Kommentar: "Für eine Perspektive sorgen"

MODERN

Thomas Kühlwetter: „Was häufig zu kurz kommt, ist eine ganzheitliche Betrachtung.“

Wenn große Unternehmen eine wichtige Mitteilung an die Presse senden, ist am Rande meist ein Hinweis darauf vermerkt, dass die Meldung in die Zukunft gerichtete Aussagen enthält. Spricht man mit Obst-, Gemüse- oder Zierpflanzenbauern, so enthalten deren Aussagen auch meist in die Zukunft gerichtete Aussagen. Doch diese klingen oftmals nicht euphorisch und die Bedenken vor der eigenen Zukunft schwingen häufig mit. Diejenigen, die bei solchen Aussagen besser einmal genauer hinhören sollten, sind leider allzu oft nicht nur mental viel zu weit weg von dem, was die Realität und den Alltag auf den Betrieben bestimmt, obwohl sie für die Gestaltung der Rahmenbedingungen zumindest mitverantwortlich sind oder sich in der Öffentlichkeit zu Themen der Landwirtschaft äußern.

 

Nicht nur bei den Bauernprotesten oder so mancher Diskussion im Nachgang zu diesen Protesten wurde und wird das deutlich. Wenn die Ideologie oder die Gunst der Wähler bestimmend sind und der klare Sachverstand in den Hintergrund rückt, kann es für diejenigen, die am Ende mit den Ergebnissen leben und diese umsetzen müssen, schwierig werden. Was dabei häufig zu kurz kommt, ist eine ganzheitliche Betrachtung, bei der die Vorzüge und Nachteile sowie die Umsetzbarkeit einer Entscheidung mit Weitblick abgewogen werden.

 

Der Entwurf zur Neuordnung der Pflanzenschutzanwendung in der EU, der im November nach langen Diskussionen dann zu den Akten gelegt wurde, ist eines der Beispiele dafür was geschehen kann, wenn die Ideologie überwiegt und eine ganzheitliche Betrachtung zu kurz kommt. Ein weiteres Beispiel aus einem anderen Bereich, das viele Nutztierhalter momentan sehr beschäftigt, ist die Resozialisierung des Wolfes. Wer seine Kühe oder Schafe wie gewohnt draußen weiden lassen möchte, muss für eine entsprechende Einzäunung sorgen, die Materialkosten dafür werden meist bezuschusst, die Aufstellungs- und Lohnkosten leider nicht.

 

Wer sich mit der Materie auskennt und den Aufwand kennt, weiß, dass dies in der praktischen Umsetzung von der überwiegenden Mehrzahl der Tierhalter nicht zu schultern ist. Sie haben die Möglichkeit, ihre Tiere nur noch ausschließlich im Stall zu halten, was aus vielfältigen Gründen wohl niemand will, oder in Kauf zu nehmen, dass ihre Tiere gerissen werden könnten. Die Befürworter des Wolfes sollten einmal eingeladen werden und bei der Versorgung der verletzten und Beseitigung der getöteten Tiere helfen, wenn ein Wolf 20 Schafe in einer Nacht gerissen hat. Das Leid der Tiere und ihrer Halter spielt in ihrer Betrachtung allenfalls eine untergeordnete Rolle. Am Ende steht, dass Betriebe aus der Tierhaltung aussteigen und aus einer gepflegten Kulturlandschaft eine verwilderte Landschaft entsteht – alles zum Wohle des Wolfes.

 

Zurück zum Gartenbau: Nach den Frostnächten im Frühjahr und den erheblichen Schäden im Obstbau erhalten die Bauern in Polen, Tschechien und Österreich insgesamt 62 Mio. € aus der EU-Agrarreserve. Die Bundesfachgruppe Obstbau hat darauf hingewiesen, dass die Ungleichbehandlung innerhalb der  EU nicht hinnehmbar ist. Nach ersten Schätzungen belaufen sich die Frostschäden im deutschen Obst- und Weinbau auf eine Summe von deutlich über 200 Mio. €. Bundesminister Özdemir ist am 15. Juli in Brüssel vorstellig geworden und hat gefordert, dass die deutschen Obst- und Weinbauern mit ihren Kollegen gleichgestellt werden und auch einen entsprechenden Ausgleich erhalten sollen. Bleibt zu hoffen, dass er mit seiner Forderung in Brüssel nicht auf taube Ohren stößt und dass – falls er gewährt wird – der bürokratische Aufwand die Betriebe nicht überfordert. Am Ende geht es schließlich darum, nicht nur für diese, sondern für alle Betriebe, eine Perspektive zu schaffen.

 

Thomas Kühlwetter

 

(Artikel aus GP 08/24)