Norddeutsche Obstbautage in Jork

MODERN

Peter Palm, Palm Baumhandel GbR aus Jork, informierte die beiden Landtagsabgeordneten Birgit Butter (CDU) und Corinna Lange (SPD) über den Obstbau des Alten Landes. Schwarz sieht der Obstbauer die Zukunft nicht: „Krisen waren immer die Chancen des Alten Landes“<br>Foto: von Hollen

Mitte Februar fanden zum 73. Mal die Norddeutschen Obstbautage in Jork, Niedersachsen, statt. Im Rahmen der Ausstellung präsentierten rund 200 Aussteller auf 13 000 m² Messegelände, davon 6 000 m² auf sechs Messehallen verteilt, Maschinen, Geräte, Bedarfsartikel, neue Sorten und vieles mehr rund um den Obstbau. Der Veranstalter, der Obstbauversuchsring des Alten Landes e.V., zählte rund 3 000 Besucher, die sich an den beiden Tagen auf dem Messegelände informierten.

In diesem Jahr standen Konzepte für die Reduzierung und Optimierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln, Möglichkeiten der Mechanisierung zur Einsparung von Arbeitskräften sowie neue Sorten im Fokus. Wir wollen an dieser Stelle nur beispielhaft einige Aussteller und ihr Angebot vorstellen.

Frostwecker der Firma fruitweb

Die Firma fruitweb GmbH bietet detaillierte Prognosemodelle für alle bedeutenden Krankheiten und Schädlinge im Obstbau wie z.B. Apfelschorf, Feuerbrand, Apfelwickler. Dabei werden aktuelle Wetterdaten von Wetterstationen der eigenen Obstanlage direkt verarbeitet und dienen dem Obstbauer als Entscheidungshilfe für Kontroll- und Pflanzenschutzmaßnahmen. Auch wurde ein Frostwarnsystem – der Frostwecker - entwickelt, mit dem die Temperaturen in Frostnächten überwacht werden können und einen zuverlässigen Weckdienst per SMS oder Telefonanruf anbieten. Mit der eigens entwickelten fruitweb-App können alle Daten erfasst, gespeichert und komplexe Zusammenhänge einfach dargestellt werden. Auf der persönlichen Überblickseite findet der Nutzer u.a. alle Wetterdaten, die die eigenen Stationen liefern, sowie die Wettervorhersage mit Ausblick auf die zu erwartenden Entwicklungen von Krankheiten und Schädlingen. Auch kann der Frostwecker natürlich hier zugeschaltet sein.

Autonomer Geräteträger

Die Firma Palm Maschinenbau GmbH und Co. KG bietet ein komplett autonomes Fahrzeug an, das alle wichtigen Arbeiten wie Pflanzenschutz, Bodenbearbeitung oder Mäharbeiten in der Obstanlage erledigen kann. Am Heck des AgBot ist eine Standarddreipunktaufhängung mit Gelenkwelle und Hydraulikanschlüssen verbaut, sodass alle gängigen Arbeitsgeräte angehängt werden können (2,5 t Hubkraft). Nur der Tank für die Spritzbrühe ist eine Spezialanfertigung. „Robotiksysteme schießen zurzeit aus dem Boden, aber es ist schwer, einen Hersteller wie uns zu finden, der ein marktfähiges Produkt mit Preisliste und dem notwendigen funktionierenden Service dazu anbietet“, erklärt Patrick Kaiser von geo-konzept, der den Selbstfahrer entwickelt hat.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Arbeitsgänge sind per App jederzeit überwach- und steuerbar, der Arbeitseinsatz ist unbeschränkt und zu jeder Zeit möglich. Patrick Kaiser warnt jedoch: „Man kauft sich nicht einen neuen Traktor mit anderer Felgenfarbe, sondern ein komplett neues Produktionssystem.“ Der Obstbauer muss vollkommen umdenken. Der Hersteller verspricht einen guten Service, der die Umstellung sicher begleitet. Rund 170 000 € soll der AgBot 2.055W3 kosten.

Auch bei den Pflanzenschutzspritzen setzt Lipco auf mehr EDV-Technik. Jede Düse ist einzeln ansteuerbar und die Sprühstärke über PWM (Pulsweitenmodulation) im Feld regulierbar. Das Gerät kann Bereiche in den Baumreihen und Pflanzen erkennen, an denen kein oder wenig Laub hängt, und so die Sprühstärke dementsprechend ganz einstellen oder reduzieren. So können Baumspitzen und Baumlücken individuell behandelt und bis zu 25 % Sprühmittel eingespart werden. Hendrik Hol von Hol Spraying Systems B.V., einem Unternehmen, das eine ähnliche Technik anbietet, informiert: „Die Spritze kostet 78 000 € inklusive drei Jahre Datenkosten, Planung und Service.“ Möglich ist auch, mit Hilfe einer Drohne die Obstanlage abzufliegen, die Blühstärke und deren Verteilung zu ermitteln und diese Daten dann so zu verarbeiten, dass die Spritze die Blütenausdünnung von Baum zu Baum individuell vornehmen kann.

Äpfel für Allergiker

 

Doch nicht nur moderne Technik ist auf der Messe zu finden, sondern auch Züchter neuer interessanter Sorten zeigen den Obstanbauern wohin die Reise in Zukunft gehen könnte. 
Die Züchtungsinitiative Niederelbe e.V. ist ein Zusammenschluss von Obstanbauern, die in Eigeninitiative neue Sorten züchten, um sich vom Markt abzuheben und den Anbau sowie die Vermarktung der neuen Sorten selbst zu steuern. Die Initiative stellt auf der Messe Apfelsorten vor, die von Allergikern verzehrt werden können. Die Sorte `Deichperle´ entwickelt sich mit ihrer süßen, aromatischen Frucht am Markt sehr gut, ist schorfresistent und so auch für den Bio-Anbau geeignet. Weitere Sorten stehen kurz vor der Marktreife. 

Rund um rote Birne und rotfleischiger Apfel

Besonderes Aufsehen erregte Philip Köpcke, Obstbaumhandel Köpcke aus Jork, mit seinen Obstbaumneuheiten. Einige alte Sorten wie z.B. `Jonagold´ seien nicht mehr rentabel und müssten dringend ersetzt werden, meint der 26-Jährige. Auch die starke Konkurrenz aus Übersee müsse dazu führen, sich mit neuen Sorten auseinanderzusetzen, um sich am Markt künftig zu etablieren. Der Anbau von Clubsorten sei dabei eine gute Lösung.

An seinem Stand sprangen z.B. die auffällig rote Birne `Red Modoc´ sofort ins Auge. Diese schöne Frucht wird exklusiv für Lidl in Deutschland produziert. Die Sorte kommt aus den USA. Die wüchsige Sorte blüht eine Woche nach `Conference´ und wird auch einen Monat nach `Conference´ gepflückt.

Auch der Apfel TC3 Lucy Glo beeindruckte die Messebesucher sehr. Die mit intensiv rotem Fruchtfleisch und heller Schale ausgestattete Frucht ist für die Direktvermarktung sehr geeignet. Aber auch für die Herstellung von Cider oder rotem Apfelsaft findet der besondere Apfel Verwendung.

Der Gärtnermeister Köpcke warnt aber vor zu viel Euphorie. Bei all den Vorteilen, sich für neue Sorten zu entscheiden, sei es wichtig, dass die Obstbauern ihre Standardsorten wie `Elstar´, `Gala´ und `Braeburn´ nicht vernachlässigen. Jeder Betriebsleiter müsse für sich einen guten Mittelweg finden.

Gepfefferte Meisterrede

Einen Tag vor Eröffnung der Ausstellung hatten die Obstbautage, der Tradition folgend, mit der verbandspolitischen Tagung der Fachgruppe Obstbau des Landvolkes Niedersachsen in Jork begonnen. Regelmäßig hält der amtierende niedersächsische Landwirtschaftsminister die Festrede. In diesem Jahr kam zum ersten Mal Ministerin Miriam Staudte von den Grünen. Dass ihre Rede auf deutliche Kritik bei den Obstbauern des Alten Landes stieß, machte insbesondere Simon Kossack deutlich. Der junge Mann ist einer der 19 frischgebackenen Gärtnermeister und Gärtnermeisterinnen der Fachrichtung Obstbau des Jahrgangs 2020 bis 2022. Ihm wurde die Ehre zuteil, anlässlich der Meisterbriefübergabe die Meisterrede zu halten und er nutzte die Gelegenheit für deutliche Worte.

Simon Kossack forderte die Ministerin auf, für alle Obstbauern Politik zu machen und mit der „Treibjagd“ auf diejenigen, die integriert wirtschaften, aufzuhören. Damit würde sie der Umwelt keinen Gefallen tun. „Wir Obstbauern wollen diese Spaltung nicht!“, machte der Meister deutlich. Wenn es bis 2030 tatsächlich gelänge, den Öko-Anbau auf 30 % auszuweiten, was wäre dann mit den restlichen 70 % der integriert bewirtschafteten Fläche, sei das dann alles Abfall, was da produziert würde, fragte der junge Obstbauer provokant. Auch dass Obst für die Schulen besser aus ökologischem Anbau kommen sollte, erwecke den Eindruck, dass integriertes Obst weniger gesund sei. Das könne man nicht akzeptieren, da es überhaupt nicht wissenschaftlich nachweisbar sei.

Kossack will eine Politik, die den Landwirten Rückendeckung gibt, die auf Fakten basiert, nicht auf Ideologie und die Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit gewährt, um z.B. Obst für Schulen zu ermöglichen und bei der Einrichtung eines Schulfaches „Ernährung“ hilft.

„Wir wollen keine Almosen!" versichert Kossack. Ziel sei es, die eigenen gesunden Produkte, die unter bestmöglichen Standards für Umwelt und Natur erzeugt würden, zu einem akzeptablen Preis zu vermarkten. Der junge Obstbauer lud die Ministerin ein, sich vor Ort im Alten Land selbst ein Bild darüber zu machen, was der Obstbau leistet, um nicht nur gesundes Obst zu produzieren, sondern auch Umwelt und Natur zu schützen. „Sie haben sich den Job als Ministerin ausgesucht, Ministerin Staudte, bitte arbeiten Sie jetzt mit uns und nicht gegen uns“, schloss der engagierte Jungmeister.

Josefine von Hollen