Kommentar: "Zwischen Hoffen und Bangen"

MODERN

Thomas Kühlwetter: „Unabhängig davon, wie die Wahlen im Februar ausgehen, kann man sich schon jetzt vorstellen, wie schwierig es sein könnte, in einer Koalition eine gemeinsame Zielrichtung zu finden.”</br>Foto: RLV

Was bewegt Sie mit ihren Familien und Betrieben in den ersten Tagen des neuen Jahres? Vielleicht – oder hoffentlich – ist es die Freude, endlich mal für einige Tage etwas entspannen zu können und den Tag mit Dingen zu verbringen, die für die Mehrzahl der Menschen zum Alltagsgeschehen zählen, für Sie aber nicht oder nur recht selten, da der Alltag etwas anderes von Ihnen abverlangt.

 

Ist das Empfinden von Zufriedenheit oder Glück fest damit verbunden und sind diejenigen Menschen glücklicher, die über mehr Freizeit verfügen? Eine pauschale Antwort auf diese Frage zu finden, fällt ohne entsprechenden wissenschaftlichen Hintergrund schwer – am Ende ist es wohl eine Frage der eigenen Sichtweise und Einstellung.

 

Unabhängig davon verlangt die gegenwärtige Situation von vielen Menschen Besonderes ab: Die Vorzeichen in der globalen Welt werden gerade neu geordnet, geopolitisch und wirtschaftspolitisch. Tausende Menschen sind aus Furcht vor Bomben und Bedrohungen oder aufgrund klimatischer Veränderungen und Katastrophen, wegen religiöser Konflikte oder manch anderer Beweggründe auf der Flucht. Die Mächtigen der Welt lassen ihre Muskeln spielen und Europas Wirtschaft kränkelt, Deutschland bildet mit seiner Entwicklung das Schlusslicht.

 

Das Mercosur-Abkommen ist unterzeichnet und hat das Unverständnis und die Wut der Landwirte weiter geschürt: „Autos aus Europa gegen preisgünstige und unter niedrigeren Standards erzeugte Agrarprodukte aus Südamerika“, lautet kurz zusammengefasst die Kritik.

 

Kaum ist das Abkommen unter Dach und Fach, verkündet der Deutsche Fruchtsaftverband, dass Orangensaft in Zukunft wieder deutlich günstiger für die Kunden wird, denn dieser stammt zu 80 % aus Brasilien. Zugegebenermaßen werden Orangen hierzulande (noch) nicht angebaut, aber Apfelsaft gilt als Substitut für Orangensaft, und wenn dieser knapp und teuer ist, steigt die Nachfrage nach Apfelsaft. Doch dies ist nur eines der Beispiele, dass die Auswirkungen solcher Abkommen, die bei tierischen Erzeugnissen wesentlich größer sein dürften, verdeutlicht.

 

Zurück ins Inland: Deutschland steht nach dem Scheitern der Ampelkoalition vor Neuwahlen. Während eine der großen Parteien einen Politikwechsel fordert, soll es von anderer Seite ein „weiter so“ geben. Die Gesellschaft in Deutschland ist – ähnlich wie man dies in anderen Ländern erlebt – sehr gespalten und an den politischen Rändern ist viel Bewegung.

 

Unabhängig davon, wie die Wahlen im Februar ausgehen, kann man sich schon jetzt vorstellen, wie schwierig es sein könnte, in einer Koalition aus zwei oder drei Parteien eine gemeinsame Zielrichtung zu finden und diese dann auch konsequent umzusetzen. Wir brauchen weniger Bürokratie und mehr Pragmatismus, dass ist wahrscheinlich allen Politikern bewusst. Doch wie dieses Ziel erreicht werden soll und wie Deutschland zu wirtschaftlicher Stärke zurückfinden soll, darüber gehen die Meinungen stark auseinander.

 

Familienbetriebe und Unternehmen in unserer Branche haben meist über viele Jahrzehnte und Generationen auch unter schwierigen Bedingungen ihre Leistungsfähigkeit durch Kreativität, Zielstrebigkeit und Mut unter Beweis gestellt. Wenn sie dies in Zukunft fortsetzen sollen, um mit ihren Wettbewerbern konkurrieren zu können, benötigen sie faire Rahmenbedingungen und das Ohr der Politik. Hohe Energiepreise, maßlose Vorgaben, überzogene Einschränkungen beim Pflanzenschutz oder eine Forderung nach 15 € Mindestlohn sind da wenig zweckdienlich.

 

Thomas Kühlwetter

 

(Aritkel aus GP 01/25)