Viruskrankheiten sind ein großes Thema im geschützten Gemüseanbau; beim Rheinischen Unterglasgemüsebautag Mitte November in Straelen widmeten sich drei Referenten diesem Schaderreger, gegen den es bekanntlich keine chemischen Pflanzenschutzmittel gibt.
Dabei ging es in erster Linie um das Jordan-Virus (ToBRFV): Bianca Boehnke, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, berichtete vom Projekt „Virtigation“, bei dem es um die Umsetzung von Minderungsstrategien für ein dauerhaftes Krankheitsmanagement bei neu aufgetretenen Viren in Tomaten und Kürbisgewächsen geht. Tipps zur Reinigung von Mitarbeiterbekleidung bei aufgetretenem Jordan-Virus hatte Jens Ehlers, Humboldt-Universität Berlin, für die Gärtner. Und in Toronto beherrschte ToBRFV neulich sogar ein ganzes Symposium; davon berichtete Heike Scholz-Döbelin, Pflanzenschutzdienst NRW.
Das Jordan-Virus
Das Tomato Brown Rugose Fruit Virus (ToBRFV) wird im Deutschen nach seinem ersten Auftreten weltweit 2014 in Jordanien „Jordan-Virus“ genannt. 2018 trat es erstmals in Europa auf, am Niederrhein. Der meldepflichtige Quarantäneschaderreger zählt zur Familie der Tobamoviren und erreicht durch leichte mechanische Übertragbarkeit und hohe Persistenz ein großes Schadpotential, wie Bianca Boehnke erläuterte. Seine Wirtspflanzen finden sich in den Familien der Solanaceen und Amaranthaceen, darunter Tomaten und Paprika.
Die Symptome, die ToBRFV hervorruft, sind stark sortenabhängig und sehr vielfältig: Fruchtflecken, mangelndes Ausreifen, Wuchsdepressionen, Blattscheckungen, verbräunte oder hochstehende Kelchblätter, Blattwelke und einiges mehr. Als Übertragungswege kommen Saatgut, Jungpflanzen, Substrat, Werkzeug, Kisten, Mitarbeiter, Unkräuter und im Prinzip die komplette Gewächshausausstattung sowie Maschinen und Utensilien zur Marktaufbereitung in Frage. Daher lautet der Leitspruch, wie die Referentin betonte: „Hygiene! Alles, was ins Gewächshaus gelangt, muss virusfrei sein!“
Projekt „Virtigation“
In dem EU-geförderten Projekt „Virtigation“ sind 25 Projektpartner aus zwölf verschiedenen Ländern zusammengeschlossen. Ziel ist es, schnelle und dauerhafte Lösungen zur Bekämpfung neu auftretender Viruskrankheiten an Tomaten und Kürbisgewächsen (Gurke, Melone, Zucchini, Kürbis) zu entwickeln. Neue aggressive Viren wie die von Weißen Fliegen übertragenen Begomoviren sowie das mechanisch übertragene Tobamovirus bedrohen die Wertschöpfungskette der betroffenen Fruchtgemüsearten.
Als Lösungsansätze im Projekt nannte Boehnke die Entwicklung biobasierter Mittel sowie die Entwicklung und Demonstration innovativer Lösungen, darunter biologische Pflanzenschutzmittel gegen Weiße Fliege, IPM-Strategien, Diagnoseinstrumente zur Virus-Früherkennung und eine Art Impfung. Der Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer NRW ist im Arbeitspaket „Integriertes Virus- und Vektormanagement“ aktiv. Im Frühjahr 2023 wird der Pflanzenschutzdienst verschiedene Pflanzenextrakte gegen den Virusvektor Weiße Fliege (Bemisia tabaci) testen, die zuvor vom Projektpartner an der KU Leuven entwickelt wurden. Außerdem leitet der Pflanzenschutzdienst die Aufgabe „Optimierung von Dekontaminationsmethoden nach Ausbrüchen von Tobamoviren (Solarisation/Dämpfung)“; dabei geht es um die Dekontamination von Substrat.
Zu den Zielen des „Virtigation“-Projekts zählt, dass Interessengruppen aus der Praxis in die Forschungsaktivitäten einbezogen werden und ein Wissensaustausch stattfindet. Interessierte Gärtner können sich daher gerne beim Pflanzenschutzdienst melden und das Projekt unter www.virtigation.eu verfolgen.
Kontaminierte Kleidung reinigen
Personal, das in Tomatenkulturen arbeitet, kann das Virus mechanisch weiterverbreiten, nicht nur durch Werkzeuge, sondern auch über die Kleidung inklusive Handschuhe und Schuhe. Jens Ehlers hat sich wissenschaftlich mit Reinigungsmethoden beschäftigt. Demnach bringen haushaltsübliche Waschmittel in Haushaltswaschmaschinen selbst bei höheren Temperaturen keine befriedigenden Reinigungsergebnisse. Die Empfehlung des Forschers lautet daher, kontaminierte Kleidung zunächst mindestens zehn Minuten lang in einer Desinfektionslösung (beispielsweise Menno Florades) einzuweichen und dann erst konventionell in der Waschmaschine zu waschen. Die Einweichlösung selbst kann anschließend für rund 16 Stunden mit Desinfektionsmittel wieder dekontaminiert werden. Für größere Betriebe mit viel Personal empfiehlt Ehlers, die Kleidung von professionellen Reinigungen, die auf chemisch-thermische Desinfektion spezialisiert sind, waschen zu lassen. Dabei sei allerdings zu bedenken, dass diese meist auf Krankenhauskeime etc. spezialisiert seien und es bisher keine wissenschaftlichen Studien gibt, ob deren Verfahren ToBRFV tatsächlich gänzlich unschädlich machen.
ToBRFV-Symposium
Auch in Kanada gibt es enorme Probleme mit dem Jordan-Virus, daher wurden beim ToBRFV-Symposium in Toronto im August 2022 alle zusammengetrommelt: Forscher, Berater, Anbauer und Industrie mit Vortragenden aus Kanada, den USA, Israel, Jordanien, dem UK, den Niederlanden, Belgien und Deutschland. Die für den hiesigen Anbau relevanten Informationen übermittelte Heike Scholz-Döbelin:
So berichtete Dr. Elise Vogel, Labor Scientia terrae, Belgien, von der Möglichkeit der Früherkennung des Jordan-Virus mittels Drainwasser-Analyse. Lange bevor Symptome an den Pflanzen sichtbar werden, könne das im Dränwasser zirkulierende ToBRFV nachgewiesen werden. Dafür wird alle vier Wochen eine Probe vom Dränwasserzusammenfluss aller Gewächshäuser vor der Desinfektionsstufe genommen. Falls die Probe positiv ist, wird dann zur Eingrenzung in den einzelnen Gewächshausabteilungen weiter beprobt. Diese Untersuchungsmethode könnten allerdings noch nicht alle Labore durchführen, so Scholz-Döbelin.
Remi Maglione, Harvest Genomics Canada, stellte ein mobiles Genom-Sequenziergerät zur Detektion von ToBRFV vor Ort in Wasser und Boden, an Pflanzen und Kleidung vor. Erin Agro, Water Industries Canada, versicherte, ein spezielles Kompostierverfahren gefunden zu haben, das ToBRFV in Pflanzenresten erfolgreich inaktiviert. Dafür wird die Kompostmasse mit einer speziellen weißen Folie abgedeckt, die Feuchtigkeit und Temperatur zurückhält, aber CO2 durchlässt. Erfahrungen in Deutschland zeigten bisher, dass sich das Jordan-Virus nicht durch Kompostierung unschädlich machen lässt, bemerkte Heike Scholz-Döbelin.
Auch Dr. Michael Blendsoe, Village Farms, ein Tomatenanbauer und –händler, der in Kanada und den USA aktiv ist, berichtete von seinen Erfahrungen mit dem Jordan-Virus. Für ihn ist virusfreies Saatgut essentiell, dies sei die größte Verbreitungsquelle. Außerdem seien die in Tomatenkulturen, insbesondere im geschützten Anbau, ständig notwendigen Pflege- und Erntearbeiten ein großes Problem, weil hierbei das Virus mechanisch übertragen wird. Angeregt diskutiert wurde auf dem Symposium die Frage ToBRFV-resistenter Sorten. Die Züchtung sei eifrig damit beschäftigt, Tomatensorten mit Resistenz (HR oder IR) hervorzubringen. Bis in dem umfangreichen Sortiment alle Sorten eine Resistenz haben, würde es aber noch Jahre dauern. Und HR oder IR bedeuten ja, dass das Virus sich weiter vermehren kann, ohne dass die Pflanzen Symptome zeigen. Stehen also im gleichen Betrieb auch nicht-resistente Sorten, kann das Virus unentdeckt verschleppt werden und dort Schäden verursachen. „Was wir brauchen, ist daher eine Immunität, also Sorten, auf denen sich das Virus – anders als bei Resistenz oder Toleranz - nicht weiter vermehren kann“, gab Scholz-Döbelin zu bedenken.
Sabine Aldenhoff