Gemeinsam für eine Zukunft zu kämpfen in der Aspekte wie Nachhaltigkeit, Ressourcen- und Umweltschutz, soziale und gesellschaftliche Verantwortung in den Produktionsprozessen oder Regionalität nicht nur bloße Worthülsen, sondern gelebte Werte sind, ist langerklärtes Ziel, auf das sich die Branche, Mitglieder der Lieferkette, Politik und Gesellschaft nach manchmal hartem und zähem Ringen verständigt haben. Doch - getrieben durch die aktuelle Situation - gerät dieses Ziel mehr denn je zuvor ins Wanken und die Stimmungslage in zahlreichen Erzeugerbetrieben ist auf dem Tiefpunkt.
Es ist nur eine ganzseitige Anzeige in einer Tageszeitung, in der einer der führenden Discounter ausschließlich für Obst- und Gemüse aus seinem Sortiment wirbt, u.a. für Heidelbeeren, Süßkirschen und Paprika wirbt – das sind Produkte, die gerade Hochsaison in Deutschland haben. Aber vergeblich sucht man auf der ganzen Seite nach der Herkunftsangabe Deutschland – diese Werbeanzeige steht symbolhaft für einen der wichtigen Aspekte, der gegenwärtig das Angebot in den Verkaufsregalen bestimmt. Was zählt, ist meist der Preis, und dabei steht mehr der Einkaufspreis im Vordergrund als der Verkaufspreis, so jedenfalls ist die subjektive und nicht statistisch belegte Wahrnehmung.
Dahinter verbirgt sich für Erzeugnisse aus Deutschland meist der Hintergrund, dass sie – obwohl zu anderen, vorher gemeinsam vereinbarten und in der Regel deutlich höheren Standards erzeugte Produkte, angelehnt an den Preis des alternativen Importproduktes, liefern sollen. Das funktioniert nicht und das hält kein deutscher Erzeugerbetrieb durch.
Wer eine S-Klasse geliefert bekommt, kann dies nicht zum Preis einer A-Klasse verlangen. Und eine S-Klasse kann auch niemand - zumindest nicht mittel- und langfristig - zum Preis einer A-Klasse liefern, da er die Wirtschaftlichkeit seines Unternehmens damit in hohem Maße gefährdet.
Der Begriff der „Sozialen Marktwirtschaft“ hat in unserem Wirtschaftssystem eine Tradition und eine tiefe Bedeutung. Wenn der soziale Aspekt – wie in der gegenwärtigen Situation – ins Hintertreffen zu geraten droht, gerät das gesamte System ins Wanken und die schwächsten Glieder, die kurzfristig austauschbar sind, leiden zuerst.
Die Einzelhandelsunternehmen werden vermutlich argumentieren, dass sie sich ihren Kunden gegenüber in erster Linie verpflichtet fühlen und diese in Zeiten steigender Preise und sinkender Kaufkraft mehr denn je auf den Preis der Produkte achten. Wer zu geringeren Standards und meist deutlich niedrigeren Kosten produzierte – und hier spielen bei den Sonderkulturen gerade die Lohnkosten eine entscheidende Rolle – kann also auch günstiger liefern. Anbieter aus Süd- und Osteuropa, aus der Türkei, Marokko u.a. genießen hier meist erhebliche Vorzüge.
Die Politik verschließt vor dieser Realität, die vielen Politikern in ihrer wahren Dimension nicht bewusst sein dürfte – zumindest erweckt es den Anschein – komplett die Augen. Und das in den Aussagen formulierte Verständnis bleibt meist ein folgenloses Lippenbekenntnis, denn parallel werden die Normen und Vorgaben für die hiesigen Erzeuger permanent ausgeweitet und erhöht. Manchmal kann man den Gedanken nicht verdrängen, dass gerade in der aktuellen Situation Politiker eine kostengünstige Versorgung mit Lebensmitteln wichtiger ist, als das wohl der heimischen Erzeugerbetriebe und deren Leistung, die sie zur Versorgung der Bevölkerung mit sicheren und hochwertigen Nahrungsmitteln sowie für den Erhalt von Umwelt und Natur erbringen.
Und wie reagieren die Verbraucher? Zwischen verbalen Äußerungen und dem tatsächlichen Verhalten beim Einkauf klafft oftmals eine große Lücke. Parallel dazu ist feststellbar, dass die Einkommensschere weiter auseinandergeht und Luxusartikel aktuell z.T. einen echten Boom erleben, doch davon profitiert kaum ein Betrieb in unserer Branche, auch der immer wieder hervorgehobene Biobereich nicht, dessen Markt- und Wachstumschancen durch die aktuellen Entwicklungen zumindest keinen weiteren Auftrieb erhalten.
Insgesamt ist Stimmung auf vielen Erzeugerbetrieben gegenwärtig schlecht. Die Lage auf den Märkten, das Verhalten von Verbrauchern und Handel, sowie unaufhaltsam steigende Kosten, insbesondere bei Energie, Betriebsmitteln, Investitionen und Löhnen tragen leider nicht dazu bei, kurzfristig einen Wechsel der Vorzeichen zu erwarten.
Kernsatz: „Wer eine S-Klasse geliefert bekommt, kann dies nicht zum Preis einer A-Klasse verlangen.“