Während früher die Welt des Gartenbaus überwiegend von Männern geprägt war, ist heute die Geschlechterverteilung in der Branche zunehmend ausgeglichener. Ähnlich sieht es auch in unserer Redaktion aus. Da kommt auch schon mal die Frage auf, wenn wir über die Gärtner und Bauern schreiben, wo die Gärtnerinnen und Bäuerinnen in unserem Magazin bleiben. Wenn es um Gleichberechtigung und die Stellung der Frau - im Beruf und in der Gesellschaft – geht, stehe ich stets auf der Seite der Frauen und setze mich gern für ihre Belange ein.
Gerade heute sind in einer diverser werdenden Gesellschaft auch Toleranz und Rücksicht wichtig. So wird derzeit vielfach diskutiert, auch die Sprache der diverser werdenden Gesellschaft anzupassen. Gender-Stern, Binnen-I und generisches Maskulinum, sprachlicher Konformitätsdruck und natürliche Veränderungen des Deutschen sind zurzeit zum Gegenstand einer leidenschaftlich geführten Auseinandersetzung geworden. Immer häufiger sehe ich in den Medien mehr oder weniger gute Lösungen angesichts dieses stark polarisierenden Themas. Allerdings bin ich häufig von Formen, die nicht nur Frauen mit einschließen, sondern alle sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten, zunehmend irritiert und sie stören mich; Blick und Zunge stolpern darüber – aber genau das ist wohl auch Sinn der Sache.
Als Redakteurin ist die Sprache mein wichtigstes Handwerkszeug. Für mich zeichnen Klarheit, Lesbarkeit, eine gewisse Eleganz und ein bisschen Esprit gute journalistische Texte aus. Mit einer erzwungene Korrektheit und anstrengendem Geschwurbel, das vielmehr die Originalität von Autoren belegen soll, werden viele Texte für die Leserinnen und Leser oft anstrengend bis unleserlich. Ebenso kontraproduktiv erscheinen mir die Symbole des extremen genderbewussten Neusprech: Sternchen, Unterstrich, Binnen-I und andere Verrenkungen dieser Art. Sie schrecken mich nicht nur ab, sie beleidigen zunehmend Stilbewusstsein und sprachästhetisches Empfinden.
Ich bin durchaus dabei, wenn es darum geht, Identitäten jenseits der männlichen kenntlich zu machen – unter Beibehaltung von Klarheit, Lesbarkeit, Eleganz und Esprit. Die Gender-Debatte zeigt auch, dass Sprachsensibilität und Stilempfinden ein subjektiver Faktor innewohnt.
Als Redakteurin einer Fachzeitschrift will ich in erster Linie informieren – und zwar alle. Nicht nur alle Geschlechter, sondern auch alle Beschäftigten im Gartenbau, die abends nach einem langen Arbeitstag noch den Gartenbau-Profi zur Hand nehmen und mit müden Augen sich informieren wollen. Diese sollen lesbare und vor allem verständliche Artikel vorfinden. Deshalb wird es von mir vorerst kein Gender-Stern und Binnen-I in diesem Magazin geben - aber einen entspannten und flexiblen Umgang mit gesellschaftlichen und sprachlichen Entwicklungen. Wie die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ werde ich mich bemühen, „kreative Lösungen zu finden, die die Schönheit und Verständlichkeit unserer Texte nicht beeinträchtigen.
In die Agrarbranche bin ich hineingeboren. Als Frau sind für mich in dieser Männerdomäne eine gleichberechtigte Bezahlung oder Chancengleichheit im Beruf viel dringendere Kritikpunkte als eine gendergerechte Sprache. Obwohl mich die Belange der Frauen in unserer Gesellschaft immer interessierten, störte mich bisher selten eine fehlende Sensibilität in der Sprache. Von einem Gender-Sternchen oder Binnen-I kann ich mir auch nichts kaufen, von einer gerechten Bezahlung schon.
„Für mich zeichnen Klarheit, Lesbarkeit, eine gewisse Eleganz und ein bisschen Esprit gute journalistische Texte aus.“