Junglandwirt 2021 - Der Fachmann für Biokohl und Co.

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Auf dem Biolandbetrieb erfolgt der Kohlanbau auf rund 30 ha Fläche, vornehmlich Blumenkohl, Brokkoli und Spitzkohl<br>Foto: Klawitter

Johannes Müller gewann 2021 den Ceres-Award als Junglandwirt des Jahres und wer ihn in seinem Betrieb, dem Bioland-Hof "Müller-Oelbke" im südniedersächsischen Gleichen-Etzenborn besucht, gewinnt den Eindruck, dass er diese Auszeichnung mehr als verdient hat. Der junge Mann setzt in seinem Betrieb, den er gemeinsam mit seinen Eltern betreibt, auf den biologischen Anbau verschiedener Kohlarten, Möhren und Getreide und hat sich ganz bewusst eine ungewöhnlich große Breite an Standbeinen und Absatzwegen aufgebaut. Fachlich kompetent und offen berichtete er uns bei unserem Besuch über sich, seine Pläne und die Gründe, warum er auch in Zukunft nicht zu groß werden möchte.

„Bio“ ist Johannes Müller quasi in die Wiege gelegt worden: Den Betrieb in Etzenborn gründeten seine Eltern nach ihrem gemeinsamen Landwirtschaftsstudium in Göttingen und setzten von Anfang an auf den Bioanbau von Gemüse. Das ging an regionale Abnehmer wie Naturkost Elkershausen oder an Verarbeiter für Hipp. Nach und nach wuchs die Nachfrage nach Biogemüse, der Betrieb kooperierte zunehmend, beispielsweise mit Biomilchbetrieben, die Getreide und aus der Vermarktung aussortierte Möhren erhielten, Müller im Gegenzug Gülle. „Man muss nicht alles können, sondern mit anderen zusammenarbeiten, die es können.“ Mit dieser Überzeugung wuchs Johannes Müller im elterlichen Betrieb auf und das ist auch heute eines seiner Leitbilder: Sich gut zu vernetzen und gerecht voneinander zu profitieren.

Niemand drängte ihn zu Hause, ebenfalls Landwirt zu werden, lacht Johannes Müller. Getan hat er es dann dennoch. Nach einer Auszeit in Australien und einer mehrmonatigen Tätigkeit bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft DLG in Frankfurt am Main studierte er Landwirtschaft in Kiel („Göttingen wäre mir zu nahe dran gewesen“), schloss mit der Bachelor-Prüfung im ökologischen Landbau ab. Während der gesamten Studienzeit behielt der junge Landwirt engen Kontakt zum elterlichen Betrieb: Anbauplanung, Getreidevermarktung, das Entwickeln neuer Expansionsideen - das alles erledigte er neben seinem Studium. Bereits ein Jahr vor seiner Abschlussprüfung konnte der elterliche Hof einen weiteren 180-Hektar-Betrieb zu seinen eigenen 140 ha dazupachten. Damit begann für Johannes Müller schon recht bald die Mitverantwortung als dritter Geschäftsführer. Rund 100 ha Gemüse und Kartoffeln bauen Müllers derzeit an. Den Großteil der Gesamtflächen nimmt der Getreideanbau ein, dazu kommen noch Naturschutzflächen.

Personal ist der begrenzende Faktor

Der Kohlanbau erfolgt bei Müllers auf rund 30 ha Fläche, vornehmlich Blumenkohl, Brokkoli und Spitzkohl. Als Randbereich produziert der Betrieb im Herbst noch Romanesco. Kohljungpflanzen werden von Bioland- und Biojungpflanzenbetrieben wie Lüske in Höltinghausen ab Kalenderwoche (KW) 13 bis 32 regelmäßig geliefert, damit Müller kontinuierlich anbauen und liefern kann. Die Haupterntezeit reicht von Mitte Juni bis Mitte November bei Brokkoli und Blumenkohl. Der Anbau wird genau geplant, um die Nachfrage gut zu befriedigen, die bei Bioware nach wie vor größer ist als das Angebot.

Begrenzender Faktor für den Anbau ist im Biobetrieb Müller das Personal: Müller hält ganz bewusst nur eine Erntetruppe, danach richtet sich die Anbaumenge. Eine zweite Erntetruppe wäre zu viel, da dann auch doppelt so viel Kohl angebaut werden müsste. Und das wäre ebenfalls zu viel. „Es ist fraglich, wieviel die Kunden dann wirklich kaufen“, überlegt Johannes Müller. Mit den jetzigen Anbaumengen ist die Absatzlage relativ krisensicher, da es noch wenig Wettbewerber gibt, die Bio-Kohl anliefern, da es ein sehr anspruchsvolles Geschäft ist.

Nicht immer einfache Böden

Eine große Herausforderung im Bio-Anbau: Viel Fläche bedeutet auch viel Bodenvielfalt. Ein Problem, mit dem auch der Gemüsebaubetrieb in Etzenborn zu kämpfen hat, denn mit der Zusatzpacht bekam er nicht nur gut geeignete Flächen dazu. So kann beispielsweise die Kohlhernie Probleme bereiten. Um ihr vorzubeugen, ist ein regelmäßiger Fruchtwechsel essentiell.  Grundsätzlich, darauf schwört der Bio-Anbauer, sind alle Pflanzen weniger anfällig, wenn sie gut ernährt sind, im gesunden Boden stehen, ausgewogen gedüngt und pH-Wert angepasst kultiviert werden. Letzteres ist die entscheidende Maßnahme gegen das Auftreten der Kohlhernie, wobei Müller weiß, dass diese Gefahr aufgrund der Heterogenität seiner Böden teilflächenspezifisch und damit völlig unterschiedlich ist. Das hätten Bodenbeprobungen mithilfe der RTK-Technik deutlich bewiesen, die extreme pH-Unterschiede und Kalziumgehalte auf genau gleich gekalkten Flächen ergeben hätten.

Müllers Felder liegen durch eine weitere zusätzliche Betriebsübernahme in drei Kernregionen rund um den Betrieb, in maximal 20 km Entfernung. Die Läger zur Vermarktung wuchsen mit der Vergrößerung, er arbeitet derzeit mit sieben Lagerhallen für zusammen 1 700 t Gemüse und mit elf Kühlhäusern. „Alle Produkte, die wir erzeugen, können wir im Herbst lagern“, sagt er.

„Ein kontinuierlicher Lernprozess“

Drei Dinge sind für Müller entscheidend, um seine Abnehmer langfristig zu binden: Kühlung, Qualität und Zuverlässigkeit. Dazu führen eine gute Feldhygiene, gute Anbaumöglichkeiten, der Einsatz von Mikroorganismen und der perfekte Erntezeitpunkt. Um die Qualität zu erreichen, die der Hof heute produziert, nimmt Müller regelmäßig an Versuchen und Projekten teil, beispielsweise zu Lagermöhren, seinem „Lieblingsthema“, weil es eine besonders schwierige Kultur ist. Hier müssen alle Anbauparameter von der Sortenwahl über die Felderzahl bis zu den Lagerbedingungen exakt stimmen. „Dann ist eine Lagerung bis zu einem halben Jahr möglich“, sagt der Experte. Er muss es wissen, schließlich vermarktet er rund 1 000 t Möhren pro Jahr, abgepackt in dünne Tüten oder in Mehrwegkisten. Jede Kiste wird mit Etikett und LOG-Nummer gekennzeichnet, sodass sich jederzeit verfolgen lässt, wo welche Partie hingegangen ist.

Das Ganze gilt für den Kohlanbau. Großes Problem sind beispielsweise neue Sorten von Bio-Jungpflanzen, mit denen er noch keine Erfahrungen hat. CMS-Hybriden, die am meisten von den Jungpflanzenbetrieben angebaut werden, sind im Bioanbau nicht gewollt. Deshalb muss Müller Sorten austauschen, setzt hier vornehmlich Elite-Sorte ein. Mit samenvermehrten Sorten hat der Junglandwirt bisher keine so guten Erfahrungen gemacht: Die seien in der Züchtung noch zu weit zurück, erfüllten nicht die Ansprüche der Vermarkter. „Ware muss ansprechend und bei Kunden lagerbar sein“, sagt er, der seinen Kohl in der Regel direkt am Tag nach der Ernte verkauft. Vom Bestelltelefonat bis zum Großhandel braucht sie bei ihm nur zwei bis drei Tage, verspricht er. Wenn Kohl bei Verbraucher schon nach einer Woche nicht mehr gut aussieht, dann liege das vor allem an den Sorteneigenschaften und den Anbaubedingungen. Die sind im Raum Etzenborn gut, das Gebiet ist durch die Nähe zum Harz als Mittelgebirge in der Regel auch in heißen Sommermonaten etwas kühler. Damit die Ware gut gekühlt bei Kunden ankommt, verträgt es beispielsweise Brokkoli auch gut, wenn vor dem Ausliefern Eis in die Kisten gegeben wird und er damit leicht gefroren bei den Kunden landet. „Aber das alles ändert nicht viel an der Spanne: Blumenkohl und Brokkoli sind Kohlarten, die möglichst schnell vermarktet werden müssen, innerhalb weniger Tage“, sagt er. Spitzkohl vertrage dagegen eine etwas längere Vermarktungszeit.

Professionelles Schädlingsmonitoring

Grundsätzlich gibt es für den Bioanbau zugelassene Pflanzenschutzmittel, die über Lückenindikationen für Sonderkulturen anwendbar sind: Neem, Nützlinge von Biocare, Bodeninsektizide mit dem Wirkstoff Metarhizium brunneum beispielsweise wirken gegen Drahtwürmer im Kartoffelanbau. Im Kohl bereiten vor allem die Kohlschabe, die Kohleule und der Rapserdfloh (vor allem in Jungpflanzen) Probleme. Um den Pflanzenschutz bestmöglich zu kontrollieren, hat Müller extra eine Gärtnerin eingestellt, die ausschließlich für das Schädlingsmonitoring zuständig ist. Sie kontrolliert beispielsweise Eigelege der Kohleule und Kohlschabe auf die Wirkung der Schlupfwespe Trichogramma. „Drohnen wären hier zur Kontrolle zu zeitaufwändig“, erläutert der Unternehmer. Seit rund drei Jahren werden die Nützlinge im Betrieb über einen pneumatischen Kugelwerfer ausgebracht, alle sieben bis 14 Tage, möglichst ohne jegliche Hand- oder Hackenarbeit.

Äußere Qualität heute auch bei Bio-Ware wichtig

Müllers Ziel ist es, soviel A-Ware wie möglich zu produzieren. Denn die Zeiten, in denen der Bio-Handel auf die äußere Qualität der Ware weniger Wert gelegt hat, sind lange vorbei: Heute wollen Bioanbieter große, gute, einheitliche Ware haben. „Das hat sich extrem gewandelt“, weiß Johannes Müller. Für B-Ware gibt es andere Abnehmer - beispielsweise gehen B-Möhren in die Saftverarbeitung. Müller plant immer mehrschichtig. So kann er bei Abnahmeproblemen beispielsweise Sellerie auch zur Verarbeitung im Glas an die Konservenindustrie geben. Und wenn mal ein Abnehmer von Rohware wegfällt, ist er durch seine Ausstattung in der Lage, die Ware auch selber zu waschen, abzupacken und an andere Abnehmer zu liefern. „Wichtig ist: Man muss immer miteinander sprechen. Dann ist vieles möglich und lösbar.“

Abnehmer für Kohl sind unter anderem die EBL-Naturkostsupermärkte in Süddeutschland, die mehr Bedarf haben, als sie regional decken können. Hierüber vermarktet Müller vor allem viel Brokkoli. „Wichtig ist, dass man viel Werbung bei seinen Abnehmern macht“, sagt der engagierte Junglandwirt. Das bedeutet für ihn, kreativ mit seinen Angeboten zu sein, mal andere Sachen wie beispielsweise bunte Möhren anzubauen und anzubieten („Das kenne ich aus Australien, da sind Gemüseangebote bunt“), an Schulobstprojekten teilzunehmen, sich dadurch immer mehr mit Großhändlern und anderen Abnehmern zu vernetzen. „Das hat bei mir oberste Priorität: Unseren Absatz gut auf viele Abnehmer verteilen“, bringt es Müller auf den Punkt. Zu seinen Kunden gehören heute sieben Bio-Gemüsegroßhändler, darunter vor allem regionale wie die Gärtnerei Appenweier Frische aus Göttingen, die Abokistenbetriebe beliefert. Einzelne regionale Abobetriebe wie Lotta Karotta aus dem Nachbarort beliefert Müller auch direkt. Mit Kollegen hat er zudem die Genossenschaft "FairBio" gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, regionale und dezentrale Strukturen im Bio-Fachhandel und in der Öko-Landwirtschaft zu erhalten und zu fördern. Direkt an Anbieter von Bio- oder Kochkisten zu liefern, beispielsweise solche wie „HelloFresh“, dafür, sagt Müller, ist er dann aber doch zu klein, weil sein Sortiment stark gestaffelt ist und die Kapazitäten dafür nicht ausreichen.

Neue Aufbereitungshalle ab 2023

Ändern wird sich das mit einem gerade gestarteten Neubau: Spätestens Anfang 2023 will das Unternehmen eine neue Halle mit mehreren unterschiedlichen Wasch- und Verpackungslinien für Möhren und Kohl fertiggestellt haben. „Mit der neuen Halle werden wir mehr Ware gleichzeitig zum Verkauf aufbereiten können. Aber ein Riesenproduzent möchte ich trotzdem nicht werden“, ist sich Johannes Müller ganz sicher und betont noch einmal: „Wichtig ist mir vielmehr, dass ich Qualität bringe.“

Immer wieder investiert das Unternehmen auch sonst neu. „Ich bin ein junger Mensch. Ich muss das tun, um meinen Betrieb nachhaltig für die Zukunft aufzustellen“, sagt Johannes Müller. Allein die neue Halle wird dem Unternehmen 60 % an Energie einsparen, da die Abwärme der Kühlung gleichzeitig die neue Produktionshalle, neue Büros und Sozialräume heizt, Kompressoren für eine optische Sortierung von Möhren sorgen werden. Neben eine Möhrenlinie (Waschen, Putzen, Polieren) wird es in der neuen, 2 000 m² großen, zweigeschossigen Halle auch Linien für Kohl und Sellerie geben. Alles mehr separiert, um bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Höhere Preise möglich?

Viele Investitionen tätigt Müller in die Automatisierung und hofft, damit auf Dauer einen Teil seiner Kosten einzusparen: Potenziale sieht er in überlegteren Arbeitsgängen, unter anderem in der neuen Halle, durch die automatisiertere Ernte von Brokkoli, in einer neuen Kohlputzmaschine und einem neuen Packroboter sowie andere Verpackungen. Neue Maschinen kauft er teils gebraucht, auch aus dem Ausland - manches wird auch im Betrieb selbst umgebaut.

Energie, Diesel, alles wird teurer. Gibt Müller dies über Preiserhöhungen an seine Kunden weiter? Ja, sagt er: Mit Ausnahme der Möhren (aufgrund der Qualitätsprobleme 2021) habe er alle Preise hochgesetzt. Gerade beim Kohlabsatz laufe vieles über Absprachen und Wochenpreise, über Newsletter-Angebote, Mengen, Preise und Aktionen - da sei eine Menge möglich. „Als Unternehmer versuche ich natürlich, auf diese Weise höhere Preise zu bekommen - aber man muss immer schauen, was der Markt aktuell gerade hergibt.“ Ferienbedingt war der Absatz in den Sommermonaten dieses Jahres geringer, erholte sich danach aber wieder. Gefühlt sei jeder in diesem Jahr im Urlaub gewesen, lacht er. Die Hitze und Trockenheit machte dem Anbau 2022 zu schaffen, selbst Beregnung half wenig. "Durch die Beregnung kann man die Kulturen am Leben erhalten, aber keine Ertragszuwächse generieren", sagt Johannes Müller. Durch die Dürre sehe es momentan so aus, also ob sich die Preise wieder etwas erholen.

Katrin Klawitter