Zum Schutz vor Wetterereignissen, wie Spätfrösten oder Hagelereignissen als auch zur produktiveren und wettergeschützten Ernte mit besseren Fruchtqualitäten verlagert sich die Beerenobstproduktion immer weiter in den geschützten Anbau. Dies bringt beim Pflanzenschutz einige neue Herausforderungen, aber auch Chancen mit sich. Auf kurze oder lange Sicht ist der Einsatz von Nützlingen dabei ein wichtiger Teil, mit dem sich die Produzenten beschäftigen sollten. Eine Übersicht zu Nützlingen zum Einsatz gegen gängige Schädlinge folgt hier:
Der Trend beim Anbau von Beerenobst geht immer weiter in den geschützten Anbau, während die Auswahl an verfügbaren Pflanzenschutzmitteln immer weiter abnimmt. Hinzu kommen Schädlinge, die sich durch gängige Mittel nicht bekämpfen lassen, wie beispielsweise der kalifornische Blütenthrips Frankliniella occidentalis. Der Einsatz von Nützlingen bietet dabei eine gute Alternative ohne Wartezeiten und Anwenderrisiko, aber erfordert auch einige Umstellungen. Besonders beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sollte darauf geachtet werden, inwieweit diese mit Nützlingen verträglich sind und wie lange das jeweilige Mittel eine schädigende Wirkung auf Nützlinge hat (Persistenz).
Nützlinge gegen Spinnmilben
Durch die oftmals trocken-warmen Bedingungen im Folien- oder Glashaus herrschen ideale Vermehrungsbedingungen für Spinnmilben. Vor allem bei Sonneneinstrahlung im Frühjahr kann sich ein Befall früh aufbauen. Spinnmilben treten in bis zu sieben Generationen über die Vegetationszeit auf. Bei 25 °C dauert die Entwicklung vom Ei zur adulten Spinnmilbe etwa zehn Tage. Ein Weibchen kann mehrere hundert Eier legen, somit kann sich ein starker Befall in kurzer Zeit aufbauen. Im Beerenobst tritt vor allem die Bohnenspinnmilbe Tetranychus urticae auf. Ab März beginnt der Populationsaufbau über befruchtete Winterweibchen, die an Herzblättern, Rhizomen oder im Laub überwintern. Die überwinterten Weibchen haben im Frühjahr eine orange-rote Färbung.
Gängige Nützlinge zur Bekämpfung sind die Raubmilben Amblyseius californicus und Phytoseiulus persimilis sowie die räuberische Gallmückenlarve Feltiella acarisuga. Zum frühen Einsatz gegen Spinnmilben wird die Raubmilbe Amblyseius californicus als Tütenware eingesetzt. Dabei befinden sich die Raubmilben zusammen mit Weizenkleie und Futtermilben in Papiertütchen, die von innen beschichtet und somit vor eindringender Feuchtigkeit von außen geschützt sind. Zusätzlich wird so die Luftfeuchtigkeit in der Tüte aufrecht gehalten.
Eine Perforation an der Oberseite der Tütchen ermöglicht den Raubmilben die Auswanderung in die Kultur. Diese Perforation muss vor Feuchtigkeit geschützt sein. Beim prophylaktischen Einsatz wird in der Regel eine Tüte auf zwei Laufmeter eingesetzt, kurativ eine Tüte je Laufmeter. Die Tütchen werden bei Erdbeeren direkt an die Blattstiele gehängt, bei Himbeeren in etwa 1,20 m Höhe in die Rute bzw. an eine Laterale. Dies erleichtert die Auswanderungen der Raubmilben aus den Tütchen in den Bestand und schützt die Tüte vor direkter Sonneneinstrahlung.
Damit sich die Raubmilben gut im Bestand verteilen können ist es wichtig, dass die Pflanzenentwicklung bei Erdbeeren und Strauchbeeren so weit vorangeschritten ist, dass sich die Blätter bzw. Laterale der Nachbarpflanzen berühren. Gerade bei Himbeeren ist ein frühzeitiger Einsatz sinnvoll, da die Spinnmilben bei steigenden Temperaturen von der Basis beginnend an der Rute hochwandern.
Ist A. californicus dann schon etabliert, wird dies effektiv verhindert. Wenn die Spinnmilben bis zur Spitze der Rute hochwandern, ist eine Bekämpfung mit Raubmilben sehr schwierig, da die Temperaturen dort mit direkter Sonneneinstrahlung in Nähe zur Folie bzw. zum Glas in der Regel hoch und die Luftfeuchtigkeit niedrig sind. Im Gegensatz zu den Spinnmilben brauchen die Raubmilben eine hohe relative Luftfeuchtigkeit, die mindestens 50 %, im Idealfall über 70 % beträgt. Bei 25 °C dauert die Entwicklung vom Ei zur adulten A. californicus Raubmilbe etwa fünf Tage und ist somit bedeutend kürzer als die der Spinnmilbe. Die Raubmilbe A. californicus ernährt sich vorzugsweise von Spinnmilben, verzehrt aber auch andere Milben, Thripse und Pollen und bleibt auch bei Abwesenheit von Spinnmilben im Bestand etabliert.
Die Raubmilbe Phytoseiulus persimilis ernährt sich ausschließlich von Spinnmilben und wird als Streuware mit 10 bis 20 Tieren je Laufmeter bei Erdbeeren und Himbeeren erst dann eingesetzt, wenn ein erhöhter Befallsdruck durch Spinnmilben festzustellen ist. Die Entwicklung vom Ei zur adulten Raubmilbe bei 25 °C dauert etwa fünf Tage. Bei einer relativen Luftfeuchtigkeit unter 70 % sinkt die Schlupfrate der Eier von P. persimilis deutlich. Das erste Larvenstadium muss Wasser aufnehmen, sodass der Bestand regelmäßig kurz mit Wasser besprüht werden sollte, sofern es keine Taubildung gibt. Der Einsatz beider genannter Raubmilben lässt sich gut kombinieren.
Eingesetzt werden kann auch die räuberische Gallmücke Feltiella acarisuga. Nur die Larven ernähren sich von Spinnmilben und können einige Tage ohne Nahrung auskommen. Bei 27 °C dauert die Entwicklung vom Ei zur adulten Gallmücke etwa neun Tage. Die relative Luftfeuchtigkeit im Bestand sollte mindestens 65 %, im Idealfall über 75 % betragen. Feltiella acarisuga wird je nach Befall mit bis zu zehn Tieren je Laufmeter in Spinnmilben-Hotspots ausgebracht. Die adulten Tiere legen ihre Eier in der Nähe von Spinnmilben ab, nach einer Woche schlüpfen die Larven und beginnen ihre Fraßaktivität.
Nützlinge gegen Blattläuse
Blattläuse treten je nach äußeren Einflüssen geflügelt und ungeflügelt auf. Einen Großteil der Saison besteht die Blattlauspopulation aus lebendgebärenden Weibchen, die sich asexuell vermehren und somit genetisch identische Nachkommen produzieren. Die Zeit zwischen zwei Generationen beträgt bei 20 °C lediglich zehn Tage und innerhalb von drei Tagen kann sich die Population verdoppeln. Im Beerenobst treten vor allem die Schalottenlaus, Kartoffelblattlaus, Erdbeerknotenhaarlaus sowie die grüne Gurkenblattlaus und grüne Pfirsichblattlaus auf.
Eine gängige Strategie ist der Einsatz von Schlupfwespen gegen Blattläuse. Da jede Schlupfwespenart nur bestimmte Blattlausarten parasitiert bzw. die Parasitierung je nach Blattlausart unterschiedlich effektiv ist, werden fünf bis sechs verschiedene Schlupfwespenarten eingesetzt, um die gängigen Blattlausarten im Beerenobst abzudecken. Geliefert werden sie als parasitierte Blattläuse in einem Röhrchen, das nach Erhalt direkt in den Bestand gehangen wird und aus dem bald die Schlupfwespen schlüpfen, um anschließend im Bestand ihre Eier in Blattläuse zu legen. Ein Röhrchen mit 250 Schlupfwespen deckt etwa 200 m² ab und wird im geschützten Anbau eingesetzt, sobald die ersten Blattläuse auftreten. Bei Erdbeeren, Himbeeren und Heidelbeeren im geschützten Anbau setzen einige Betriebe bereits auf den Einsatz der Schlupfwespen-Röhrchen.
Eine weitere Möglichkeit zur Blattlausbekämpfung stellt die offene Zucht dar. Dabei werden Getreidepflanzen gekauft, die mit zwei verschiedenen Getreideblattlausarten beimpft sind. Da diese ausschließlich an einkeimblättrigen Pflanzen saugen, sind sie für das Beerenobst unkritisch. Diese sogenannten Banker Plants werden nach Erhalt in einen Kasten mit Insektenschutzgewebe gestellt, sodass die Blattläuse ungestört an den Getreidepflanzen saugen und sich vermehren können. Anschließend werden Schlupfwespen der Arten Aphidius ervi und Aphidius colemani zugesetzt, die die Blattläuse parasitieren. Im nächsten Schritt werden die Getreidepflanzen mit den parasitierten Blattläusen in die Beerenobstkultur gestellt, wo die Schlupfwespen schlüpfen und Blattläuse parasitieren. Beachtet werden sollte dabei, dass die beiden genannten Schlupfwespenarten nicht jede im Beerenobst auftretende Blattlausart parasitieren, daher sollten die im Bestand vorhandenen Blattlausarten bekannt sein.
Alternativ können auch Räuber eingesetzt werden, wie z. B. die Florfliegenlarve Chrysoperla carnea. Sie erbeutet neben Blattläusen auch Milben und andere Insekten und ist sehr gefräßig. Die Adulten hingegen ernähren sich von Pollen, Nektar und Honigtau. Die Entwicklung vom Ei zur adulten Florfliege dauert 25 Tage bei 28 °C. Ein weiterer Räuber ist die Gallmücke Aphidoletes aphidimyza. Die adulten Weibchen finden Blattlaus-Kolonien sehr effektiv im Bestand und legen dort ihre Eier ab. Aus diesen schlüpfen die Larven, die sich von Blattläusen ernähren. Auch Schwebfliegen der Arten Eupeodes corollae, Sphaerophoria rueppellii und Episyrphus balteatus können als effektive Räuber gegen Blattläuse zum Einsatz kommen. Alle genannten Nützlinge gegen Blattläuse lassen sich gut miteinander kombinieren.
Nützlingseinsatz gegen Thripse
Der Einsatz von Raubmilben und Raubwanzen beim geschützten Anbau von Erdbeeren ist in vielen Betrieben bereits fest etabliert. Gerade im Rheinland tritt häufig der kalifornische Blütenthrips Frankliniella occidentalis auf, der Resistenzen gegenüber allen ausgewiesenen Pflanzenschutzmitteln besitzt. Der Einsatz von Gegenspielern ist dann unumgänglich. Doch auch Zwiebel-, Rosen- und Blütenthrips treten auf und schädigen die Kultur durch ihre Saugtätigkeit. Der Thripsschaden ist bei Erdbeeren durch Verbräunungen an den Kelch- und Blütenblättern sowie durch bronzefarbene Verfärbungen an grünen Früchten gut erkennbar. Bei starkem Thripsbesatz kann es bei reifenden Früchten zu Rissbildungen kommen, vor allem am Kragen unter den Kelchblättern. Bei Himbeeren färben einzelne Beeren der Früchte nicht vollständig aus. Die Thripse finden sich dann vor allem im Inneren der Beeren und sind zu erkennen, wenn die Frucht vom Blütenboden gelöst wird.
Während Schäden durch Thripse bei Himbeeren in der Regel selten auftreten, können die Saugschäden bei Erdbeeren im geschützten Anbau vor allem auf Stellagen häufig gefunden werden. Bei warmen und trockenen Bedingungen vermehren sich die Thripse am besten. Die Entwicklungszeit vom Ei zum adulten Thrips dauert bei 30 °C je nach Art etwa neun bis zwölf Tage.
Standardmäßig werden Raubmilben der Art Amblyseius cucumeris wöchentlich mit 100 Tieren je Laufmeter ausgebracht. Sobald der Druck durch Thripse und ihre Larven ansteigt, wird auf bis zu 500 Tiere je Laufmeter je Ausbringung erhöht. Amblyseius cucumeris hat ein Temperaturoptimum von 20 bis 30 °C und benötigt mindestens 60 % relative Luftfeuchtigkeit.
Alternativ kann die Raubmilbe Amblyseius swirskii mit 20 bis 100 Tieren je Laufmeter, je nach Befallsdruck im Abstand von vier bis sechs Wochen eingesetzt werden. Diese Raubmilbe kommt mit Temperaturen bis 36 °C zurecht und braucht mindestens 65 % relative Luftfeuchtigkeit. Wenn die Kultur zum Ausbringungszeitpunkt noch keinen Pollen liefert, ist eine Zufütterung mit 500 g Pollen (Typha-Rohrkolbenpollen) je Hektar in zweiwöchigem Abstand sinnvoll, damit sich die Raubmilbe im Bestand etablieren kann. Prophylaktisch kann außerdem die Bodenraubmilbe Hypoaspis miles ausgebracht werden. Sie hält sich auf der oberen Bodenschicht auf und eignet sich gut für einen vorbeugenden Einsatz, da sie bis zu sieben Wochen ohne Nahrung auskommen kann.
Alle drei genannten Raubmilben erbeuten lediglich das erste und zweite Larvenstadium der Thripse. Eine Raubmilbe, die ebenfalls zum Einsatz kommen kann und auch größere Thripsstadien erbeutet, ist Amblydromalus limonicus. Hat sich bereits ein hoher Druck mit Larven und Adulten aufgebaut, so ist der Einsatz der Blumenwanze Orius laevigatus unumgänglich. Sie wird je nach Befallsdruck mit 1 bis 10 Tieren je Laufmeter ausgebracht und kann gut in Kombination mit Raubmilben eingesetzt werden. Blumenwanzen erbeuten alle Stadien der Thripse.
Besonderheiten des Nützlingseinsatzes
Der Einsatz von Nützlingen erfordert ein gewissenhaftes Monitoring, um die Wirksamkeit von Maßnahmen abschätzen zu können. Dafür sollte je Hektar und Woche mindestens eine halbe Stunde aufgewendet und die Ergebnisse schriftlich festgehalten werden. Nur so ist es möglich, einen aufbauenden Schädlingsdruck zu erkennen und entsprechend zu reagieren, beispielsweise durch eine Erhöhung der Ausbringmenge an Raubmilben. Beim Monitoring sollte sich Zeit genommen werden, um einen umfassenden Eindruck von Blättern, Blüten und Früchten zu bekommen.
Sind Saugschäden durch Thripse an den Kelchblättern oder Früchten festzustellen? Gibt es Spinnmilben auf den Blattunterseiten oder Blattläuse an den jungen Blättern? Wie hat sich der Befall im Vergleich zur Vorwoche entwickelt und welche Nützlinge wurden in der Zwischenzeit ausgebracht? Zur Hilfe können Leimtafeln in den Bestand gehangen werden, die einen Eindruck geben, welche Schädlinge (und auch Nützlinge) im Bestand vorhanden sind. Gelbe Leimtafeln sind non-selektiv und können einen allgemeinen Eindruck vermitteln, erlauben aber keine zuverlässige Aussage zum tatsächlichen Befallsdruck im Bestand.
Klimaführung ist wichtig
Ebenso wichtig wie das Monitoring ist die Klimaführung des Bestandes. Während vor allem Spinnmilben und Thripse hohe Temperaturen und geringe Luftfeuchtigkeit präferieren und sich unter solchen Bedingungen schnell vermehren, so benötigen die Nützlinge etwas geringere Temperaturen bis etwa 30 °C und eine hohe relative Luftfeuchtigkeit, die 70 % nicht unterschreiten sollte. Um gute Bedingungen für die Nützlinge zu schaffen, gibt es einige sinnvolle Maßnahmen. Durch ein gutes Lüftungsmanagement können hohe Temperaturen vermieden werden. Bei Sommerkulturen sollte eine diffuse Folie verwendet bzw. der Tunnel oder das Gewächshaus schattiert werden, beispielsweise durch Schattiernetze oder das Aufbringen einer Schattierfarbe. Durch Graseinsaat unter Stellagensystemen, welche regelmäßig bewässert wird, erhöht sich die Luftfeuchtigkeit durch die Transpiration. Alternativ können Nebeldüsen unter dem First für eine Erhöhung der Luftfeuchtigkeit und Senkung der Temperatur sorgen, indem sie regelmäßig einen kurzen Sprühnebel erzeugen.
Auch wenn ein Betrieb bisher noch nicht aktiv Nützlinge ausbringt, so helfen die genannten Maßnahmen zum einen der Kultur selbst, als auch natürlich auftretenden Nützlingen bei der Etablierung im Bestand. Oftmals lassen sich dann Raubmilben, Raubwanzen, Gallmücken, Florfliegen und Marienkäfer finden, die dabei helfen können, den Druck durch Schädlinge zu minimieren. Dieses Potenzial sollte genutzt werden.
Steffen Finder, LWK NRW