Ohne Technik wird´s nicht gehen

MODERN

Die Greifarme der Drohne von Tevel pflücken die Äpfel. Nach bestandener Reifeprüfung legen sie diese in die Großkiste, in weiterer Zukunft vielleicht auch auf einen Kistenfüller ab<br>Foto: Fa. Tevel

Immer häufiger sind Sorgenfalten in den Gesichtern von  Betriebsleitern und Betriebsleiterinnen zu erkennen. Momentan sind sie mit ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen meist gut mit Frühjahrsarbeiten beschäftigt, um damit geeignete Voraussetzungen für die in einigen Wochen oder Monaten anstehende Ernte zu schaffen. Doch so richtig gute Stimmung will nicht immer aufkommen, denn die wirtschaftlichen Ergebnisse der abgelaufenen Saison sind oftmals nicht zufriedenstellend und immer häufiger wird die Frage nach der Zukunft gestellt.

Vor über einem Jahr entbrannte der schreckliche Krieg in der Ukraine und rückte die Pandemie, die zuvor die Welt in Atem gehalten hatte, in den Hintergrund. Hatten die Betriebe bis zu diesem Zeitpunkt ihre Leistungsfähigkeit während der Pandemie noch klar unter Beweis gestellt, so führten steigende Kosten bei Energie und in vielen weiteren Bereichen zu steigender Inflation und Verunsicherung bei Verbrauchern, die sich letztendlich in einer Kaufzurückhaltung der Verbraucher niederschlug – ein Trend, der aktuell weiter anhält und dessen Ende gegenwärtig noch nicht absehbar ist.

Bei enorm steigenden Produktionskosten, deren Ursachen nicht nur bei Energie und Betriebsmitteln, sondern auch mit einem hohen Anteil durch die Mindestlohnanhebung und insgesamt deutlich höhere Lohnkosten bedingt sind, verlieren einzelne Produkte im Wettbewerb mit Importen, die unter wesentlich günstigeren Bedingungen erzeugt wurden, an Stellenwert. Zusätzlich zu den gestiegenen Produktionskosten erhöht der Handel den Preisdruck und die Erzeugerbetriebe können mit ihren Einnahmen immer häufiger ihre Kosten und den eigenen Lebensunterhalt nicht decken.

Schlanke Produktion gefragt

Also gilt es, die Produktion so schlank wie möglich auszurichten und dort, wo es sinnvoll erscheint, noch intensiver Technik zum Einsatz zu bringen. Auch wenn dies sicher nichts Neues ist, sollte man die Offenheit haben, die oftmals lange bewährten Verfahrensweisen einmal kritisch zu hinterfragen. Dabei sollte die Betrachtung nicht nur auf die Einsatzmöglichkeiten der Technik begrenzt sein, sondern auch das gesamte Anbauverfahren mit einbeziehen.

Ist die klassische einachsige Erziehung im Kern- oder Steinobstanbau noch zeitgemäß oder gibt es Systeme, die im Vergleich dazu deutliche Vorzüge bieten, weil sich z.B. Schnitt- und Erntearbeiten viel effizienter durchführen lassen. Wie funktioniert der Bi-Baum und worauf ist von der Erziehung in der Baumschule bis hin zum Anbau in der Praxis besonders zu achten? Wie funktionieren Fruchtwände im Anbau, welche Einsparmöglichkeiten bieten sie, welche Schwierigkeiten  sind zu beachten, welche Technik ist erforderlich, wie sind die  Ernteergebnisse und wie ist der Anbau mit Fruchtwänden betriebswirtschaftlich zu bewerten? Was würde eine (schrittweise) Umstellung kosten? Wäre sie unter den gegenwärtigen Bedingungen finanzierbar und sinnvoll oder sogar notwendig, um in Zukunft rentabel zu arbeiten?

Anbau und Technik als Konzept

Anbausystem und Technik sind meist als gesamtes System zu betrachten. Wenn  Arbeitskräfte gesucht sind und die Kosten für Arbeit sich spürbar erhöhen, so wirkt sich das meist wie ein Turbo auf die Entwicklung neuer Techniken und Verfahrensweisen aus. In vielen Bereichen unseres Lebens – und insbesondere der Arbeitswelt - vollzieht sich gerade ein solcher Wandel. Die Landwirtschaft zählt in diesem Kontext zu den Führungsbereichen: Smart Farming, Digital Farming, Vertikal Farming oder Künstliche Intelligenz sind Begriffe, die in diesem Zusammenhang oft genannt und mehr oder weniger erfolgreich auch schon praktiziert werden oder Einzug halten.

Autonome Traktoren und Trägerfahrzeuge

So sind autonom fahrende Traktoren oder Trägerfahrzeuge  auch für den Obstbau schon auf wenigen Betrieben im Einsatz oder werden als Prototypen getestet. Einem Einsatz in größerem Rahmen stehen bislang noch einige rechtliche Hürden im Weg. Am Ende ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese überwunden sein werden und die Technik dürfte dort, wo es sinnvoll erscheint, zumindest auf größeren Flächen in der Praxis zum Einsatz kommen.

Mechanischer Schnitt, Ausdünnung, Entblätterung

Einen deutlichen Schritt weiter ist man in anderen Bereichen, die z.T. sehr arbeitsaufwändig sind, wie der Schnitt oder die Fruchtausdünnung. Verfahren zum mechanischen Baumschnitt sind heute weit verbreitet und bekannte Unternehmen bieten eine ausgereifte Technik mit unterschiedlichen Lösungen an. Was bislang oftmals fehlte, war das an den mechanischen Schnitt angepasste Erziehungssystem. Wenn das Anbausystem z.B. im Kernobstbereich passt und der mechanische Schnitt durchgeführt wird, können Arbeitsabläufe verschlankt und damit auch Kosten reduziert werden, ohne an Ertrag oder Qualität Einbußen zu erlangen.

Gleiches gilt für die mechanische Ausdünnung mit Fadengeräten. Diese Technik wurde zur Zeit ihrer Einführung vor deutlich über zehn Jahren z.T. mit großer Skepsis betrachtet. Heute ist sie weltweit etabliert und wird permanent fortentwickelt. So ist es mit optischen Sensoren möglich, den individuellen Blühzustand eines Baumes zu erfassen und die Drehzahl der Fadengeräte entsprechend anzupassen.

Moderne Applikationstechnik

Auch im Bereich der Applikationstechnik wurden erhebliche Fortschritte erreicht. Auf dem Markt sind Sprühgeräte, die mit GPS-Sensoren und umfassenden Datenmanagementsystemen ausgestattet sind. Sensoren senden Lichtbündel in Richtung der Pflanzen und ermitteln die von Blättern reflektierte  Lichtmenge. Neben der Form der Pflanzen werden auf diese Weise während des Applikationsvorgangs die Dichte der Blätter sowie freie Stellen im Bestand ermittelt. Die Düsen erhalten individuelle Impulse für den Ausstoß der Sprühlösung und können innerhalb von nur 0,02 Sekunden geöffnet werden. So variiert das System automatisch stufenlos die Sprühmenge zwischen 0 % und 100 %. Dabei werden nicht nur die Umwelt geschont und der Fahrer entlastet, sondern auch erhebliche Kosten durch die Einsparung von Pflanzenschutzmitteln erlangt und die im Vergleich zu herkömmlicher Technik höheren Anschaffungskosten schnell wieder eingespielt.

Diese wenigen aufgeführten Beispiele  zeigen auf, dass es für die Betriebe wahrscheinlich noch mehr als bislang erforderlich sein wird, genau zu verfolgen, wie die Entwicklung im Bereich von Anbausystemen und Technik im Obstbau voranschreitet. Dabei muss immer im Auge behalten werden, ob die einzelnen Verfahren oder Techniken auch ins Konzept des eigenen Betriebes passen und ob die erwarteten Optimierungsmöglichkeiten tatsächlich realisierbar sind.

Thomas Kühlwetter