In den Niederlanden, Belgien oder Großbritannien schon fast Standard, in Deutschland weiter auf Expansionskurs – ohne geschützte Anbauverfahren hätte der Anbau von Erdbeeren oder Himbeeren nicht diese Entwicklung genommen. Gartenbau-Profi sprach mit Ludger Linnemannstöns, Versuchsleiter im Gartenbauzentrum Köln-Auweiler der LWK NRW, über Entwicklungen in Anbau und Technik.
Gartenbau-Profi: Herr Linnemannstöns, Sie sind mit Ihrer Versuchsarbeit und den vielen Kontakten zu Forschungs- und Versuchseinrichtungen sowie zu Praktikern im In- und Ausland nah am Geschehen und können die Entwicklungen im geschützten Anbau sehr gut beurteilen. Was hat sich in den letzten Jahren in diesem Bereich getan?
Ludger Linnemannstöns: Im Vergleich zu einigen Nachbarländern setzte in Deutschland nach zögerlichem Einstieg ein Trend zum geschützten Anbau von Erdbeeren erst vor ca. zehn Jahren ein. Unsere Berufskollegen in den Niederlanden oder in Belgien waren zu diesem Zeitpunkt schon weit fortgeschritten, wahrscheinlich auch, weil dort der Export schon eine wichtige Rolle spielte. Inzwischen werden auch in Deutschland Daten zum geschützten Anbau erfasst. Danach werden ca. 1 800 ha Erdbeeren und ca. 400 ha Himbeeren in geschützten Verfahren in Deutschland angebaut, aber auch Brombeeren, Johannisbeeren und Heidelbeeren werden im geschützten Anbau kultiviert. Wenn man die Wetterkapriolen der letzten Jahre betrachtet, mit vielen Extremsituationen, großer Hitze und Starkregen oder Blütenfrösten, dann wird diese Entwicklung auch weiter voranschreiten.
Gartenbau-Profi: Wie war die wirtschaftliche Situation für die Betriebe mit geschütztem Anbau in den letzten beiden Jahren?
Ludger Linnemannstöns: Wenn man bei den Erdbeeren auf das Jahr 2020 schaut, dann war der Anbau im Tunnel recht positiv, aber auch im Freilandanbau erzielten viele Betriebe im vergangenen Jahr oftmals ansprechende Ergebnisse, sicherlich auch beeinflusst durch die Corona-Situation.
In diesem Jahr hatte eigentlich nur der geschützte Bereich eine gute Saison, der Freilandbereich war für viele Betriebe eine Katastrophe. Bedingt durch die vielen Niederschläge wurden die Qualitäten in Mitleidenschaft gezogen und die Nachfrage litt auf Grund der Qualität – als Folge war keine Kontinuität am Markt vorhanden. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs Ende Juli wird wieder Ware am Markt gesucht. Man muss in diesem Zusammenhang aber auch erwähnen, dass während der Haupternte Erdbeeren aus geschütztem Anbau gut vom Markt aufgenommen wurden, deutlich bessere Preise erzielten als die Ware aus dem Freilandanbau, aber dennoch keine kostendeckenden Preise. Letztendlich kann man festhalten, dass der geschützte Anbau zu wesentlich besseren und stabileren Bedingungen in den Betrieben geführt hat.
Gartenbau-Profi: Aus der Praxis wird immer wieder die Forderung gestellt, dass Beerenfrüchte aus geschütztem Anbau klar am Point of Sale gekennzeichnet werden und ein höheres Preisniveau erzielen, als Früchte aus dem Freilandanbau. Kann sich diese Forderung in der Praxis durchsetzen?
Ludger Linnemannstöns: Bei Erdbeeren ist es sicher so, dass Waren aus geschütztem Anbau besser bezahlt werden, aber belegbare Angaben oder greifbare Zahlen dazu fehlen. Wir sind aber noch nicht so weit wie bei den Süßkirschen, bei denen die Ware klar erkennbar für den Kunden gekennzeichnet ist. Nach meiner Wahrnehmung fängt der Handel aber auch im Beerenbereich an – ähnlich, wie wir das schon bei Tomaten kennen – Erdbeeren in verschiedenen Qualitäten nebeneinander zu unterschiedlichen Preisen, vom Hochpreisprodukt in 300-g- oder 400-g-Schale mit gelegter Ware bis hin zum deutlich preiswerteren Produkt in 500-g-Schale anzubieten. Dies ist ein positives Zeichen und bietet die Chance, auch die hochwertigeren Qualitäten zu einem besseren Preis verkaufen zu können.
Gartenbau-Profi: Wird dies in der Direktvermarktung nicht schon lange praktiziert?
Ludger Linnemannstöns: Mit der Direktvermarktung, über die nach Schätzungen ca. 30–40 % des Warenvolumens direkt an den Endkunden verkauft werden, haben wir einen riesigen Vorzug gegenüber unseren Nachbarn. Das ist ein wichtiger Bereich für den Verkauf in einem Hochpreissegment. Wir stellen fest, dass Betriebe mit einem hohen Anteil Direktvermarktung häufig ihren geschützten Anbau ausbauen, für eine Produktion im Juni, weil man dann auch zu diesem Zeitpunkt eine qualitativ hochwertige Ware am Stand oder im Hofladen anbieten kann und das Geld für die vormals getätigten Investitionskosten zurückfließt.
Beim Absatz über den Handel fällt der Rückfluss des investierten Kapitals manchmal schwerer, abhängig von der Ausbaustufe im geschützten Anbau und den damit verbundenen Produktionskosten. Die Margen sind niedriger und man kann nicht immer davon ausgehen, dass ein gesicherter Geldrückfluss zur Deckung von Kosten oder eingesetztem Kapital gewährleistet ist.
Gartenbau-Profi: In welchem Maß trifft der Begriff der Nachhaltigkeit auf den geschützten Anbau zu?
Ludger Linnemannstöns: Wir werden uns der Nachhaltigkeitsdiskussion stellen müssen und sollten dieses Thema vielleicht etwas proaktiver angehen. Es wäre wichtig, z.B. eine Nachhaltigkeitsdiskussion über den geschützten Bereich zu führen. Überschlägig betrachtet, gehe ich davon aus, dass die geschützte Produktion nachhaltiger ist als der Freilandanbau. Wenn man den Water-Food-Print z.B. als Nachhaltigkeitskriterium heranzieht, dann ist der Wasserverbrauch pro Kilo geernteter und vermarkteter Erdbeeren im geschützten Anbau geringer im Vergleich zur Produktion im Freiland, insbesondere, wenn das Wasser aufgefangen und rezirkuliert wird. Man hat weniger Verdunstung und erzielt höhere Flächenerträge. Im Freiland benötigt man zur Ernte von 500 t Erdbeeren ca. 30 ha Fläche; unter Glas reichen dazu 4–5 ha Fläche, d.h. die verbleibende Freifläche könnte für Naturschutzmaßnahmen oder andere Nutzungen verwendet werden – dies muss dann aber auch kommuniziert werden.
Beim Thema Nachhaltigkeit werden immer wieder die Aspekte Ökonomie, Ökologie und soziale Bedingungen angeführt. Wir erfahren jetzt deutlich, dass Saisonarbeitskräfte nur noch dann bereit sind, auf den Höfen zu arbeiten, wenn auch die Rahmenbedingungen stimmen. Zu diesen zählen natürlich auch die Arbeitsbedingungen. Dabei ist manchmal schon entscheidend, ob am Boden oder stehend an Stellagen gearbeitet wird. Es gibt viele Mitarbeiter, die wünschen keinen Akkord, sondern möchten lieber im Stundenlohn ihre Arbeit verrichten. Man muss natürlich darauf achten, dass eine bestimmte Leistung erbracht wird, aber dies ist im geschützten Anbau viel einfacher erreichbar als im Freilandanbau.
Gartenbau-Profi: Wo liegen heute die Trends im geschützten Anbau?
Ludger Linnemannstöns: Der klassische Wandertunnel, mit dem die Entwicklung einmal begann, hat nach wie vor seinen Stellenwert, er erfährt aber keine weitere Ausdehnung. In den zurückliegenden Jahren wurde mehr in Stellagen, einfache Einzeltunnel oder auch Regenkappen investiert. Jetzt stehen einige Betriebe vor dem nächsten Schritt, mehrschiffige Folienhäuser oder Gewächshäuser, ausgestattet mit einfacher Technik, zu errichten. Diese sind meist nicht beheizt oder sie werden nur frostfrei gehalten. Es gibt aber auch Projekte, bei denen große Gewächshausanlagen mit Heizung und CO2-Düngung entstehen sollen. Bei der Lüftung von Tunneln wird die Handkurbel immer häufiger durch einen Elektroantrieb ersetzt und mehrschiffige Tunnel mit Energieschirm, ausreichender Lüftung und Railsystemen ausgestattet.
Gartenbau-Profi: Wie sehen Sie die Zukunft im geschützten Anbau?
Ludger Linnemannstöns: Letztendlich stehen die Zeichen weiter auf eine Ausweitung des geschützten Ausbaus. Die z.T. um bis zu 50 % gestiegenen Materialkosten sind jedoch ein deutlicher Hemmschuh und könnten der Entwicklung einen Dämpfer verleihen. Auch die fast auf ganzer Linie gestiegenen Produktionskosten sind für alle Betriebe eine enorme Herausforderung. Am Ende kann ein Betrieb nur investieren, wenn er auch Geld verdient.
Eine weitere Frage ist das Vertrauen, das Betriebe in ihre Zukunft setzen. Und spätestens zu einem Generationswechsel stellt sich die Frage, wohin ein Betrieb sich entwickelt. Bei Unsicherheit über die eigene Zukunft ist man mit Investitionen zunächst einmal zurückhaltend. Der Wegfall der Pauschalierung, Unsicherheiten im Pflanzenschutz, steigende Lohnkosten – dies beschäftigt die Betriebe natürlich bei aller positiver Bestätigung, die sie für ihre Produkte erhalten.
Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Entwicklung im geschützten Anbau voranschreiten wird. Dies hat auch die Resonanz bei unserem Tunneltag im Frühjahr deutlich unterstrichen. Gerade nach dieser Saison machen sich viele Betriebe Gedanken über den geschützten Anbau. Wer in diese Technik investiert und dabei gute Erfahrungen gemacht hat, investiert weiter. Die Mitarbeiter bevorzugen die Arbeit an Stellagen gegenüber allen anderen Anbauformen – aber man büßt bei diesem Verfahren an Frühzeitigkeit gegenüber dem Wandertunnel ein, der seine Berechtigung auch in Zukunft behalten wird.
Das Interview mit Ludger Linnemannstöns führte Thomas Kühlwetter