Die Produktionskosten steigen und steigen, der Konsum von Äpfeln ist rückläufig, das Angebot an Sorten ist riesig. Viele sehen hier Markensorten als Ausweg. Aber lohnt sich der Anbau wirklich? Dr. Matthias Görgens vom Obstbauzentrum Jork ging auf dem Bundeskernobstseminar 2022 auf betriebswirtschaftliche Aspekte ein.
Betrachtet man die Gewinnentwicklung im deutschen Obstbau, sieht man: Ein Drittel der Betriebe muss immer ums Überleben kämpfen! Das zeigen Daten aus dem Betriebsvergleich des ZBG (Zentrum für Betriebswirtschaft im Gartenbau). Der durchschnittliche Gewinn liegt im Bereich von 110 000 €, Betriebe des unteren Drittels (im Ranking des Betriebsvergleichs) liegen bei 20 000 € Gewinn.
Außerdem lässt sich beobachten, dass die Anzahl der Betriebe weiter rückläufig ist. Oft sind keine Nachfolger vorhanden oder die wirtschaftliche Situation spricht gegen ein Weiterführen des Betriebs. Und die Faktoren, die Einfluss auf die Betriebe nehmen, werden immer vielfältiger. Von außen sind das neben dem Klimawandel, der angespannten Zulassungssituation bei Pflanzenschutzmitteln und der Marktmacht des LEHs auch die steigenden Kosten für Löhne und Produktionsmittel. Auch die Situation innerhalb der Betriebe birgt immer mehr Risiken: stetig wachsende Größe der Betriebe, fortschreitende Spezialisierung, höherer Marktwert der Ernte, erhöhtes gebundenes Kapital durch teure Bäume, Hagelschutz usw.
Warum Markensorten?
Um sich vom klassischen Sortiment oder vom Billigobst, das gerne als „Preisknaller“ im LEH die Kunden in die Läden locken soll, abzuheben, muss man etwas Besonderes anbieten. Aber auch, um dem Überangebot, z.B. aus Osteuropa, etwas entgegenzusetzen. Hier können Markensorten ein wichtiges Instrument sein. Aber wenn nun jede neue Sorte als Marke verkauft werden soll, kommt es zur Markenflut – mit Tendenzen zum Verdrängungswettbewerb. Doch nicht jede neue Sorte, die anfangs hoch gehandelt wird, erreicht überhaupt die Gewinnzone, bevor über kurz oder lang die Marktsättigung und ein Rückgang des Anbaus kommt.
Einfluss auf den Gewinn haben ganz allgemein die Kosten und der Erlös (also Menge x Preis). Auch auf den Verkaufspreis gibt es wiederum mehrere Einflussfaktoren die vom Erzeuger abhängen, wie Sortenwahl und produzierte Qualität oder Strategie und Marketingkonzept des Vermarkters. Außerdem spielt bei der Preisfindung auch die Verbrauchernachfrage und das Wetter eine Rolle. „Ganz allgemein sollte der Verkaufspreis nicht unter 0,40 € liegen, sonst wird es kritisch“, so Görgens – bezogen auf Netto-Preise für unsortierte, unverpackte Ware. Auch beim durchschnittlichen Betriebsertrag nannte der Experte eine Hausnummer: „Unter 30 t/ha sollte der Ertrag nicht liegen, erst ab 40 t/ha ist das ganze richtig rentabel.“ Markensorten können hier – optimaler Weise bei Preis und Ertrag – ihren Beitrag zu einer rentablen Produktion beisteuern. Aber wo Sonne ist, da ist auch Schatten. Natürlich bergen die neuen Sorten, die oftmals schon nach kurzer Testphase in Versuchsstationen ihren Weg in den Anbau finden, auch Risiken.
Risiken neuer Sorten
Die Risiken liegen zum einen im Anbau, aber auch in der Lagerung oder der Anfälligkeit gegenüber Krankheiten.
Anbau:
- Sweetango®: Fruchthaut überaus empfindlich, für bessere Ausfärbung evtl. Entblätterung nötig
- Rotfleischige Sorten (Kissabel®): wenig anfällig für Krankheiten und einfach in der Produktion
- Fräulein®: für Ausfärbung und Geschmack muss der Behang reguliert werden, evtl. Entblätterung,
anfällig für Stippe (vor allem im Nachbau), später Erntetermin wichtig, sehr anspruchsvoll im Anbau
- Rockit®: Ertrag und Fruchtgröße (Kerngröße 49 bis 63) müssen stimmen
- Kanzi®: extreme Empfindlichkeit gegen Obstbaumkrebs
- Junami®: einfach in der Produktion, kleinfrüchtig
- Wellant®: anspruchsvoll im Anbau/Baumaufbau
Lagerung:
- Sweetango®: Glasigkeit, Fleischbräune, Kernhausbräune, weiche Schalenbräune möglich
- Rotfleischige Sorten: kaum lagerfähig, neigen massiv zu Fleischbräune (auch unter Normalatmosphäre)
- Fräulein®: sehr empfindlich für Kernhausbräune, ähnlich wie `Braeburn´
- Rockit®: super lagerfähig und extrem gutes Shelf life
- Kanzi®: Leitbündelverbräunung am Baum bei später Ernte, Fleischbräune (Kälte- und CO2-empfindlich)
- Junami®: relativ problemlos lagerfähig
Pflanzenschutz:
- Sweetango®: robust, eventuell Kernhausschimmel
- Rotfleischige Sorten: keine besonderen Auffälligkeiten
- Fräulein®: Virusproblem in der Vermehrung?, Mehltau
- Rockit®: keine Auffälligkeiten
- Kanzi®: sehr krebsempfindliche Sorte, hohe Holzfrost-Empfindlichkeit
- Junami®: keine besonderen Auffälligkeiten
- Wellant®: Feuerbrandanfällig
Da der Erlös bei Markensorten je nach Qualität der geernteten Ware stark schwankt, muss hier vor allem der Anteil „markensortenfähiger Menge“ genauer betrachtet werden. Dieses Packout schwankt von Produzent zu Produzent bzw. Standort zu Standort sehr stark. Die Kosten wie höhere Baumpreise, höhere Ernte- und Sortierkosten (z.B. bei Rockit®), höhere Kosten im Handling (z.B. Stielentfernung bei SweeTango®) und die höheren Vermarktungsgebühren fallen aber für alle Flächen an.
Einfach auf Markensorten umzustellen ist also – schon allein wegen der Risiken in Anbau und Lagerung – keine Option. Laut Dr. Görgens sollte neben genauer Kenntnis des eigenen Betriebs (Betriebsanalyse, Ertragsaufzeichnungen) und der Ertragssicherung (Frostschutz, Hagelschutz/Versicherung) die Strategie für den eigenen Betrieb genau überlegt sein: Soll es die Preisführerschaft sein? Bin ich Spezialist in einer Sorte und kann gute Qualität in großen Mengen produzieren? Oder ist Vielfalt mein Ding, mit 10-20 % Markensorten? Wähle ich eine Nischenproduktion wie Bio-Anbau, vermarkte ich die Ware komplett selbst? All das sind Fragen, die sich oft erst zusammen mit einem neutralen Berater umfassend klären lassen.
Marion Valenta