Auf der Vortragsveranstaltung der ESTEBURG Obstbauzentrum Jork, die am 28. April 2022 im Fährhaus Kirschenland, Wisch, im Rahmen des Norddeutschen Obstbautages stattfand, wurde nur ein Thema diskutiert: Die dramatisch ansteigenden Kosten in der Obstbauproduktion. Geschickt vor der Verbandspolitischen Tagung platziert, damit die geladenen Politiker und Regierungsvertreter hören, wie es um die vielfach gelobte regionale Produktion steht, und die Apelle, jetzt die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen, gehört werden.
Nicht Schwarzmalen – ehrlich analysieren
Dr. Matthias Görgens, stellvertretender Leiter der Obstbauversuchsanstalt in Jork, und Tilman Keller, Leiter des Beratungsteams Beerenobst, Obstbauversuchsring des Alten Landes e.V., nahmen sich des Themas an. Während Dr. Görgens für das Produktionsjahr 2020/2021 trotz oder wegen der Corona-Pandemie noch eine durchschnittlich komfortable Situation für die Gewinnentwicklung attestierte, sieht es für die kommende Saison anders aus: „Mir schlottern die Knie vor dem, was uns bevorsteht“, gibt Görgens zu, „aber wir wollen nicht Schwarzmalen, sondern ehrlich analysieren.“
Der Ukraine-Konflikt trägt erheblich zu Kostensteigerungen bei: Die Inflationsrate steigt, die Rohölpreise treiben die Kosten für Energie in die Höhe, die Verfügbarkeit von Produktionsmitteln wie Stahl, Folie oder Spezialdünger ist unberechenbar geworden, Absatzmärkte werden durcheinandergewirbelt und vieles mehr. Hinzu kommt dann noch die drastische Erhöhung des Mindestlohns, die die neue Bundesregierung durchgesetzt hat. Ebenso wird der Wegfall der Umsatzsteuerpauschalierung gerade für lohnintensive Beerenobstbetriebe Gewinneinbußen bedeuten.
Mindestlohn steigt um 26 %
„50-60 % der Kosten entfallen in der Beerenobstproduktion auf die Löhne. Während für die Apfelproduktion durchschnittlich eine Stunde Arbeitskraft pro 100 kg benötigt werden, seien es für Himbeeren und Heidelbeeren zwischen 23 und 38 Stunden für 100 kg“, erklärt Dr. Görgens. Dass der Mindestlohn von 2021 bis 2022 um 26 % steigen wird, trifft so vor allem die Beerenobstanbauer. Eine Lohnerhöhung in so kurzer Zeit - das habe noch keine Gewerkschaft geschafft, durchzudrücken, meinte der Berater. Vor allem für die Beerenobstproduzenten werden die steigenden Lohnkosten einen bedeutenden Preistreiber darstellen.
In Abb. 1 zeigt der Obstbauberater, in welchen Bereichen die betrieblichen Aufwendungen für Apfelspezialbetriebe voraussichtlich wie hoch ansteigen werden. Durchschnittlich beliefen sich die betrieblichen Kosten für die Produktionsjahre 2010/2011 bis 2019/2020 auf 51 €/100 kg Äpfel. Görgens rechnet mit einer Erhöhung der Kosten ab 2022 von 15 % also 59 €/100 kg Äpfel. Ein großer Sprung ist bei den Abschreibungen zu erkennen, da die Investitionen in neue Obstanlagen stark ansteigen werden. Hinter „sonstigen Betriebsaufwand“ stecken gestiegene Energiekosten, indirekte Löhne und die Kosten, die durch die steigende Inflation entstehen. Die Graphik zeigt deutlich, dass für die Betriebsleiter Handlungsbedarf besteht.
Arbeitsabläufe beim Apfel optimieren
Die Unternehmen sollten dringend Anpassungsstrategien entwickeln, um die Produktion zu optimieren und noch effizienter durchzuorganisieren, rät Dr. Görgens. Arbeitsintensive Maßnahmen wie Ernte und Sortierung müssten geprüft und angepasst werden. Zudem hingen Arbeits- und Maschinenkosten stark von der Pflückleistung der Arbeitskräfte ab. Könne die Pflückleistung verdoppelt werden, so halbierten sich die Arbeits- und Maschinenkosten.
Gute Erträge senken Kosten
Anlagen mit hohen Erträgen sind grundsätzlich wirtschaftlicher. Jetzt sei die Zeit, die Erträge aller Schläge zu erfassen, um unrentable Anlagen zu identifizieren und ggf. zu ersetzen, empfiehlt Görgens. Auch ließe sich an der Schraube „Sorte“ drehen. Görgens verwies auf die Korrelation zwischen Höhe des Ertrages, des zu erzielenden Preises und den Produktionskosten beim Apfel. Tab. 1 zeigt, dass durch hohe Erträge die Produktionskosten gesenkt werden können. Gewinnmöglichkeiten bestimmter Sorten gelingen so über hohe Erträge, ist sich Görgens sicher. Dabei dürfe man aber auch nicht vergessen, dass manche Sorten grundsätzlich höhere Preise als andere am Markt erzielten.
Die Sorte spielt eine wichtige Rolle
Die Sorte `Jonaprince´ generiert durch hohe Hektarerträge im Vergleich zu den anderen Sorten geringe Produktionskosten. Auch die Sorte `Elstar´ schneidet dabei verhältnismäßig gut ab. Anders sieht es bei Kanzi und Junami aus, deren Produktionskosten sehr viel höher liegen.
Betrachtet man aber nun den kalkulatorischen Gewinn in Tab. 2, so sieht die Sache schon ganz anders aus. Bei einem Durchschnittsertrag von 400 dt/ha erwirtschaftet die Sorte `Elstar´ mit weitem Abstand einen relativ geringen Gewinn von 1 132,01 €/ha. Bei der Sorte `Red Jonaprince´ sieht es mit 136,18 €/ha Gewinn ganz schlecht aus. Dies liegt am zu erwartenden niedrigen Preis für diese Sorte. Eine bessere Wirtschaftlichkeit bieten die Clubsorten Junami mit 2 549,27 €/ha und vor allem Kanzi mit 4 611 €/ha. Die neue Sorte `Wellant´ mit einem kalkulatorischen Gewinn von 11 640,81 €/ha übertrifft alle anderen Ergebnisse um ein Vielfaches. Görgens dämpfte jedoch die Erwartungen bei neuen Sorten, da diese es auf dem Markt immer schwer hätten und man müsste erst einmal die Erfahrungen der nächsten Jahre abwarten.
Zum Schluss erklärte Dr. Görgens, dass auch die Umstellung auf ökologischen Anbau geprüft werden müsse. Diese Maßnahme sei auch unter den neuen Gegebenheiten eine betriebswirtschaftliche Alternative für die Obstbauer in Deutschland.
Kostensprung beim Beerenobst erheblich
Tilmann Keller widmete sich in seinem Vortrag den zu erwartenden Kostensteigerungen beim Beerenobst. Seine Beispielberechnungen für den Erdbeeranbau zeigen (Tab. 3), dass sich die kalkulatorischen Preisuntergrenzen deutlich erhöhen. Dabei wurden unterschiedliche Anbausysteme (Wandertunnel, Freiland, Stellage Remo), unterschiedliche Lohnkosten (11 €/h, 13,50 €/h, 15 €/h) und Ertragserwartungen angenommen.
Der Erdbeeranbau im Freiland ist auch unter den neuen Voraussetzungen die günstigste Produktionsform, hat Keller errechnet. Die Preisuntergrenze steigt beim Wegfall der Pauschalierung und den neuen Lohnkosten um 0,67 €/kg bei 16 t/ha Ertrag und um 0,63 €/kg bei angenommenen 20 t/ha Ertrag an. Das sieht für die frühe Produktion im Wandertunnel ganz anders aus. Hier ist ein Preissprung von 1,11 €/kg bei zu erwartenden Erträgen von 18 t/ha kalkuliert worden. Können Erträge auf 22 t/ha eingefahren werden, sieht es etwas besser aus. Auch bei den remontierenden Erdbeeren auf Stellage steigt die Preisuntergrenze um zwischen 87 und 95 Cent/kg deutlich an. Hier können ebenfalls höhere Erträge das Ansteigen der Preisuntergrenzen abbremsen.
Heidelbeere besonders betroffen
Für die Heidelbeere ermitteltr Keller, dass bei einer Steigerung der Löhne von 11 auf 15 €/h und dem Wegfall der Pauschalierung bei einem Ertrag von 5 t/ha mit einem Anstieg der Preisuntergrenze um 1,40 €/kg gerechnet werden muss. Werden 10 t/ha geerntet, beträgt die Steigerung nur noch 1,14 €/kg. Bei der Himbeere (Longcane) sieht es nicht besser aus. Während pauschalierende Betriebe mit einem Stundenlohn von 11 €/h eine Preisuntergrenze von 9,85 €/ kg benötigen, brauchen die Himbeeranbauer in Zukunft bei einem Lohn von 15 €/h plus Preissteigerung plus Regelbesteuerung 12,33 €/kg.
Keller rät den Obstbauunternehmen, die betriebseigenen Zahlen zu aktualisieren, kritisch zu analysieren und die weitere Betriebsentwicklung genau zu planen. Unrentable Anlagen müssten identifiziert und ersetzt werden. Vor allem im Hinblick auf die Lohnkosten sollten Produktionsverfahren und Arbeitsabläufe neu bewertet und Mechanisierungsmöglichkeiten genutzt werden. Automatisierte Lösungen wie Pflückroboter, selbstfahrende Pflanzenschutzspritzen, Transportsysteme für Pflanzgefäße und vieles mehr können eine Rationalisierung der Produktion verbessern und Lohnkosten senken.
Liefermengen absprechen
Wichtig sei beim Beerenobst auch, die Liefermengen mit dem Handel möglichst genau abzusprechen und Mengenvorgaben einzuhalten, um die Preise zu stabilisieren. Angebot und Nachfrage bestimmten nun einmal den Preis. Die Qualität des Produktes wie Festigkeit und Geschmack müssten stimmen und seien ebenso entscheidend für einen guten Preis, versichert Keller. Man dürfe auch nicht die Prozessqualität aus den Augen verlieren. Mit Regionalität und CO2-Footprint könnten heimische Produzenten beim Verbraucher punkten.
Nachhaltig hohe Erträge zu sichern und die Flächenproduktivität zu erhöhen, gewinne an Bedeutung, so der Experte weiter. Knapper werdende Flächen, höhere Pachtpreise und optimiertere Arbeitswirtschaftlichkeit zwingen dazu. Diese Erfolgsfaktoren könnten eher kontrollierte und geschützte Produktionssysteme erfüllen, sind sich Dr. Görgens und Keller einig.
Analyse des eigenen Betriebes
Beide Experten appellierten eindringlich an die Obstbauunternehmen, dass die vorgetragenen Berechnungen, die datenbasierte Analyse des eigenen Betriebes nicht ersetzen könnten. Bei einem solchen Kostensprung, müsse jeder für sich mit seinen eigenen reellen Zahlen bezüglich Produktion und Vermarktung kalkulieren und danach betriebliche Entscheidungen fällen, um die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen, betonte Keller noch einmal am Schluss der Veranstaltung.
Josefine von Hollen