Der Obstbau im Alten Land hat eine lange Tradition und zwischen Hamburg und Stade bewirtschaften viele Familienbetriebe seit Generationen die von Wassergräben und kleinen Flüssen durchzogene Landschaft. Fruchtbare Böden, ausreichend Wasser und die Nähe zum gewaltigen Absatz- und Umschlagsplatz Hamburg begünstigen seit je her die Region stärker als andere Obstbaugebiete in Deutschland. Claus Schliecker ist einer von diesen Obstbauern, der auf eine dreihundertjährige Familiengeschichte zurückblicken kann.
„Mein Vater hat noch Vieh gehalten und Ackerbau betrieben“, berichtet der 53-jährige Obstbauer aus Lühe vor dem Start in die diesjährige Apfelsaison, „dies wurde aber schon in den 60er-Jahren aufgegeben, da die Struktur unseres Landes einfach den Einsatz von modernen Maschinen und Geräten mit großen Arbeitsbreiten nicht zuließ.“
Langfristig erfolgreich wirtschaften bedeutet für Claus Schliecker, einen funktionierenden, zukunftssicheren Betrieb in die Hände der Nachfolger zu legen. „Sonst hätte unsere Familie nicht über so viele Generationen in der Landwirtschaft und im Obstbau tätig sein können“, folgert Claus Schliecker. Und dies gilt, da ist sich der Unternehmer sicher, für jeden anderen heute wirtschaftenden Familienbetrieb in der Region.
Obstbauer mit Leib und Seele
Claus Schliecker übernahm den 26-ha-Betrieb vor 22 Jahren von seinen Eltern. Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung als Gärtner mit Fachrichtung Obstbau, besuchte die Fachschule, schloss als staatlich geprüfter Wirtschafter für Obstbau ab und hängte später noch die Meisterausbildung dran. „Ich habe noch zwei Schwestern, die aber nie Interesse an der Betriebsübernahme gezeigt haben“, erläuterte Schliecker seine Familiengeschichte, „meine Eltern haben mir immer freie Hand gelassen. Ich hätte auch studieren und einen anderen beruflichen Weg einschlagen können. Aber das kam für mich nicht in Frage. Ich bin mit Leib und Seele Obstbauer.“
Und dies scheint auch für die nächste Generation zu gelten. Die beiden Söhne Johann (19 Jahre) und Friedrich (16 Jahre) wollen beide in seine Fußstapfen treten.
Wir sind heute die besten
In den Neunzigern arbeitete Schliecker als Geselle ein Jahr auf einem Obstbaubetrieb am Bodensee. „Bodensee war für mich nicht nur fachlich die beste Option, sondern auch deshalb, weil ich mich nur mit Wasser in der Nähe wohl fühle“, gibt der Norddeutsche lachend zu. Er wollte hier Erfahrungen sammeln, denn diese Region galt damals als innovativer als das Alte Land. Die Obstbauern hier wagten moderne Pflanzsysteme mit noch engerem Pflanzabstand und völlig anderen Gehölzschnitten. „Heute hat sich das allerdings gedreht“, berichtet Schlicker nicht ohne Stolz, „in der Beratung, der Aus- und Fortbildung sowie der wissenschaftlichen Forschung und dem damit verbundenen Wissenstransfer sind wir in Deutschland die besten.“
Verantwortlich für den Betrieb investierte Schliecker in den Ausbau der Steinobstproduktion. Neben 3 ha Pflaumen wurden noch 3 ha Kirschen unter Foliendach angepflanzt und dies ermöglichte es, neue Sorten anzubauen, die festfleischiger aber auch wasserempfindlicher waren. „Das Problem ist, dass wir zur Kirschenernte auch den meisten Regen erwarten. Um unserer abnehmenden Hand Ertragssicherheit zu bieten, ist eine Bedachung deshalb unumgänglich“, erklärt Schliecker.
Bei Kernobst auf Clubsorten setzen
„Im Kernobst setzen wir zunehmend auf Clubsorten. Damit heben wir uns aus der Masse der Anbieter heraus, bieten höchste Qualität und hoffen so, bessere Preise generieren zu können“, erläutert Schliecker sein Konzept. Von den 19 ha Äpfeln stehen drei Hektar unter Hagelschutzdach, um die Ertragssicherheit zu garantieren und um vor extremen Wetterereignissen zu schützen.
Im letzten Herbst wurde eine noch namenlose Clubsorte angebaut, mit der etwas Neues ausprobiert werden soll. Diese Sorte wurde von der ZIN – Züchtungsinitiative Niederelbe – gezüchtet und soll über Aldi-Süd im Rahmen eines eigenen Vermarktungskonzeptes verkauft werden. So ist geplant, dass die Aldi-Kunden selbst in einem Wettbewerb den Namen der Sorte entwickeln sollen.
Erste Apfelsorte mit ECARF-Siegel
Schliecker probiert gerne Neues aus und wird in diesem Jahr eine weitere Apfelsorte anpflanzen, die bis heute nur eine Nummer hat. Auch hier ist die ZIN im Spiel, die gemeinsam mit anderen wissenschaftlichen Instituten diese Sorte entwickelt hat. Sie ist die einzige Apfelsorte, die ein ECARF-Siegel bekommen hat und damit sicher für Allergiker geeignet ist.
Doch damit nicht genug: „Wir versuchen, dem Klimawandel seine positiven Seiten abzugewinnen und haben deshalb vor zwei Jahren einen Hektar Aprikosen und Nektarinen angepflanzt“, so der Obstbauer. Neue Kulturen bedeuten natürlich auch neue Herausforderungen. Die Beratung vor Ort muss da auf Erfahrungen in südlichen Anbaugebieten zurückgreifen. Der Habitus und das Wuchsverhalten der Bäume sind anders. Auch mit dem Schnitt muss sich der Fachmann auseinandersetzen und viel lernen. „Die Vegetationszeit dieser Kulturen geht viel früher los. Im Februar muss das Foliendach stehen, denn dieses Steinobst braucht in dieser frühen Phase keine Feuchtigkeit. Die jungen Blattorgane und besonders die Blüten müssen geschützt werden. Auch sind erste Pflanzenschutzmaßnahmen in dieser Zeit schon notwendig“, erläutert Schliecker seine Erfahrungen.
Aprikosen genussreif ernten
Aber der Obstbauer ist fest davon überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein: „Die Farbe, der Geschmack, die Konsistenz und das Aussehen der Früchte sind hervorragend. Wir haben den entscheidenden Vorteil, dass wir im Gegensatz zu anderen Produktionsländern eine sehr hohe Genussreife erreichen können. Das wird der Kunde schmecken.“ Im Alten Land hat der Apfelanbau einen Anteil von ca. 90 %. Schliecker fällt da mit 27 % Steinobst und 73 % Kernobst aus dem Rahmen. „Es ist zwar einfacher, sich nur mit Kernobst zu beschäftigen, aber das Risiko ist größer. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Kulturen in einem Jahr in der Krise stecken, ist gering. Deshalb will ich mich auf mehrere Kulturen stützen, um auch in schwierigen Zeiten das Familieneinkommen zu sichern.“
Auf indirekte Vermarktung gesetzt
Auf dem Betrieb arbeiten drei Vollarbeitszeitkräfte, darunter er selbst und seine Ehefrau Sabine, die die Büroarbeit erledigt. In der Saison werden noch 15 bis 20 Saisonarbeitskräfte beschäftigt. Die Ernte vermarktet der Obstanbauer selbst. „Ich bin ungebunden und damit immer gut gefahren“, erklärt Schliecker selbstbewusst. Kunden sind diverse Großhändler und der LEH.
Bis vor kurzem hat Schliecker noch einen Hamburger Wochenmarkt mit eigenem Verkaufsstand beliefert, aber das lohne sich nicht mehr, meint der Unternehmer. „In den vergangenen 20 Jahren, die wir auf dem Wochenmarkt gestanden haben, haben sich die Gesellschaft und ihr Kaufverhalten sehr verändert. Es wird nicht mehr so viel gekocht, nicht mehr eingemacht und gebacken. Daran hat Corona nur kurzfristig etwas geändert.“
Wir müssen uns Gehör verschaffen!
Claus Schliecker ist Vorsitzender der Fachgruppe Obstbau im Landvolk Niedersachsen und weiß, wie sehr die Familienbetriebe im Alten Land unter Druck stehen. „Bei meinen Berufskollegen hat sich eine gewisse Mutlosigkeit breit gemacht angesichts der vielen Probleme, die unsere Existenzen bedrohen und in Kürze noch bedrohen werden. Aber das dürfen wir nicht zulassen!“ appelliert Schliecker. „Ja, es ist eine Herausforderung, in einem Industrieland mit hohen Löhnen und hohen Ansprüchen sowie mit weltweit höchsten Natur- und Umweltstandards zu produzieren und sich dann noch auf dem internationalen Markt der Konkurrenz stellen zu müssen. Aber wir genießen trotz allem einen hohen Stellenwert gerade auch in der Politik. Wir müssen uns Gehör verschaffen. Wir müssen lauter werden.“
Claus Schliecker ist der Ansicht, dass die Obstbauern im Alten Land immer kooperativ gewesen seien und den Forderungen nach immer mehr umwelt- und naturschonendem Anbau nachgekommen sind. Wenn die Gesellschaft aber die Schrauben immer weiter anziehe, dann müsse die Politik den Betriebsleitern auch glauben, dass dies nicht mehr zu stemmen ist. Es sei nun soweit, dass die Dienstleistung, die die Gesellschaft fordere, auch vergütet werden müsse. „Lieber wäre es uns aber - und da spreche ich bestimmt für alle Obstbauern und Landwirte - wenn wir unser Familieneinkommen ohne Förderung erwirtschaften könnten“, ist sich Schliecker sicher.
Josefine von Hollen