Steigende Produktionskosten und veränderte Märkte

MODERN

Produktionswert von Frischgemüse 2021 und Entwicklung seit 2015 in Prozent im europäischen Vergleich

Der Gemüsebau in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickeln können – und das trotz der Einführung des Mindestlohns oder anderer regulatorischer Eingriffe des Staates. Dies legt eine Analyse der preisbereinigten Produktionswerte für Frischgemüse im europäischen Vergleich nahe (Quelle: Eurostat).

Hauptproduktionsländer in der Europäischen Union sind in erster Linie Spanien und Italien, gefolgt von Deutschland, den Niederlanden und Frankreich. Im Zeitraum 2015 bis 2021 stieg der Produktionswert für Frischgemüse im europäischen Durchschnitt um 6,19 % auf 33,6 Mrd. € an. Im Vergleich zu den wichtigsten Produktionsländern ist der Anstieg für den deutschen Gemüsebau mit 27,8 % beträchtlich.

Diese Zahlen belegen die hohe Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Gemüsebaus im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern. Dieser Erfolg wird allerdings seit 2021 durch massive Preissteigerungen gefährdet. Seit Frühjahr 2021 kennen die Produktionskosten für den deutschen Gemüsebau nur eine Richtung – nach oben. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht jedes Quartal die Entwicklung der Einkaufspreise landwirtschaftlicher Betriebsmittel. Zwischen Januar 2021 und Oktober 2022 stiegen demnach beispielsweise die Kosten für Heizmaterial um 100 %, für Düngemittel sogar um 170 % (s. Abb. 2).

Die genannten Kostensteigerungen treffen auch den Gemüsebau stark. Bei den aufgezeigten Preissteigerungen für einzelne Betriebsmittel muss aber berücksichtigt werden, dass diese im Warenkorb der Gartenbauunternehmen eine unterschiedliche Bedeutung haben. Die Preise für Düngemittel sind zwar am stärksten gestiegen, allerdings ist der Aufwand für Düngemittel im Durchschnitt aller Gemüsebaubetriebe überschaubar, die Auswirkungen auf die Produktionskosten dementsprechend vergleichsweise gering. Anders stellt sich die Situation beim Lohnaufwand dar. Im Gemüsebau werden zwischen 20 % bis über 40 % des Umsatzes für Löhne aufgewendet. Ein durchschnittlicher Anstieg der Lohnaufwendungen von 20 % in weniger als 24 Monaten – wie zuletzt geschehen – schlägt da deutlich stärker ins Gewicht.

Für eine präzise Aussage zu den Auswirkungen der geänderten Rahmenbedingungen auf den deutschen Gartenbau ist also die Kenntnis über die Aufwandsstruktur der Betriebe unserer Branche essentiell. Spartenspezifische und z.T. sogar produktionsspezifische Aussagen dazu lassen sich mit dem vom ZBG seit 65 Jahren durchgeführten Betriebsvergleich treffen. Durch die ausgewerteten Jahresabschlüsse unterschiedlich strukturierter Gemüsebauunternehmen liegen detaillierte Informationen zu diesen Aufwandsstrukturen vor.

Die Auswirkungen der Preissteigerungen bei den Produktionsmitteln auf den Gemüsebau sind näherungsweise für die vergangenen Monate in Abb. 3 dargestellt. Im Produktionskostenindex wird neben der Preisentwicklung bei landwirtschaftlichen Betriebsmitteln auch der Anstieg der Lohnkosten mit der spartenspezifischen Aufwandsstruktur gewichtet.

Bereits im Jahr 2021 waren die Auswirkungen der Preissteigerungen auf die Produktionskosten messbar; ab dem Jahr 2022 und besonders ab April 2022 ist aber eine deutlich stärkere Dynamik zu sehen. Im Ergebnis zeigt sich, dass besonders der energieintensive Unterglasgemüsebau betroffen ist. Aber auch die Produktionskosten im Freilandgemüsebau stiegen im betrachteten Zeitraum um knapp 20 % an.

Anpassungsmaßnahmen

Zur Kompensation der gestiegenen Produktionskosten wäre ein Anstieg der Preise zwischen 20 und 30 % erforderlich. Eine Weitergabe der Preise an die Verbraucherinnen und Verbraucher erwies sich im Jahr 2022 als äußert schwierig. Dies ist vor allem auf einen drastischen Rückgang der Nachfrage zurückzuführen, der laut Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) zwischen Januar und September 2022 rund 8 % betrug. Die Angebotsmenge übertraf daher oftmals die Nachfrage, sodass sich bis weit in den Sommer keine Spielräume bei Preisverhandlungen ergaben.

Den Rückgang der Nachfrage bekamen aber nicht nur die heimischen Erzeugerinnen und Erzeuger von Gemüse zu spüren. Auch die Importmengen gingen im Jahr 2022 für viele Kulturen deutlich zurück. Im Vergleich zum Mittel der Jahre 2019 bis 2021 sanken die importierten Mengen zwischen Januar und September 2022 zum Teil deutlich: Bei Tomaten betrug der Rückgang -15,5 %, bei Gurken -9,1 %. Speisezwiebeln, Knoblauch und Porree wurden bis September 2022 um -23,3 %, Karotten und anderes Wurzelgemüse sogar um -29,7 % weniger importiert. Bei Kohlgemüse und Salaten ist der Rückgang mit -6,3 % bzw. -7,3 % etwas geringer.

Unterm Strich über alle Gemüsekulturen ist der Rückgang der importierten Ware im Jahr 2022 mit knapp 10,9 % damit noch stärker als der Nachfragerückgang. Daraus kann gefolgert werden, dass der deutsche Gemüsebau auch im äußerst schwierigen Jahr 2022 seine Wettbewerbsposition gegenüber dem Ausland festigen konnte. Ein Grund unter vielen ist Branchenkennern zu Folge die Verteuerung beim Transport. Dieser ist zum einen auf die gestiegenen Treibstoffkosten zurückzuführen, die sich in den kommenden Monaten wieder etwas reduzieren dürften. Ein weiterer Grund ist aber der Rückgang der Transportkapazitäten, welcher auf den Fachkräftemangel zurückzuführen ist, von dem auch die Logistikbranche hart getroffen ist. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Engpass an LKW-Fahrern in den kommenden Jahren zunehmen wird und die Transportkosten weiter steigen dürften.

Personalprobleme treffen aber auch den deutschen Gemüsebau stark. Neben einem guten Personalmanagement und modernen Arbeitszeitmodellen ist eine konkurrenzfähige Arbeitsproduktivität der Schlüssel für den Gemüsebau, sich dieser Herausforderung zu stellen. Auf diese Weise können Unternehmen sowohl dem Arbeitskräftemangel als auch dem Anstieg der Lohnkosten begegnen. Dass ihnen dies gelingt, zeigt ein Blick in die Daten des Betriebsvergleichs des ZBG.

Zwischen den Jahren 2018/19 und 2020/21 sank bei den Freilandgemüsebaubetrieben, die am Betriebsvergleich des ZBG teilnahmen, die Arbeitsproduktivität im Schnitt um -14,8 %. Das erfolgreichste Drittel der Betriebe konnte hingegen die Arbeitsproduktivität um 34,6 % steigern. In diesen Betrieben konnten offensichtlich Maßnahmen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität umgesetzt werden.

Um sich den Herausforderungen des Arbeitskräftemangels stellen zu können, ist es für alle Unternehmen unerlässlich, beständig nach Lösungen zu suchen, die Arbeitsproduktivität im Betrieb zu erhöhen. Der Betriebsvergleich des ZBG eignet sich hervorragend, die Auswirkungen der eigenen betrieblichen Maßnahmen regelmäßig zu überprüfen und die Entwicklung mit anderen Betrieben zu vergleichen. Alle Informationen zur Teilnahme finden Sie unter www.zbg.uni-hannover.de.

Robert Luer, Uni Hannover