Woher kommt unser Essen?

MODERN

Selbstversorgung liegt im Trend. Überall wird Obst und Gemüse angebaut – in Hausgärten, auf Balkonen und in Schrebergärten, die längst ihr verstaubtes Image der Spießbürgerlichkeit verloren haben. Dazu kommen Vertical Farms oder die Mietgärten, die von Profigärtnern oder Landwirten angelegt und fachlich betreut werden. Gemessen am Gesamtverbrauch von Obst und Gemüse ist die daraus erzielte Erntemenge zumindest bislang wohl noch zu vernachlässigen.

Aber wie sieht das im Großen aus? Der Selbstversorgungsgrad liegt in Deutschland über die wichtigsten Agrarerzeugnisse im Mittel der letzten zehn Jahre bei 83 %. Klingt erstmal nicht schlecht. Betrachtet man aber die einzelnen Warengruppen, zeigt sich ein anderes Bild. Bei Kartoffeln, Zucker, Fleisch und Getreide produzieren wir über unseren Bedarf, bei Obst liegt der Selbstversorgungsgrad allerdings bei mageren 20 %.

Also 80 % des Obstes, das in Deutschland gekauft wird, importieren wir. Bei Gemüse sieht es mit 38 % Selbstversorgung nur etwas besser aus. Warum ist das so? Der Handel schiebt den Verbrauchern den Schwarzen Peter zu. Nach dem Motto „Die Kunden kaufen am liebsten günstig“, und das nicht erst seit die Inflation die Preise in allen Bereichen nach oben treibt. Die Kunden bekennen sich zwar in Umfragen meist zu Produkten aus der Region, für die sie auch bereit wären, mehr zu zahlen, aber im Laden zählt dann eben doch v.a. der Preis. Und da können deutsche Produkte oft nicht mit Importware mithalten.

Die Anbauer klagen, dass sie zu wenig für ihre Produkte bekommen, sind sie doch mit extremen Kostensteigerungen bei Löhnen, Betriebsmitteln und in vielen weiteren Bereichen konfrontiert. Zudem müssen sie hohe Anbaustandards erfüllen, die in den anderen Anbauländern in diesem Maße oftmals nicht zu Buche schlagen.

Und während sich Hobbygärtner und engagierte Städter v.a. aus Gründen des Klimaschutzes – Stichwort Transportwege sparen – für den Anbau des eigenen Obst und Gemüses krumm machen, vertraut man im Handel weiter auf Importe. Aber haben nicht der Ukrainekrieg und die daraus resultierenden Krisen gezeigt, dass Lieferketten brüchig sind und sich von heute auf morgen die Welt ändern kann? Und zeigt uns nicht der voranschreitende Klimawandel mit häufigeren Extremwetterlagen unsere Grenzen auf?

Vor einigen Wochen waren in Großbritannien die Obst- und Gemüseregale in den Supermärkten fast leer. Der Kauf von frischen Produkten musste rationiert werden. Neben dem Brexit, der den Import von Gütern schwieriger macht und den Arbeitskräftemangel zusätzlich befeuert, machten auch die Einkaufsgewohnheiten des britischen Lebensmitteleinzelhandels einen Teil des Problems aus.

Statt langfristiger Handelspartnerschaften wird möglichst immer beim günstigsten Anbieter gekauft. Ist die Ware aber dann aufgrund ungünstiger Witterung z.B. in Spanien – wie in diesem Frühjahr – knapp, werden von dort lieber Märkte in der Nähe (auf dem Kontinent) beliefert. Hinzu kommt, dass die britische Regierung die Unterglasgärtner trotz immens steigender Energiekosten von Subventionen ausgeschlossen hatte. Ein Anbau von Tomaten lohne sich so im Winter nicht mehr. Das steigerte die Abhängigkeit von Importen.

Auch in Deutschland sehen viele Branchenkenner den Anbau von Obst und Gemüse in Gefahr. Gestiegene Löhne, Kosten für Dünger, Treibstoff und Baustoffe (z.B. für Kulturschutzanlagen) machen es vielen Anbauern schwer, auskömmlich zu wirtschaften. Denn der Handel ist nicht wirklich bereit, mehr für die Produkte zu zahlen. Wird dadurch der Selbstversorgungsgrad in Deutschland sogar eher noch geringer? Wird in Zukunft noch mehr Obst und Gemüse importiert werden – mit allen Risiken, die das mit sich bringt? Die wenigen Selbstversorger, die sich von ihrer eigenen Scholle ernähren können, werden daran nichts ändern. Hier sind andere Entscheider gefragt, die den heimischen Anbau von Obst und Gemüse stärker unterstützen sollten.

 

 

Kernsatz: Der Selbstversorgungsgrad bei Obst und Gemüse ist in Deutschland niedrig – und wie sieht es in Zukunft aus?