eine Gleichstandsaat ermögliche maximalen Standraum und Licht für die Einzelpflanze. Notwendiges Saatgut und Beizmengen könnten reduziert und phytosanitäre Vorteile genutzt werden. Mit den dünneren Beständen würden Pflanzenschutzmittel eingespart und eine Bodenbearbeitung und eine mechanische Unkrautbekämpfung in alle Richtungen möglich.

Heute wird immer intensiver in genetische Ressourcen für Toleranz- und Resistenzeigenschaften investiert. Das geht in der Regel auf Kosten des Ertrages. Wenn ein neues Pflanzenbausystem die natürlichen Abwehrmechanismen der Pflanzen stärke und den phytosanitären Druck reduziere, dann könnten mehr genetische Ressourcen in der Züchtung zugunsten des Ertrags verlagert werden, schlussfolgert der Professor.

Schwarmarbeiter Miniroboter

Wie können solche Bewirtschaftungssysteme umgesetzt werden? Um Düngemittel zeitlich und räumlich präzise im oder auf dem Boden abzulegen, um Pflanzenschutzmittel kleinräumig gezielt zu applizieren oder um mechanische Unkrautbekämpfung lokal durchzuführen und auch um Erntemaßnahmen zu individualisieren, sind Systeme notwendig, die hochaufgelöste Informationen verarbeiten können sowie Maschinen, die diese Arbeit kostengünstig erledigen. Und damit war Prof. Wegener bei seinen Minirobotern angelangt. Diese können in Schwärmen arbeiten, besitzen ständige Einsatzbereitschaft und können untereinander koordiniert werden. In einer aufwändigen Untersuchung wurde die Wettbewerbsfähigkeit eines konventionell bewirtschafteten, 150 ha großen Weizenschlages mit der Bewirtschaftung von autonomen Robotern gegenübergestellt. Die Kosten der Methode „Miniroboter“ sind grundsätzlich mit den Größenordnungen heutiger Verfahren vergleichbar.

Autonome Maschinen bieten diverse Vorteile, wirbt der Professor für seine Ideen, Arbeitskraft werde eingespart und könne alternativ eingesetzt werden, es bestünde ein geringeres Risiko für den Ausfall von Maschinen, neue gezieltere Bewirtschaftungsmethoden, die der Einzelpflanze gerecht werden, seien möglich und eine echte ökonomische Alternative zum chemischen Pflanzenschutz.

Fakten in Emotionen fassen

„Wie verschaffen sie sich bei politischen Entscheidungsträgern Gehör?“ Auf diese Frage sollte Wolfgang Bosbach, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter und selbständiger Rechtsanwalt, eine Antwort geben. Um eigene Interessen durchzusetzen, sei es vor allem wichtig, bei der Wahrheit zu bleiben, riet Bosbach. Allerdings sei es aber auch völlig aussichtslos, mit nüchternen Fakten gegen Emotionen anzukämpfen, wie es häufig in der öffentlichen Diskussion rund um Lebensmittel und Lebensmittelproduktion geschehe. „Deshalb müssen sie lernen, das, was sie fachlich und sachlich für richtig halten, in Emotionen zu fassen“, appellierte der Politiker an seine Zuhörer.

Sind Sie dafür oder dagegen?

Der Kunde wolle meistens beides, den Teig essen und den Kuchen backen. Das heißt, die Qualitätsansprüche an Produkt und Produktion stiegen ständig, aber der Preis müsse gleichzeitig niedrig bleiben, erläuterte der Rechtsanwalt. Wenn Sie Politikern erklärten, dass mit niedrigen Preisen, mit noch mehr Auflagen, mit noch mehr Bürokratie ihre Existenz bedroht sei, so bringe das gar nichts. „Politiker kommen und gehen, aber die Probleme bleiben. Fragen Sie konkret, wie sich der oder die Abgeordnete bei dieser oder jener Abstimmung verhalten wird. Stimmt er oder sie mit ja oder nein? Fragen Sie direkt: „Sind Sie dafür oder dagegen?“, empfiehlt Bosbach. Und genau so sei es auch mit den Forderungen. Allgemeinplätze sollten vermieden werden. Man müsse anhand der Verordnungen und Gesetze genau formulieren, welche Maßnahme, welche Bestimmung man genau nicht wolle oder eben wolle, rät der CDU-Politiker. Online-Petitionen seien ebenfalls eine moderne Methode, die eine ungeheure Breitenwirkung hätten und unbedingt genutzt werden müssten.

Bosboch betonte in diesem Zusammenhang, wie wichtig die parteipolitische Arbeit sei. Nur 1,8 % der wahlberechtigten Deutschen gehörten einer Partei an. Das bedauere er sehr, denn für keine Staatsform sei das politische Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger so elementar wichtig, wie für die Demokratie.

Nur eine gute Idee, viel Mut und viel Naivität

Wer träumt nicht davon: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Nicht ganz, aber fast so erging es drei BWL-Studenten Marco Knauf, Inga Koster und Nic Lecloux aus Bonn. Nicolas Lecloux von true fruits GmbH in Bonn stellte den Tagungsteilnehmern vor, wie die drei ehemaligen Kommilitonen es geschafft haben, eine eigene Marke zu kreieren mit nichts in der Hand als einer Idee, viel Mut und einem großen Quantum an Naivität. Vor fast 15 Jahren wunderten sich zwei der Gruppe anlässlich eines Auslandspraktikums in Schottland, dass man überall kleine Flaschen mit püriertem Obst als leckere und gesunde Zwischenmahlzeit kaufen konnte. Obstverzehr ohne das Problem zu haben, klebrige Finger zu kriegen, sich mit der Entsorgung von Schalen abzumühen oder viel Zeit zu investieren. Diese sogenannten Smoothies gab es in Deutschland noch nicht. Im Rahmen des Studiums wurde ein Businessplan für diese Idee entworfen und dann war der Wille da, aber die Hindernisse groß. Wo sollte das Getränk produziert werden? Wie sollte es verpackt werden? Welche Vermarktungswege sollten gewählt und beworben werden? Und wo sollten die 300 000 € Startkapital herkommen?

Nur Früchte, kein Konzentrat, keine Zusatzstoffe

Die drei hatten schon Vorarbeit geleistet und selbst Früchte gemischt, gerührt und probiert. Ziel war es, nur Früchte zu verwenden, keine Zusatzstoffe und keine Fruchtkonzentrate. So entstand auch der Name „true fruits“. Die Jungunternehmer holten sich fachlichen Rat bei einem renommierten Professor der Lebensmitteltechnologie ein, der die drei und ihre Kochkünste erst einmal auslachte und klar stellte, dass man ein solches Getränk nicht einfach in der privaten Küche zusammenmixen könne. Der Professor riet den jungen Leuten einen Fruchtsafthersteller zu suchen, der die Technik und das Knowhow hat, um genau das zu produzieren, was die drei sich vorstellten. Das war nicht so einfach. Immerhin brauchte der Hersteller erst einmal Geduld, denn Mengenvorstellungen, Flaschenformen, Design – das alles gab es erst einmal noch sehr provisorisch.

Traumkunde Starbucks ging schief

An das Design hatten die drei sich schon herangemacht. Es gab eine Zeichnung der Flasche, die unbedingt aus Glas sein sollte, und eine besondere Deckelform verpasst bekommen sollte. Man wollte sich deutlich abgrenzen. Die Flaschen waren teuer, weil kein Standard und mussten in einer hohen Stückzahl hergestellt werden. Dann wurden Klinken geputzt. Traumkunde der Unternehmer war Starbucks. Hier tauchten sie mit ihren Getränkeproben und der Zeichnung in der Zentrale in den Niederlanden auf. Natürlich war dieser Auftritt nicht von Erfolg gekrönt. Auch die Bemühungen in die Tankstellenshops zu kommen, schlugen zuerst fehl, da man hier beim Großhandelsunternehmen Lekkerland AG & Co. KG gelistet sein musste. Dann war da noch das Problem der Geldbeschaffung. Keiner der drei hatte finanzielle Mittel. Ein Gründerkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau deckte nur die Hälfte der benötigten Summe ab. 

Glück und auf die Nerven gehen

An allen Ecken traten die drei frisch gebackenen BWLer auf der Stelle. Doch das junge Team ließ sich nicht entmutigen. Sie fanden einen privaten Geldgeber, den sie von ihrer Idee überzeugen konnten, weil sie ihm einfach ihre vertrackte, ja verzweifelte Situation erklärten. Dann belagerten sie den Getränkeeinkäufer der Aral-Kette „Petit Bistro“ so lange per E-Mail, bis sie eine Chance bekamen. Die drei stellten ihr Projekt auch bei Wettbewerben vor und von dem Preisgeld kauften sie sich erst einmal ordentliche Anzüge bzw. ein Businesskostüm.

Wenn es gefällt, kauf es!

Nicolas Lecloux erzählte die Geschichte so launig wie gerade dargestellt, aber jedem im Saal war klar, wie viel Glück die Unternehmer gehabt hatten, dass aber auch viel Herzblut, Durchhaltevermögen und ungewolltes Marketinggeschick dahinter steckte. „Wir laufen dem Kunden nicht hinterher. Wenn es gefällt, kauf es!“, definiert Lecloux die Philosophie des Unternehmens. Sie wollen mit ihrem Produkt den Zeitgeist treffen. Kein Familienidyll, wo die Eltern auf gesunde Ernährung stehen. Qualität ist für die Smoothie-Hersteller selbstverständlich. Im Vordergrund steht, dass ihr Produkt lecker schmeckt, Natur pur ist und der Konsum Spaß macht. Flotte Sprüche gegen den Mainstream machen auf sich aufmerksam. Auf den Flaschen ist Platz für lustige Texte, die alle vier bis sechs Wochen wechseln. Solche Sätze wie „Smoothie-Trinker sterben auch“ sind noch harmlos. Leider wagen es die Unternehmer auch, eindeutig sexistische oder rassistische Texte einschließlich Gestaltung auf die Freiflächen zu drucken. Aussagen, über die man am Stammtisch vielleicht noch lacht. Das ging wohl lange gut.

Provokant

Das Unternehmen macht nach eigenen Angaben keine klassische Werbung. Allerdings sind sie auf Instagram und Facebook unterwegs. Dabei würden sie weniger Wert auf die Follower-Raten legen, sondern eher auf die Anzahl der Interaktionen. Modern, aber auch gefährlich. Provokante Aussagen erregen das Interesse, aber haben auch im letzten Jahr einen medialen Shitstorm heraufbeschworen, dem die Macher von true fruit nicht mehr Herr wurden.  

Die Flaschen mit ihren unterschiedlichen oft harmlosen Aufschriften haben mittlerweile einen Sammelwert. Man kann auch Aufsätze für Pfeffer, Salz, Öl bestellen und den true fruit-Gefäßen so eine dauerhafte Nutzung angedeihen lassen.

True fruits GmbH wurde 2009 mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet und setzt heute über 40 Mio. € jährlich um. Die Eckes-Granini Group übernahm Anfang 2018 35 % des Unternehmens. Eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte ungewöhnlicher Unternehmer.

Josefine von Hollen