Gartenbau-Profi: Vielen Dank Herr Keller, dass Sie sich in dieser turbulenten Phase Zeit in der vorletzten April-Woche für unser Gespräch nehmen. Schildern Sie uns kurz: Was ist gerade bei Ihnen auf dem Betrieb los?
Matthias Keller: Bereits seit Februar sind wir in den Gurken und Auberginen in der Ernte, seit März gibt es auch die ersten Paprika. Wie wohl alle Betriebe hatten wir einen Engpass an Mitarbeitern; uns standen zu Beginn des Shutdowns rund 25 % weniger Helfer aus Rumänien und Moldawien zur Verfügung. Wir haben die fehlenden Arbeitskräfte mit Helfern aus der Region ausgeglichen und anfangs deutlich mehr Leute eingestellt als wir normalerweise einplanen - das hat sich bewährt. Die Erfahrung zeigt: Ungefähr zwei Drittel der hiesigen Mitarbeiter – vornehmlich waren dies Studenten und arbeitslos Gewordene, die zuvor in der Gastronomie tätig waren – haben nach wenigen Stunden aufgegeben. Ein Drittel erwies sich als zäh genug für unsere Jobs in den Gewächshäusern und diese Mitarbeiter tragen die Betriebsabläufe nun mit. Nächste Woche kommt eine neue Gruppe rumänischer Saisonkräfte eingeflogen.
Gartenbau-Profi: Welche hygienischen Vorkehrungen treffen Sie für Ihren Betrieb und die Mitarbeiter?
Matthias Keller: Zunächst werden die neu eingeflogenen Mitarbeiter für 14 Tage komplett von den übrigen Mitarbeitern isoliert. Sie arbeiten in einem separaten Team. Arbeitspläne sind so eingeteilt, dass auch auf den Gängen und in den Pausenräumen kein Kontakt stattfindet. Zusätzlich zu unseren bestehenden Unterkünften haben wir Wohncontainer bestellt, so ist das neue Team auch ganz separat vom sonstigen Betrieb untergebracht.
Auch haben wir eine partielle Mundschutzpflicht eingeführt – sie gilt in Pausenräumen und z.B. an Sortierbändern –, überall dort, wo die Mindestabstände nicht einhaltbar sind. In den Gewächshäusern sehen wir von der Mundschutzpflicht ab – hier lassen sich große Abstände leicht einhalten und ein Mundschutz ist bei den steigenden Temperaturen einfach nicht zumutbar. Wir haben drei zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, damit alle Hygienemaßnahmen im Alltag gut umgesetzt werden können. Dazu zählt auch das regelmäßige Desinfizieren aller Schalter, Türklinken und Arbeitsgeräte, die von verschiedenen Personen genutzt werden.
Gartenbau-Profi: Das klingt nach Mehrkosten?
Matthias Keller: In der Tat. Aktuell liegen unsere Produktionskosten rund 20 % höher als im Normalbetrieb. Das Personal ist der Hauptfaktor. Auch die Kosten für zusätzliche Mitarbeiterunterkünfte schlagen real zu Buche. Desinfektionsmittel und Mundschutz fallen weniger ins Gewicht.
Gartenbau-Profi: Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Mehrkosten zu stemmen?
Matthias Keller: Nach wie vor – seit Beginn des Shutdowns - können wir nur von Tag zu Tag entscheiden und hoffen, dass wir über die Runden kommen. Wir vermarkten unsere Ware über die Erzeugergenossenschaft Reichenau, zum Großteil bestehen hier Anbauverträge mit unseren Kunden. Auf dem freien Markt wäre es vermutlich leicht, höhere Preise zu erzielen – in unserem Fall sind wir auf den Wohlwollen unserer Vertragspartner angewiesen. Wir sind mit ihnen im Gespräch.
Gartenbau-Profi: Sind die aktuellen Mehrkosten für Ihren Betrieb existenzbedrohend?
Matthias Keller: Die Herausforderungen werden nicht weniger, aber existenziell ist es für uns noch nicht. Das kann sich schnell ändern, wenn ein oder gar mehrere Coronafälle in unseren Teams auftreten sollten und wir im Ernstfall sogar gezwungen sind, den Betrieb zu schließen. Hierfür gibt es weder betriebsintern noch politisch aktuell eine Lösung. Wir tun unser Bestes und hoffen von Tag zu Tag, dass dieser Fall nicht eintreten möge.
Gartenbau-Profi: Welche Entwicklungen beobachten Sie beim Kundenverhalten?
Matthias Keller: Unmittelbar nach dem Beschluss zum Shutdown stieg die Nachfrage für ein paar Tage um das Vierfache. Und dann wurde eine Woche lang gar nichts gekauft. Mittlerweile habe ich den Eindruck, die Nachfrage nach unseren Produkten hat sich stabilisiert, auf einem etwas höheren Niveau als sonst. Ich führe das in erster Linie darauf zurück, dass die Lieferzuverlässigkeit ausländischer Ware gerade nachgelassen hat.
Gartenbau-Profi: Welche Gedanken gehen Ihnen hinsichtlich einer langfristigen Betriebsplanung durch den Kopf?
Matthias Keller: Ich glaube, da wagt gerade niemand etwas zu prognostizieren. Auf der einen Seite führt die Coronakrise zu einem steigenden Interesse der Bevölkerung an der Herkunft ihrer Lebensmittel – gleichzeitig hat sie aber auch viele Menschen in wirtschaftliche Bedrängnis gebracht. Ob jeder, der nun stärker über Regionalität nachdenkt, auch mittel- und langfristig die finanziellen Mittel haben wird, hochwertige und regionale Lebensmittel zu kaufen, das muss sich erst noch zeigen.
Gartenbau-Profi: Hat die Krise für Sie auch etwas Positives?
Matthias Keller: Es überwiegt schon das Anstrengende. Wir schauen von Tag zu Tag, und ich würde sagen: „Es ist nicht einfach, aber es läuft“.
Das Gespräch mit Matthias Keller führt Katja Brudermann