Der Himbeerhof Moorhörn liegt rund 20 km östlich der Landeshauptstadt Kiel. Hauke und Gaby Klindt bewirtschaften den Familienbetrieb gemeinsam und haben erst vor vier Jahren die Produktpalette mit dem Anbau von Erdbeeren erweitert. Bis dahin konnte man auf dem Betrieb an einer gut befahrenen Straße mit intensiven Kieler Pendlerverkehr vor allem Himbeeren selbst ernten und direkt kaufen.
„Wir haben uns dazu erst entschlossen, als ein Nachbar mit dem Erdbeeranbau aus Altersgründen aufhörte und wir Luft für Neues hatten. Wir übernahmen die Flächen, aber nicht viel an Technik“, berichtet Hauke Klindt. Die Devise war „Wenn, dann richtig!“ und so investierten die Betriebsleiter rund 600 000 € in Maschinen, Folienhäuser und Infrastruktur.
Ein gewagter Schritt in die Betriebserweiterung, denn die Klindts bewirtschaften noch 200 ha Ackerfläche in einer Betriebsgemeinschaft mit insgesamt 500 ha. „Die gemeinsame Bewirtschaftung hat mir so viel Zeit eingespart, dass ich die Sauenhaltung aufstocken konnte“, erklärt Hauke Klindt. Heute hält der Landwirt 380 Zuchtsauen, mit denen er rund 10 000 Ferkel im Jahr produziert, wovon 8 500 selbst gemästet werden. Nach der Einstellung von zwei Mitarbeitern hatte Klindt wieder Zeit und den Kopf frei für neue Ideen. „Die Selbstpflücke bei den Himbeeren lief gut und ich ahnte, dass hier noch viel Potential war“, erläutert Hauke den Schritt, in die Erdbeerproduktion einzusteigen.
Selbstpflücke als neues Standbein
Heute bewirtschaftet der Betriebsleiter 9 ha Erdbeeren, davon 7 500 m² auf Substrat im Tunnel direkt am Betrieb und 2 ha Tunnelanbau in 700 m Luftlinie zum Betrieb. So wurden die Erdbeeren neben den Himbeeren in kurzer Zeit zu einem Hauptstandbein. Auf einem weiteren Hektar wachsen noch Stachelbeeren, Johannisbeeren und andere Beerenfrüchte für die Direktvermarktung. Ca. 80 % der Beerenernte werden durch die Selbstpflücke vermarktet, die verbleibenden 20 % der Ernte werden in den fünf Verkaufsständen der Region und im eigenen Hofladen verkauft.
„Dass die Erdbeere die beliebteste Frucht Deutschlands ist, haben wir gleich zu Beginn gemerkt. Denn die Vermarktung über die Selbstpflücke lief sehr gut an“, erzählt Klindt über die Anfänge, „wir waren sehr erstaunt, dass jetzt viele Neukunden kamen, die bisher nicht mitbekommen hatten, dass hier schon seit Jahrzehnten Himbeeren produziert und verkauft wurden. Himbeeren sind eben eher etwas für Insider. Die Erdbeere spricht aber alle an.“
Kunden wollen klare Regeln
Die Klindts sind die einzigen in der Region, die Selbstpflücke für Erdbeeren und Himbeeren anbieten – dies ist ein Riesenvorteil. Kiel ist nur 20 Autominuten entfernt und im Sommer finden sich viele Touristen ein. „Die Leute wollen Regeln, eine klare Organisation und ein sauberes ordentliches Umfeld“, betont der Erdbeeranbauer, „die Kunden kommen mit `Pütt und Pann´, die am Stand leer gewogen werden und dann geht es aufs Feld.“ Hier weisen je nach Andrang ein bis zwei Mitarbeiter die Kunden ein und zeigen, welche Reihe in welchem Abschnitt bepflückt werden darf. Am Verkaufsstand wird dann die Ware gewogen und bezahlt. Das Kilo kostet 4,20 €.
Zumeist werde für den täglichen Bedarf gepflückt und nicht mehr wie früher in großen Mengen, so der Erdbeeranbauer. Hin und wieder kämen auch Familien, die das System etwas ausnutzten und die sich dann stundenlang auf dem Feld aufhielten und nur ein Pfund Erdbeeren kauften. „Naschen ist natürlich erlaubt, aber in Maßen. Da muss man manchmal auch durchgreifen“, gesteht Hauke Klindt ein.
Die Selbstpflücke wird eröffnet, wenn die 20 Saisonarbeitskräfte mit der Ernte nicht mehr hinterher kommen. Diese Zeit beginnt ca. Mitte Juni. Dann sind die Tunnelflächen abgeerntet und die Freilandernte kommt in Gang. „Wenn in den Tunneln so viele Erdbeeren geerntet werden könnten, dass wir sie nicht gepflückt bekommen, würden wir auch hier über Selbstpflücke nachdenken. Letztendlich geht es immer um die Vermarktung“, resümiert Klindt.
Der Nachteil der Selbstpflücke ist natürlich, dass nicht so kontinuierlich und ordentlich gepflückt wird und die überreifen, faulen Erdbeeren entfernt werden. „Die Kunst ist dann, die Kunden richtig einzuweisen. Manche wollen vor allem reife Erdbeeren pflücken, andere eher die hellrosanen. Manche pflücken nur die, die sofort ins Auge springen und versäumen es, das Blätterdach einmal wegzuschieben“, erklärt Klindt das Verhalten seiner Kunden.
Kundenströme geschickt lenken
Natürlich hängt vieles von der Witterung ab. Wenn die Sträucher voll überreifer Früchte hängen, sei das genauso schlecht fürs Image wie umgekehrt, so Klindt. Deshalb sei es sehr wichtig, dass alle Flächen regelmäßig und intensiv gepflückt würden und über Werbung und Lenkung der Kundenströme sowie regelmäßige Kontrolle die Flächen für die Selbstpflücke in Schuss gehalten würden. Allerdings müsse auch das Wetter mitspielen. Die Kunden kommen, wenn kein Strandwetter ist und man für die Familie ein alternatives Beschäftigungsprogramm sucht.
Auch bei Himbeere wird Selbstpflücke angeboten. „Das ist einfacher zu organisieren“, berichtet Hauke Klindt, „zwischen den Himbeerreihen kann man nun mal nicht hin und her laufen wie bei den Erdbeeren.“ Auch diese Flächen sind in unmittelbarer Nähe des Betriebes. Die Himbeeren werden im Hofladen und auf den Ständen mit vermarktet. Alle Beerenfrüchte, die als Rücklauf zurück auf den Betrieb kommen, verarbeitet Gaby Klindt in der Café-Küche zu Marmelade, Säften, Likören u.a.
Selbstpflücker bekommen TOP-Qualität
„Unsere Kunden bekommen bei uns immer TOP-Qualität. Das ist uns sehr wichtig“, betont Gaby Klindt. Deshalb wandern auch die Flächen an Hof mitsamt Bewässerung, Stromanschluss und Verkaufsbüdchen regelmäßig, sodass immer hochwertige Pflanzen erstklassiger Sorten zur Ernte anstehen. Das Sortenspektrum ist vielfältig und entspricht dem hohen Anspruch von Direktvermarktern an Geschmack und Qualität. Die bewährten Sorten `Flair´ und `Faith´ dürfen nicht fehlen. Die aromatische Sorte `Ines´ für Substratkulturen ist im Programm und `Magnum´, die sich als ein guter Kompromiss zwischen Haltbarkeit und Geschmack gezeigt hat. Die Selbstpflücke ist hier keine Nebeneinnahme oder ein Teil der Werbung, um Kunden anzulocken, sondern zentrale Verkaufsstrategie. Deshalb werden die Kunden hier nicht, wie oft üblich, in überalterte oder schon abgeerntete Anlagen geschickt.
Café und Hofladen kamen dazu
Der Anbau der Erdbeeren brachte aber für die Familie noch einschneidendere betriebliche Veränderungen mit sich. „Viele Kunden wollten nach getaner Erntearbeit gerne noch einen Kaffee trinken oder auch ein Stück Kuchen essen“, erläutert Gaby Klindt, „zuerst haben wir das alles mit Gartengarnituren und Thermoskannen sehr rustikal auf dem Feld angeboten. Aber irgendwann ging das nicht mehr.“ Die Klindts entschieden sich, auf dem Hof ein Café mit Terrasse, sanitären Anlagen und 120 Außensitzplätzen zu errichten. Vor allem die Städter und die Touristen genießen dieses Angebot und so wurde Café und Hofladen schnell zum Saisonrenner.
Corona-Krise und die Folgen
In diesem Jahr wurde das Café am 27. April geöffnet. Damit beginnt für die Klindts immer eine sehr intensive, arbeitsreiche Zeit. Leider stellten die Betriebsleiter fest, dass aufgrund der Coronakrise die notwendigen Bedingungen nicht tragbar waren. 50 % der Tische durften nicht besetzt und zwei zusätzliche Arbeitskräfte mussten eingestellt werden, um das Hygienekonzept umzusetzen. Die Besucherströme zwischen Feld, Verkaufsbüdchen und Café mussten geregelt und überwacht werden. „Das lohnte sich nicht, so haben wir das Café schnell wieder geschlossen und erst mit Beginn der Himbeerernte am 1. Juli aufgemacht“, erklärt Gaby Klindt. Vor allem sei es zeit- und nervenaufwändig gewesen, die Kunden immer wieder daraufhin zu weisen, die vielen Regeln mit Maske, Abstand und Wegführung einzuhalten.
Bei der Selbstpflücke und der Direktvermarktung über die Verkaufsstände bewahrheiteten sich die Befürchtungen, dass die Corona-Epidemie die Kunden fern halten würde, nicht, stellen die Klindts erleichtert fest. Die geringen Importe und die deutschlandweite geringere Erzeugung hielt die Preise für die Erzeuger auf einem erfreulichen Niveau. „Im Gegenteil: Die Selbstpflücke lief bestens. Auf dem Feld kann man die Abstände einhalten und trotzdem ein schönes Erlebnis mit der Familie haben. Regionale Produkte sind außerdem so `in´ wie nie“, versucht Hauke Klindt eine Erklärung.
Vorteile der Direktvermarktung
Hauke und Gaby Klindt sind zufrieden. Sie haben es in nur vier Jahren geschafft, den Markt für Erdbeeren in der Region zu bedienen und auszufüllen. „Wenn wir das nicht gemacht hätten, wären schnell die großen, landesweit agierenden Erdbeeranbauer gekommen, um die Lücke zu füllen. Nachdem, was wir aufgebaut haben, brauchen wir vor der Konkurrenz heute keine Angst zu haben“, erklärt Klindt, „wir haben viele Vorteile: Wir produzieren höchste Qualität und wir produzieren regional.“ Der LEH müsse in erster Linie auf Haltbarkeit achten, die Direktvermarkter in erster Linie auf Geschmack. Ein großer Nachteil für die Großen sei vor alle die Anonymität. Unsere Verkäufer in den Verkaufsständen stehen hinter der Ware und vor Ort werde noch einmal durchsortiert, wenn es nötig ist. Dies alles sichere dem Kunden optimale Qualität und dies könne man auch preislich am Markt durchsetzen, so der Unternehmer.
Kirschessigfliege schließt Verspätung aus
Um die Saison zu verlängern, wurden seit zwei Jahren die Himbeeren verspätet. Eine Ernte wäre noch bis Mitte Ende August möglich. Das passt ganz gut mit den Erdbeeren „und wir könnten dann auch das Café noch eine Weile länger öffnen“, sagt Hauke Klindt, „doch leider macht uns seit letztem Jahr die Kirschessigfliege einen Strich durch die Rechnung. Diese Entwicklung ist wohl dem Klimawandel geschuldet.“ Der Himbeerproduzent wird nächstes Jahr nicht mehr verfrühen, sondern am 1. August aufhören. Leider verschont der Schädling auch andere Früchte wie z.B. die Blaubeere und die Brombeere nicht. Pflanzenschutzmittel will Klindt nicht einsetzen: „Die Fliege mag die norddeutschen Sommer mit 20 Grad und hoher Luftfeuchte. Zwar gibt es Mittel mit geringer Wartezeit, aber das wollen wir nicht. Wir haben zu engen Kundenkontakt. Die Diskussion wollen und können wir uns nicht leisten.“
Josefine von Hollen