Landwirt oder Gärtner zu sein in dieser Zeit, ist schon eine besondere Herausforderung, und das erst recht, wenn man besonders empfindliche Sonderkulturen kultiviert. Fast wie ein roter Faden zieht sich eine Liste negativer Meldungen von der jüngeren Vergangenheit bis hin zur Gegenwart.
Wenn neben den zahlreichen Unwägbarkeiten, den stetig von der Politik erschwerten Rahmenbedingungen, einer überbordenden Bürokratie, massiven Einschränkungen bei Pflanzenschutz und Düngung dann noch das Wetter nicht mitspielt, wird es eng. Es ist einfach zu viel, was Betriebsleiter, deren Familien und die Mitarbeiter leisten sollen.
In den vergangenen Jahren und Monaten haben viele Themen die Gemüter der Landwirte und Gärtner erhitzt. Die Bilder der monatelangen Proteste und Demonstrationen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen Nachbarstaaten, sind noch gegenwärtig. Die über die Köpfe des Berufsstandes – und ohne dessen Beteiligung – verkündeten Vorschläge zur Steuerbefreiung landwirtschaftlicher Fahrzeuge und zur stufenweisen Streichung der Agrardieselbeihilfe haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Sie sind allenfalls nur der Auslöser der Proteste und ein Beispiel dafür, warum sich der Berufsstand von der Politik und von weiten Teilen der Gesellschaft nicht verstanden und in seinen Grundwerten missachtet empfindet.
Die Kluft erscheint häufig unüberwindbar – statt Dialog werden einseitige Beschlüsse und Verordnungen erlassen, Ideologie statt Weitblick lautet häufig die Prämisse. Statt einen globalisierten Markt und die Produktionsbedingungen in anderen Ländern vor Augen zu haben, ist die Zielrichtung oftmals von anderen Faktoren bestimmt. Diese können einzeln betrachtet mitunter sogar nachvollziehbar klingen – im Kontext sind sie aber von unserer Branche in den meisten Fällen nicht zu schultern und nicht umsetzbar. Der Vorschlag zur nachhaltigen Pflanzenschutzanwendung in der EU (SUR) ist ein Beispiel dafür, die aktuell diskutierte Stoffstrombilanz ist für viele Bereiche in unserer Branche ein weiteres Beispiel.
Deutschland ist keine Insel, sondern (noch) eine der führenden Industrienationen, deren wirtschaftlicher Erfolg auch vom weltweiten Warenhandel profitiert. Längst sind auch die Obst-, Gemüse- oder Zierpflanzenmärkte globalisiert. Aber was passieren kann, wenn einige Störfaktoren – von denen es zzt. leider zu viele gibt – den offenen Warenverkehr unterbrechen und das Vertrauen in einen offenen Welthandel schwinden lassen? Ein verkeilter Hochseefrachter im Panama-Kanal oder die Attacken der Huthi-Rebellen auf Schiffe im Suez-Kanal reichen, um den globalen Warenfluss und die Produktion in manchen Bereichen völlig aus dem Lot zu bringen.
Politiker, NGOs, der Handel und die Kunden sollten den Stellenwert einer Versorgung mit Obst, Gemüse oder Zierpflanzen aus regionalem oder heimischen Anbau nicht aus den Augen verlieren. Hier ist eine ganzheitliche Betrachtung notwendig, in der auch nicht ausgeblendet werden darf, unter welchen Bedingungen Importe in den jeweiligen Herkunftsländern produziert werden. Am Ende stellt sich die Frage, ob wir bereit sind, den Preis der hohen Standards zu zahlen – das gilt nicht nur für Fleisch, sondern auch für unsere Sonderkulturen.
Bei all diesen Diskussionen ist fast schon in Vergessenheit geraten, dass unser Sektor in hohem Maße vom Wetter abhängig ist. Einige Nächte in der letzten Aprildekade mit Temperaturen bis -8 °C in verschiedenen Regionen haben die Hoffnung auf eine gute Ernte dabei für zahlreiche Betriebe wesentlich getrübt oder gar zunichte gemacht. Wer eine Mehrgefahrenversicherung mit dem Risiko Frost abgeschlossen hat, kann – bei entsprechender Versicherungshöhe – zumindest wirtschaftlich den Schaden minimieren oder ausgleichen.
Doch Deutschland ist föderal strukturiert und bislang unterstützen nur einige Bundesländer die Betriebe bei der nicht unerheblichen Beitragszuzahlung – dieses uneinheitliche System passt bei einem solchen Aspekt, bei dem es letztendlich um die Existenz der Betriebe geht, überhaupt nicht mehr in die Zeit. Die Sonderkulturbetriebe in den Bundesländern, in denen keine Förderung der Mehrgefahrenabsicherung bislang möglich ist, haben das Nachsehen. Der Schaden wird nach ersten Schätzungen auf einige 100 Mio. € geschätzt. Es könnte für zahlreiche Betriebe wieder einmal ein schwieriges Jahr werden
Thomas Kühlwetter
(Artikel aus GP 05/24)