Vielfältig aufgestellt - Gärtnerei Viehweg in Issum am Niederrhein

MODERN

Thomas Viehweg zeigt die „grüne Dachpfanne“ – eine betriebseigene Innovation für die Dachbegrünung<br>Foto: Aldenhoff

Mit viel Innovationsgeist sowie jeder Menge Begeisterung für sein Fach und darüber hinaus stellt Gärtnermeister Thomas Viehweg sein Unternehmen immer breiter auf. In der aktuellen Energiekrise profitiert er davon, dass er seinen Betrieb bereits zuvor energieautark eingerichtet hatte. Neue Marktbereiche wie der Einstieg in die Dachbegrünung sichern ihm und seinem Personal die Zukunft.

Bei allem Weitblick wird die Geschichte des Betriebes nicht vergessen, die 1925 in Rheurdt am Niederrhein begann. Der Urgroßvater des heutigen Betriebsleiters, Lehrer für Obst- und Gartenbau, kam damals aus Sachsen und gründete nebenher eine kleine Versuchsgärtnerei für Obstgehölze. Die nächste Generation setzte in den 1950er- und 1960er-Jahren auf Kakteen, Heidepflanzen und Schnittblumen. 1967 übernahm Max-Wolfgang Viehweg den elterlichen Betrieb, den er für die Produktion von Azerca-Kulturen und Topfstauden stetig erweiterte. Als das Wachstum in Rheurdt an Grenzen stieß, gründete sein Sohn Thomas 1999 den Betrieb in Issum-Sevelen mit zunächst 5 000 m² Gewächshausfläche. Seit 2007 ist Thomas Viehweg alleiniger Inhaber in vierter Generation. Heute umfasst die gesamte Produktionsfläche an den zwei Standorten 5,5 ha unter Glas sowie 14 ha Freilandstellflächen.

Über 50 Mitarbeiter sorgen dafür, dass das ganze Jahr über hochwertige Ware für den Fachhandel angeboten werden kann. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Topfstauden für Frühling, Sommer und Herbst sowie Beet- und Balkonpflanzen. Im Winter werden fast ausschließlich Premium-Helleborus vermarktet, zum Teil aus eigener Züchtung. Sie stammen aus Meristemvermehrung oder werden ausgesät.

Automatisierung und Warenwirtschaftssystem

In den letzten vier Jahren wurde die Automatisierung im Betrieb vorangetrieben, berichtet Thomas Viehweg. Für die Freilandstellflächen wurden Rückegabeln und zwei Space-O-Maten angeschafft. Allerdings mussten für eine effektive Nutzung erst die Topfgrößen vereinheitlicht werden, was etwas Zeit in Anspruch genommen hat. Durch die Investition konnte die Auslastung der Freilandflächen erhöht werden, da sie nun schneller bestückt, gerückt und geräumt werden können. Als nächstes möchte der Unternehmer die Topfhalle erweitern und bei der Gelegenheit auch das Topfen weiter automatisieren.

Rationeller und übersichtlicher ist seit Jahresbeginn auch die Warenverwaltung und Flächenplanung. Gemeinsam mit vier anderen Gartenbaubetrieben investierte Viehweg in die Neuprogrammierung eines auf die Bedürfnisse von Zierpflanzenbetrieben abgestimmten Warenwirtschaftssystems. Mit im Boot die IT-Firma STAGEx GmbH aus Salzkotten. Die Softwareentwicklung des Tools für Flächenplanung, Warenwirtschaft und Verkauf erfolgte in Linux, was preisgünstiger ist als Windows. Das Programm bietet ein Gärtnerportal auf dem Smartphone für die Vorarbeiter des Betriebs. Mit Hilfe von GPS können sie direkt am Beet Stückzahlen abrufen und gegebenenfalls korrigieren. Falls GPS mal nicht erreichbar ist, hat jede Partie noch einen eigenen QR-Code. So weiß der Verkauf immer, was aktuell an Ware zur Verfügung steht. Außerdem ist im Programm gespeichert, wann die letzte Kommunikation mit dem Kunden war und was er zuletzt gekauft hat. Schnittstellen gibt es zu BluCom und zum Portal der FloraHolland. Sämtliche Waren, die den Betrieb verlassen oder im Betrieb ankommen, werden über das System erfasst und verwaltet. Bei der Programmierung wurde Wert gelegt auf eine intuitive Bedienbarkeit und leichte Kopierbarkeit ins nächste Jahr.

Nachhaltigkeit und Energieautarkie

In der Gärtnerei Viehweg wird ressourcenschonend und mit Blick auf die Natur produziert. Der Einsatz von biologischen Pflanzenschutzmitteln und Nützlingen ist ebenso selbstverständlich wie die Kultur von Pflanzen, die nur wenig Energie benötigen. Im geschlossenen Wasserkreislauf des Betriebs wird Regenwasser eingesetzt und der Drän des Gießwassers wieder aufbereitet. Als Brennstoff dienen Holzhackschnitzel; im Stammbetrieb steht noch eine Kohleheizung, aber dort wird nur kalt kultiviert, sodass diese selten zum Einsatz kommt. Die Gewächshäuser in Issum sind mit doppelten Energieschirmen ausgestattet, wobei der Tagesschirm hoch transparent ist und der zweite Schirm auch als Schattierung dienen kann.

Auf dem Weg zur Energieautarkie wurde nicht nur in Photovoltaik investiert, sondern auch in ein Blockheizkraftwerk von 20 kWh, das mit Flüssiggas betrieben wird. Es läuft das ganze Jahr über, die Wärme wird in den 500 m³ fassenden Wärmespeicher eingespeist, der zur Holzhackschnitzelheizung gehört, und für die Warmwasserbereitung sowie zum Heizen von Büro und Sozialräumen genutzt. Jetzt soll dank guter Vergütungssätze und eines akzeptablen Preises für Flüssiggas noch ein zweites BHKW mit 50 kWh hinzukommen; auch um die Notstromversorgung zu sichern.

Neues Geschäftsfeld Dachbegrünung „Plantile“

Verschiedenste Sedum-Sorten sind schön länger im Sortiment der Gärtnerei. Eines Tages kam Thomas Viehweg die Idee, damit in die Dachbegrünung einzusteigen, denn schließlich habe man das Knowhow zu Sorteneigenschaften bezüglich Kultur und Standorten. Nach einigem Tüfteln in Zusammenarbeit mit Substrat- und Trayherstellern sind zwei verschiedene Produkte entstanden: eine Kassette für Flachdächer und geringe Dachneigungen sowie die „grüne Dachpfanne“, die in Form und Gewicht einer herkömmlichen Dachpfanne gleicht und 1:1 mit dieser ausgetauscht werden kann, für Schrägdächer. In die Kunststoffmodule sind eine Dränage sowie ein Wasserspeicher integriert. Sie lassen sich per Stecksystem einfach verlegen und bedürfen keiner weiteren Pflege. Fertig begrünt mit über 15 verschiedenen Sedumarten, die auch für Insekten wertvoll sind, sehen die Dächer vom ersten Tag an attraktiv aus.

Für die Produktion der markengeschützten Dachbegrünung steht eine Produktionslinie bereit, an der die Kassetten mit Substrat befüllt und bepflanzt werden. Auf den Freilandstellflächen sind theoretisch drei Sätze pro Jahr möglich, allerdings geht die Ware wegen Terminverzögerungen auf den Baustellen oft nicht sofort weg. Mittlerweile hat Thomas Viehweg zwei Mitarbeiter für diesen Betriebszweig eingestellt, einen davon im Außendienst. Der Absatz erfolgt in einem komplett anderen Markt, als das ein Gärtner mit Anlieferung bei Pflanzenabsatzmärkten gewohnt ist. Abnehmer sind hier Bauträger, Systembaufirmen, Dachdecker, Immobiliengenossenschaften oder Garten- und Landschaftsbauer – und das vor allem in größeren Städten. Zwei Speditionen sorgen mittlerweile für die deutschlandweite Auslieferung der stapelbaren Dachbegrünungskassetten.

Brennerei

Vorerst noch als anspruchsvolles Hobby wird die „Sevel’ner Brennerei“ betrieben. Um das Obst von teils eigenen Streuobstwiesen vor dem Verrotten zu bewahren und zu verwerten, ging Thomas Viehweg zur Veredelung durch Einmaischen und Brennen über. Das Brennen ist ein willkommener Ausgleich zu seiner Arbeit in der Gärtnerei. Selbstverständlich ist die Anlage sowie jeder einzelne Brenngang beim Zoll angemeldet – auch eine neue Welt, in der Thomas Viehweg interessante Erfahrungen sammeln konnte. Die Brennereiprodukte werden bei kleineren Verkostungen und in einem gelegentlichen Hausverkauf abgegeben.

Sabine Aldenhoff