Im Lehr- und Versuchszentrum für Gartenbau Erfurt laufende Versuche zum Süßkirschenanbau und beim Julius Kühn-Institut (JKI) Dresden in den Startlöchern stehende neue Sorten waren die Hauptthemen des Thüringer Kirschentages 2022. Auch das aktuelle Marktgeschehen bewegte die rund 70 Teilnehmer aus neun deutschen Bundesländern und der Steiermark.
Die meisten der Kirschbäume der Versuchsanlagen im Lehr- und Versuchszentrum für Gartenbau Erfurt hingen brechend voll mit roten Früchten, als die etwa 70 Teilnehmer des Thüringer Kirschentages 2022 durch die Reihen gingen. Sofern die fortschreitende Reife es zuließ, hatte nämlich das Team um Dr. Martin Penzel (LVG), der die Veranstaltung geplant hatte und moderierte, den in diesem Jahr ohnehin reichlichen Behang zur besseren Anschauung noch an den Zweigen belassen. Obstbauern, Anbauberater, Vertreter von Versuchsanstalten, Erzeugerorganisationen und Forschungseinrichtungen aus Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und sechs weiteren Bundesländern waren zum – in pandemiefreien Zeiten – jährlich stattfindenden Kirschentag zusammengekommen, um zu erfahren, welche Studien am LVG laufen und welche neuen Sorten zu erwarten sind.
Versuche zu Dichtpflanzung, Unterlagen und Bewässerung
Der erste Versuch, den Martin Penzel vorstellte, war die Dichtpflanzung (SSA-System) bei Süßkirsche im 9. Standjahr. Die Süßkirschen mehrerer Sorten waren 2013 in unterschiedlichen, bis zu 50 cm engen Abständen mit Tropfbewässerung, Hagelschutz- und Regendach gepflanzt worden. Geschnitten werden sie maschinell im August und selektiv zur Blüte. Ehe ein vergleichender Schlussstrich unter die Studie gezogen werden kann, soll im kommenden Jahr die Bewässerung weiter reduziert werden.
Im Gedankenaustausch mit den Veranstaltungsteilnehmern ging es unter anderem darum, inwieweit die Höhe der Bäume in der letztlich höhere Erträge anstrebenden Dichtpflanzung reduziert und wie der maschinelle Schnitt perfektioniert werden kann.
Unterlagenversuch bei `Bellise´/`Regina´ auf acht verschiedenen Unterlagen unter Nachbaubedingungen im 10. Standjahr stellte Dr. Penzel als weiteres aktuelles Projekt vor (s. Artikel auf S. 8). Sein Fazit bisher: „Der Versuch ist noch nicht abgeschlossen, es zeigt sich aber, dass am Standort LVG Erfurt die Unterlage Gisela 12 eine Alternative zu Gisela 5 unter Nachbaubedingungen darstellt. Die niedrigen Erträge von Gisela 3 können durch eine höhere Pflanzdichte kompensiert werden, da die Bäume ihren Standraum nicht vollständig ausgefüllt haben.“
Um die Optimierung der Bewässerung bei Süßkirsche durch den Einsatz von Bodenfeuchtesensoren (Maria Bamberg, MLU Halle-Wittenberg; Dr. Silvia Krug, IMMS GmbH; Dr. Martin Penzel, LVG) ging es beim dritten vorgestellten Versuch. In den eingebunden sind Bäume der Sorte `Henriette´ im dritten Standjahr mit und ohne Mulchabdeckung. Die Kontrollreihe wird nicht bewässert, während in den anderen Varianten Wasser entweder über eine unterirdische Tröpfchenbewässerung, eine oberirdische Tröpfchenbewässerung bzw. über Mikrosprinkler gegeben wird. Es gibt also acht zu vergleichende Varianten. Mit Bodensensoren wird die Saugspannung in allen Varianten in 30 cm Tiefe gemessen. Dieses Messsystem wird künftig noch auf andere Tiefen ausgeweitet. Nächstes Jahr wird mit einer Aussage zur Wasserproduktivität in Bezug auf Ertrag und Fruchtqualität in den verschiedenen Varianten gerechnet.
Neun neue Klone warten auf Zulassung
Neue Süßkirschen, zum größten Teil noch im Bewertungsverfahren befindliche Zuchtklone, darunter die neue Sorte `Aria® PiSue 161´ stellte Dr. Mirko Schuster vom Julius Kühn-Institut (JKI) Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, Standort Dresden-Pillnitz, vor. Derzeit stehen neun neue Zuchtklone in verschiedenen deutschen Landesversuchsanstalten. „Sie alle haben gute Fruchteigenschaften: Fruchtgrößen über 28 mm, eine Festigkeit zwischen 250 und 300 (g/mm) und gute Lagerfähigkeit sowie einen hohen Zuckergehalt für einen guten Geschmack“, so Schuster. Große Chancen gab der Kirschenzüchter neuen Zuchtklonen aus einer Kreuzung von Süßkirsche und Aprikose, die bisher Blütenfrösten gut widersteht und deren Früchte sehr lagerfähig sind.
Nach Süßkirschen-Trends befragt, meinte Schuster, dass die Erzeuger vor allem nach frühen Sorten (2. bis 4. Kirschwoche) verlangen, wo noch gute Preise zu erzielen sind, nur wenige fordern späte Sorten. „In Sachen Fruchtgröße frage ich mich allerdings, ob es wirklich nötig ist, dass der LEH die großen Kaliber von 30 mm und mehr so bevorzugt. Auch die Betonung beim Geschmack auf Süße sollte die Branche überdenken. Süß ist ‚einfach‘, aber guter Geschmack verlangt mehr. Ein überzeugendes Aroma hingegen fordert die Züchter heraus, könnten die künftigen Verbraucher aber möglicherweise mehr interessieren. Und deshalb haben wir auch das im Auge.“
Neue Süßkirschsorten
Auch wenn die Sauerkirschen auf dem Kirschentag 2022 kaum eine Rolle spielten, liegen sie Mirko Schuster am Herzen. „Ihre Anbaufläche hat sich halbiert und der Rückgang ist erst in den letzten Jahren gestoppt worden. Hauptgrund für diesen Abwärtstrend waren bekanntlich die hierzulande hohen Pflückkosten. Aber ich bin der Überzeugung, dass die neuen Sauerkirschzüchtungen das Potential für eine vielseitige Verarbeitung der Früchte haben. Ich denke da an die neue Sorte `Taurus´ und an die bereits verfügbare Sorte `Spinell´ für den Frischverzehr, die mit „Die Süße Sauerkirsche“ beworben wird. Sie hat ein Kaliber von 28 mm und wird 14 Tage vor der `Schattenmorelle´ geerntet.“
Typische Impulskäufe haben schlechte Chancen
Über die Vermarktung von Kirschen in der aktuellen Saison sprach abschließend Björn Kirchner, Geschäftsführer der in Gierstädt (Thüringen) ansässigen Absatzgenossenschaft "Fahner Obst" eG, die ihre Produkte, darunter in diesem Jahr schätzungsweise 1 250 t Süßkirschen, über die veos Vertriebsgesellschaft mbH vermarktet: „Der Verbraucher kauft angesichts der Inflation nur noch das, was er wirklich kaufen muss. Und selbst der, der vor einem Jahr noch vermehrt Wert auf Bio und Regionalität legte, schaut auf den Preis.“ Es sei möglich, Kirschen massiv zu bewerben, um Drehzahlen zu bekommen. Dies hilft, Ware zu bewegen. Mit allen Produkten, wie manchen Randartikeln funktioniert dies in der aktuellen Lage nicht. Diese typischen Impulskäufe verlieren in dieser Marktsituation überproportional.
Zwar liefern die deutschen Erzeuger in diesem Jahr ausgezeichnete Qualität, aber allein die etwas geringere Fruchtgröße werde zum Problem. Hinzu komme, dass die Ware aus der Türkei 2022 nicht wie sonst in der KW 29 auslaufe, sondern bis in die KW 31 nahezu parallel zur deutschen auf den Markt dränge. „Die einzige Chance, die wir haben, hier zu bestehen, ist Flexibilität. Wir müssen dem LEH schnell die beste Qualität liefern. Dass wir das können, beweisen wir in der aktuellen Kirschensaison.“ Kirchner bezweifelte zudem, ob es immer gut sei, dem Verbraucher – so wie es ein Teil der Spargelerzeuger getan hat – immer schon vor der Saison zu klagen, dass dieses Jahr nun wirklich alles viel teurer werden müsse. Dies müsse man so nicht kommunizieren. Das ist der Unterschied zwischen realer (7,9 %) und gefühlter (18 %) Inflation. Bei aller Sorge kommt man so in einen Teufelskreis. „Man kann die Menschen auch verrückt machen.“
Marlis Heinz