Kommentar: Woher stammt unser Obst und Gemüse?

MODERN

Thomas Kühlwetter: "Ein Blick auf den Selbstversorgungsgrad ­sollte das Bewusstsein für die Bedeutung der ­heimischen Produktion schärfen."</br>Foto: RLV

Weihnachten 2023 steht vor der Tür. Die Welt steht Kopf in manchen Bereichen: der Krieg in der Ukraine, die Konflikte im Gaza-Streifen und an einigen anderen Orten, unzählig viele Menschen auf der Flucht, das Klima gerät aus den Fugen und zeigt die Grenzen unseres Handelns auf. Oftmals stehen wir kopfschüttelnd daneben, zuweilen hilflos, weil wir manches nicht verstehen können oder eine Lösung in weiter Ferne zu sein scheint.

Richten wir den Blick auf unsere Heimat, so sind auch einige Dinge nicht im Lot. Die missliche Haushaltslage im Bund nach dem Urteil aus Karlsruhe, dem möglicherweise noch weitere Urteile mit ähnlichen Auswirkungen folgen könnten, die Energiewende, die große Anstrengungen erfordert, eine ausufernde Bürokratie, die Vieles lähmt in unserem Land, an deren Wurzel  aber niemand ernsthaft rüttelt, sind nur einige Beispiele, die auf Anhieb ins Auge fallen. Die Aufzählung wäre pro­­blemlos zu erweitern. Lenkt man den Blick dann wieder auf die Welt, relativiert sich manches, was wahrscheinlich zu Recht bemängelt wird, und am Ende ist es in Deutschland doch nicht gar so negativ, wie oft beklagt.
Das bedeutet aber keinesfalls, den Kopf in den Sand zu stecken und die Dinge so zu akzeptieren, wie sie laufen. Der vehemente Protest der Landwirte und Gärner gegen die von der EU-Kommission geplante Änderung des europäischen Pflanzenschutzrechts (SUR) hat gezeigt, was möglich ist, wenn man geschlossen zusammensteht. In seiner Sitzung am 22. November hat das EU-Parlament mit großer Mehrheit gegen den Vorschlag gestimmt, der nicht nachvollziehbare pauschale Verbote und unverhältnismäßige Reduktionen – insbesondere für die Betriebe in Deutschland – mit sich gebracht hätte. Die Ablehnung des widersinnigen Vorschlags kann als großer Erfolg des gesamten Berufsstandes gewertet werden.

Lenkt man den Blick auf die Situation und die sich ihrem Ende neigende Saison in unseren gärtnerischen Betrieben, so zeigt sich ein recht gespaltenes Bild. Wirtschaftlich betrachtet sind eine Reihe von Betrieben durchaus mit dem Ablauf des Saison zufrieden, für andere Betriebe war es – oftmals abhängig von deren Ausrichtung – ein ausgesprochen schwieriges Jahr. Doch neben der wirtschaftlichen Situation beschäftigte viele Betriebsleiter, deren Familien und Mitarbeiter andere Themen, die oftmals die Zukunft betreffen – von der Betriebsnachfolge , den steigenden Kosten in vielen Bereichen bis zur Leistungsfähigkeit im Wettbewerb mit europäischen und außereuropäischen Anbietern aus Marokko, der Türkei u. a.
Ende November wurde in zahlreichen Medien eine Meldung des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft zum Selbstversorgungsgrad bei Gemüse in Deutschland veröffentlicht. Nur für Kenner der Branche dürften einige der Ergebnisse nicht überraschend sein. Demnach wurde 2022 in Deutschland auf gut 126.000 ha Gemüse angebaut. Gegenüber dem Vorjahr ist dies ein Rückgang um vier Prozent. Auf mehr als der Hälfte der Fläche wuchsen Spargel, Zwiebeln, Möhren und Salate. Knapp ein Siebtel der Fläche wurde ökologisch bewirtschaftet. Nach Erhöhung des Mindestlohns in diesem Januar auf 12 €/h ist zu vermuten, dass sich der Flächenrückgang wahrscheinlich fortsetzt.

Der Selbstversorgungsgrad betrug 2021 über alle Arten 38 %, bei Warmhausgemüse liegt er deutlich da­­runter. So stammten 2022 nur 13 % der frisch verzehrten Tomaten aus heimischem Anbau, bei Gurken oder Paprika ist das Bild ähnlich. Die Niederlande, Spanien und Marokko sind bei diesen Produkten die wichtigsten Exporteure für zur Versorgung des heimischen Marktes.

Bei Obst betrug der Selbstversorgungsgrad in Deutschland 2021 über alle Arten nur 20 %, die höchste Selbstversorgung liegt bei Äpfeln vor. Der im Vergleich zum Gemüse noch geringere Selbstversorgungsgrad beim Obst ist z. T. dadurch zu erklären, dass einige Obstarten wie z. B. Bananen oder Orangen klimatisch bedingt in unseren Regionen nicht angebaut werden können. Dennoch sollte ein Blick auf diese Zahlen allen politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträgern bis hin zu den Verbrauchern einmal dafür die Augen öffnen, was geschieht, wenn die Vorgaben für die heimischen Betriebe noch weiter verschärft werden. Das soll nicht bedeuten, dass für Umwelt, Menschen und Natur sinnvolle Ziele weiter angegangen und umgesetzt werden müssen, dies aber bitte mit Maß und Verstand.

Ihnen und Ihren Familie wünsche ich im Namen unserer Redaktion und des Verlags ein gesegnetes und friedvolles Weihnachtsfest, einen guten Rutsch und viel Glück im neuen Jahr.

Thomas Kühlwetter

(Artikel aus GP 12/23)