Von der Liebe zu Obst und Gemüse

MODERN

„Wir lieben Lebensmittel.“ Dieser Slogan begegnet mir fast täglich in Zeitungen, auf Plakaten oder einem LKW. Was für eine Leidenschaft für unser Essen, mag man da denken. Bei den Mitbewerbern im LEH arbeiten die Marketingabteilungen mit ähnlichen Emotionen und suggerieren dem Verbraucher große Leidenschaft für deren Wohl.

Das mag auch durchaus in gewisser Weise zutreffen. Doch spätestens wenn es um den Preis für Obst oder Gemüse geht, scheint diese Liebe zu verpuffen. Das hat schon so manch ein einheimischer Obst- oder Gemüseproduzent zu spüren bekommen. Da die Konkurrenz unter den Supermarktketten unumstritten groß ist, wird der Kampf um die Kunden meist durch niedrige Preise ausgefochten. Und das zu Lasten der hiesigen Erzeuger.

Während täglich von steigenden Lebensmittelpreisen berichtet wird, erleben die heimischen Erzeuger etwas völlig anderes: Der LEH setzt die Erzeuger zum Teil massiv unter Druck, ihre Ware zu Preisen abzugeben, die aber die Kosten der Erzeugung nicht decken. In diesem Jahr sind die Betriebsmittel der Produzenten enorm angestiegen, unter anderem für Dünger, Energie oder Diesel und auch die Lohnkosten. Der Mindestlohn wurde in diesem Jahr zum dritten Mal erhöht und beträgt ab Oktober 12 €. Vom Handel ist mit einer Übernahme der gestiegenen Kosten nicht zu rechnen – und wenn, dann nur zu einem geringen Teil.

Häufig ersetzt der Handel aber auch regionale Produkte durch preisgünstiges Obst und Gemüse aus dem Ausland, obwohl ausreichend einheimische Ware von bester Qualität zur Verfügung steht. Sind dabei die häufig angepriesene Wertschätzung des LEH für regionales Obst und Gemüse sowie ein verstärktes Augenmerk auf Nachhaltigkeit nur falsche Versprechen von Seiten des Handels?

Die Verbraucher reagieren derzeit auf die in den Medien vielfach angekündigten Preissteigerungen deutlich mit Kaufzurückhaltung. Die Supermärkte verstärken im Umkehrschluss ihr Preiseinstiegssortiment, um die Kunden nicht an die Discounter zu verlieren und greifen dafür intensiv zu billigen ausländischen Produkten – trotz zum Teil langjähriger Handelsbeziehungen mit regionalen Anbauern. Einer tatsächlichen Liebe zu Lebensmitteln könnte mit etwas mehr Ehrlichkeit an der Ladenkasse und Verlässlichkeit gegenüber den Lieferanden Ausdruck verliehen werden.

Diese allgemeine Kaufzurückhaltung der Verbraucher betrifft aber nicht nur den konventionellen Handel – auch die Bioläden bekommen die aktuelle Inflation zu spüren. Auch wenn im Grundsatz die Kunden Bio treu bleiben, greifen sie zurzeit vermehrt zu günstigeren Bio-Produkten. Diese Tendenz ist sowohl im Fachhandel als auch im Bio-Umsatzzuwachs im Discounthandel zu sehen. Dabei liegt der Schwerpunkt des Bio-Angebots in den Discountern nicht auf heimische Produkte, sondern kommt häufig aus ganz Europa.

Solange der Verbraucher nur unzureichend oder auch gar nicht auf die Herkunft von Obst und Gemüse achtet und auch nicht auf regionale oder zumindest einheimische Ware im Handel besteht, wird sich der LEH weiterhin auf den internationalen Märkten bedienen. Einen Wandel kann es nur geben, wenn die Kunden auch ihre Liebe zu Obst und Gemüse „Made in Germany“ entdecken.

 

„Einer tatsächlichen Liebe zu Lebensmitteln könnte mit etwas mehr Ehrlichkeit an der Ladenkasse und Verlässlichkeit gegenüber den Lieferanden Ausdruck verliehen werden.“