Die vergangenen zwei Jahre haben den Produzenten einiges abverlangt. Extreme Wetterbedingungen sowie zeitweise nicht zufriedenstellende Preise waren bezeichnend für die letzten Jahre. Hinzu kommen ständig steigende Produktionskosten und Engpässe bei der Verfügbarkeit geeigneter Arbeitskräfte. Aus diesem Grund standen beim diesjährigen Rheinischen Gemüsebautag neben zahlreichen Pflanzenschutzthemen auch betriebswirtschaftliche Themen im Fokus, um die Gemüsebaubetriebe bei einer langfristigen Unternehmensführung und Unternehmensplanung in den Betrieben zu unterstützen.
„Man muss jede Herausforderung auch als Chance sehen“, unterstrich Dr. Bernd Hardeweg vom Zentrum für Betriebswirtschaft in Gartenbau e.V. (ZBG) an der Universität Hannover. Insbesondere in Krisensituationen müsse man Strategien für die Zukunft entwickeln. Dies sei allerdings nur möglich, wenn man auch den Weg seines Betriebes und die zukünftige Entwicklung bzw. die Möglichkeiten kenne. „Am Anfang einer Strategieüberlegung ist abzuwägen, wie ich mit meinem Betrieb dastehe?“, so Dr. Hardeweg. Dabei sollte man sich im Klaren über die Ausgangsbasis, derzeitigen Stärken oder Schwächen oder die zur Verfügung stehenden Ressourcen sein. Eine gute Möglichkeit, seinen Betrieb zu beurteilen, sei der Vergleich mit anderen Unternehmen. Dr. Hardeweg forderte die Gemüsebauer auf, sich mit seinem Betrieb zu beschäftigen. „Bei einem Betriebsvergleich erhalten Sie eine ganz individuelle Auswertung“, so der Betriebswirt. Im Vergleich der Betriebe zeigen sich auch deutliche Unterschiede beim Erfolg innerhalb der Sparte sowie der Größenordnung. Nur knapp ein Drittel der deutschen Gemüsebaubetriebe wirtschaftete im Jahr 2017/18 erfolgreich.
Der Betriebserfolg sei individuell und steuerbar, so Dr. Hardeweg weiter. Als Instrument dient der Betriebsvergleich 4.0. „Am einfachsten ist ein Betriebsvergleich über die Beratung oder Steuerberatung durchzuführen.“ Für die individuelle Auswertung sind der Jahresabschluss und Angaben zu Arbeitskräften, Flächen und Absatz erforderlich. Teilnehmende Unternehmen benötigen einen Beratungsbrief sowie einen Online-Zugang. Dr. Hardeweg betone auch, dass die Teilnahme anonymisiert sei und die einzelbetrieblichen Daten ausschließlich an Datenlieferanten und nicht an Steuerbehörden oder Banken ausgegeben werden. Veröffentlicht werden ausschließlich Mittelwerte von mindestens fünf Betrieben. Zudem ist die Datenbasis für Datenlieferanten und Mitglieder des ZBG kostenfrei.
Die Auswertung der Daten ist sehr übersichtlich und wird im Schulnotensystem dargestellt. So erhalte man eine gute Übersicht der eigenen Betriebskennzahlen und des Erfolges gegenüber der Vergleichsgruppe. Ein identischer Aufbau der meisten Auswertungen sorge für Klarheit. Zudem können kurze Erläuterungen und weitergehende Analysen zu den Ergebnissen einen ersten Ansatz in der Ursachenforschung bieten.
„Nutzen Sie den Betriebsvergleich“, forderte Dr. Hardeweg abschließend die Gemüsebauer noch einmal auf. „Er ist hilfreich bei der Argumentation in Kreditgesprächen und bietet bei einer Betriebsübergabe eine gewisse Transparenz.“ Außerdem kann er bei der Kommunikation mit Mitarbeitern helfen oder bei der Vernetzung mit anderen Unternehmen unterstützen. Indirekt können die Daten als Basis für Ausbildung oder auch für politische Entscheidungen bzw. Verbandsarbeit genutzt werden. Darüber hinaus diene der Betriebsvergleich für Sachverständige als Datenbasis beispielsweise bei Versicherungsentschädigungen oder Zugewinnausgleich.
Mitarbeiter binden
Immer schwieriger wird es für die Betriebe, ausreichend Arbeitskräfte zu beschaffen. Wie man Mitarbeiter an seinen Betrieben binden kann, zeigte Magret Wicke sehr anschaulich mit zahlreichen Tipps und Anregungen beim Rheinischen Gemüsebautag in Herongen auf. „Mitarbeitende zu finden, erfordert ein gutes Image“, betonte Wicke eingangs. Das Ziel des Unternehmens sollte sein, ein festes Stammpersonal zu finden und dies zu halten. Dabei sorgen Normen und Werte für eine Identifikation zu dem Betrieb. Ganz nach dem Motto: „tue Gutes und rede darüber“ sollte man die Vorteile für die Angestellten auch nach außen tragen. Gute Arbeitsbedingungen, beispielsweise ergonomische Arbeitsplätze oder geltende Werte werden von der Belegschaft weitertransportiert. „Die Identifikation zu einem Betrieb erfolgt über Gefühle“, unterstrich Wicke. „Machen Sie Ihren Betrieb zu einem Markenzeichen und bauen Sie sich ein Image als Arbeitgeber auf.“ Für Angestellte muss ein Betriebsleiter fair, vertrauensvoll, ehrlich, glaubwürdig, loyal sowie selbstbewusst und verbindlich sein. „Kommunizieren Sie auch ab und zu Ihre Vorteile bzw. die Ihres Betriebes“, riet die Beraterin.
Wicke betonte, dass Mitarbeiterführung ein sehr wichtiges Thema sei und jeder Personalverantwortliche solle beachten, dass man Frauen anders als ihre männlichen Kollegen ansprechen müsse (s. Tabelle). Um die Arbeitskräfte zu halten müsse das Arbeitsverhältnis möglichst attraktiv sein. Gute Arbeitsbedingungen machen produktiver. Dabei spielen Ergonomie des Arbeitsplatzes sowie ein Wechsel der Aufgaben eine große Rolle. Überstunden dagegen machen langsamer und produzieren Fehler. Arbeitszeiten sollten festgelegt sein und die Bestimmungen eingehalten werden. „Denken Sie immer daran: Mitarbeiter vergleichen Branchen und Betriebe“, so Wicke.
Für die Beschaffung neuer Mitarbeiter sollte die Homepage des Betriebes ansprechend sein und neugierig machen - sie ist die Visitenkarte des Unternehmens. „Ihre Website sollte keine reine Imageseite sein, sondern auch etwas Individuelles beinhalten“, betonte Wicke. Die Menschen seien gut vernetzt und tauschen sich aus. Bei der Mitarbeiterfindung spielen Kontakte eine große Rolle. Eigene Mitarbeitende sollten als Botschafter fingieren. „Sprechen Sie die Vermittlungsorganisationen persönlich an, zeigen Sie Präsens und fahren Sie in die Region, sodass Sie die Leute noch vor Ort kennenlernen“, so Wickes Rat.
Wenn die ausländischen Saisonarbeitskräfte dann im Betrieb ankommen, sollte gleich der erste Tag genutzt werden, denn dieser entscheidet, ob die Neuen bleiben wollen. „Heißen Sie die ankommenden Mitarbeiter freundlich willkommen und machen Sie gleich einen Rundgang durch den Betrieb. Eine Checkliste für den ersten Tag sowie eine Willkommensmappe mit Fotos, Beschreibungen und Informationen sind da eine gute Möglichkeit. Jede Mitarbeiter ist zuerst grundmotiviert. Diese Motivation sollte man unterstützen und dem Angestellten sowohl für die Arbeit als auch für die private Zeit einiges bieten und an den Betrieb binden. Abschließend betonte Wilke, dass die Personalbeschaffung immer Chefsache ist. Und die Mitarbeiterbindung ist eine Zukunftsaufgabe.
Birgit Scheel