Am 26. September 2020 geht es für Jonas Deichmann wieder los. Drei Jahre zuvor legte er mit einem Husarenritt den Grundstein für Ansehen und Berühmtheit, die mittlerweile weit über die vielleicht etwas spezielle Szene der Athleten auf der Superlangstrecke hinausreichen. Ein Jahr später toppte er die in etwas mehr als 64 Tagen zurückgelegten knapp 14500 km von der Atlantikküste Portugals hin zur Pazifikküste Russlands, als er wiederum in Weltrekordzeit die beiden Amerikas durchquerte. Spätestens dann war eigentlich der Zeitpunkt gekommen, Deichmann als Referenten für das Zwiebel- und Möhrenforum zu gewinnen; wer, wenn nicht er, könnte die Frage besser beantworten, wie sich kaum vorstellbare Herausforderungen in handhabbare Teilstücke aufdröseln lassen, die dann relativ bequem handelbar sind.
Allerdings saß er 2019 schon wieder auf dem Fahrrad, dieses Mal, um in 72 Tagen vom Nordkap bis nach Kapstadt zu radeln. Aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten in und aus den Weiten Afrikas fiel das Zwiebelforum 2020 in St. Martin für einen Motivationsvortrag aus, blieb das eigentlich für Januar 2021 geplante Möhrenforum in Velbert. Und da trifft es sich nun gut, dass das Möhrenforum Corona-bedingt ins Jahr 2022 verschoben werden musste, schließlich wird Deichmann ab Ende September ja schon wieder auf dem Rad sitzen. Nachdem er nun alle auf der Weltkarte bei genauerem Hinsehen fast logisch erscheinenden Herausforderungen von oben nach unten sowie von links nach rechts gemeistert hat, blieb schließlich fast nur noch, einmal allein und ohne Support die ganze Welt zu umrunden.
Sein Plan ist, nach rund einem Jahr wieder auf dem Münchner Odeonsplatz zu stehen. Das wäre im Spätsommer 2021, zeitig genug, um Deichmann beim Möhrenforum 2022 in Velbert begrüßen zu dürfen. Zur Vorbereitung auf die Weltumrundung bewältigte Deichmann den von ihm so betitelten Deutschlandtriathlon. Nach der schwimmenden Durchquerung des Bodensees (in der anstrengenderen Richtung, wie sich im Nachhinein herausstellte) setzte er sich aufs Rad, fuhr unsere Landesgrenzen im Westen, Norden und Osten ab, bevor er dann im Bayerischen Wald die Laufschuhe anzog, um entlang und über die Alpen zum Ausgangspunkt nach Lindau zurück zu kehren.
Insgesamt gab dies in 33 Tagen nicht weniger als einen 16fachen Ironman, eine in einfacher Form unter Triathleten beliebte und auch für viele engagierte Sportler eine ein Lebenstraum bleibende Herausforderung. Auf Deichmanns Homepage (jonasdeichmann.com) befindet sich ein Live Tracker, der mit Hilfe eines alle fünfzehn Minuten gesendeten Signals den genauen Standort Deichmanns auf seiner Reise um die Welt preisgeben wird. Ebenfalls in Zeiten von Reisebeschränkungen und vielleicht gerade bei einem gelegentlichen Anfall von akutem Fernweh empfehlenswert ist es, den Accounts von Deichmann auf Instagram und Facebook zu folgen. Erklärvideos zu Ausrüstung und anderen technischen Fragen lassen sich auf YouTube finden.
Vom Odeonsplatz aus wird Deichmann Ende September Richtung Adria fahren, Kroatien schwimmenderweise passieren und statt die Ägäis in Badehose zu durchqueren mit dem Fahrrad die Brücke über den Bosporus nehmen. Schwimmen wäre aufgrund des regen Schiffverkehrs in der Meerenge zwischen Griechenland und der Türkei zu gefährlich. Von da ab gibt es verschiedene Routen Richtung Pazifik. Angesichts der dramatischen Infektionslage in Ländern wie Iran, Pakistan und Indien wird es wohl auf ein großes Stück Russland hinauslaufen. Um seine Ausrüstung auf Wintertauglichkeit zu überprüfen, darf Deichmann vor seiner Abfahrt in einem Winterbedingungen simulierenden Tunnel der Deutschen Bahn Probe fahren. Sein Reifenhersteller bspw. konnte keine Antwort darauf geben, wie sich Dichtmittel bei – 40 °C verhält.
Aus dem sibirischen Winter soll es per Anhalter über den Pazifik Richtung Nordamerika gehen, einmal quer über den Kontinent laufen scheint dann schon fast das das kleinere Übel, an der Ostküste wird voraussichtlich Deichmanns Vater mit dem Segelboot warten und über Portugal soll es mit dem Rad wieder zurück nach München gehen. Läuft alles nach Plan, bleibt noch genügend Zeit, die Beine hochzulegen, bevor es am 21. Januar 2022 hoffentlich zum Möhrenforum nach Velbert geht. Genügend Zeit wahrscheinlich, die nächsten Abenteuer zu planen. Wenn Deichmann mit leuchtenden Augen von einer Antarktisdurchquerung auf Skiern oder einer Weltumrundung ganz aus eigener Kraft erzählt, dann wirkt das alles easy peasy machbar.
Auch, dass es zwar nur wenige Flecken auf der Welt gibt, die es möglich machen, alleine mit dem Ruderboot von Europa nach Amerika zu kommen, aber vor Namibia die Strömung zumindest zu bestimmten Zeiten im Jahr günstig sein soll. Und um dann von Amerika wieder auf den eurasischen Kontinent zu gelangen, dient ja seit jeher die Beringstraße – nur dass der Klimawandel auch im arktischen Winter immer größere Löcher in das Eis reißt. Das bedeutet ein Mix aus Schwimmen und Laufen bei wirklich winterlichen Temperaturen; nur um dann, einmal im militärischen Sperrgebiet angekommen, immer noch 2400 km von der nächsten Stadt entfernt zu sein.
Es ist wahrscheinlich tatsächlich eine Menge dran an Deichmanns strikter Ablehnung des Konjunktivgebrauchs: „Wer am Beginn einer Reise sagt, ich schaue mal, wie weit ich komme, hat das Scheitern schon eingeplant.“ Und wenn er erklärt, dass dies alles, wie so vieles, zu mehr als 95 % Kopfsache ist, dann muss sich mit Sicherheit nicht jeder gleich zur Weltumrundung aufmachen, aber vielleicht doch ab und an überprüfen, mit welcher Einstellung er oder sie dem Alltag begegnet.
Tim Jacobsen