Im Gemüsebau war die chemische Bekämpfung des Zwiebelthrips bisher Standardverfahren. Das kann nun aber der Vergangenheit angehören! Eine Raubwanze macht es möglich. Der Nützlingsanbieter Koppert Deutschland kommt nun mit einer Nützlingslösung gegen Thrips in Porree im Freiland.
Der Zwiebelthrips (Thrips tabaci), auch Tabakblasenfuß genannt, kommt weltweit auf vielen Pflanzenarten vor, an Tabak, an vielen Gemüsearten, im Weinbau und im Zierpflanzenbau. Im Gewächshausgemüsebau kennen wir ihn als Schädling auf Gurken, Tomaten, Paprika usw. Thrips tabaci wird als wichtiger Vektor des Tomatenbronzefleckenvirus (TSWV) gesehen. Im Freiland ist Thrips tabaci ein häufiges Schadinsekt auf Porree, Zwiebel und Knoblauch.
Thripse treten vor allem bei trocken-warmer Witterung auf, sind sehr dünn und klein mit nur etwa 1 mm Länge. Sie sitzen meist versteckt beim Vegetationspunkt der Pflanze. Der Befall wird dadurch oft zu spät bemerkt. Wenn sich das typische Schadbild von grau-weiß gesprenkelten Flecken mit schwarzen Kotflöckchen zeigt, ist der Befall schon deutlich.
Die Porreeblätter sind mit einer Wachsschicht bedeckt, die die Blätter schützt, auch gegen stechende und saugende Insekten wie Blattläuse und Thrips. Es gibt mittlerweile Porree-Sorten, die stark gegen Thrips sind, aber dennoch gehört der Zwiebelthrips zu den wichtigsten tierischen Schädlingen an Porree.
Entwicklungszyklus
Thrips tabaci entwickelt sich in sechs Stadien: Ei, zwei Larvenstadien, Vorpuppe, Puppe und schließlich das adulte Insekt. Die Eier werden abgelegt in Blattgewebe, Blütenblätter und weiche Teile des Schaftes. Die Larven sind hell bis gelblich. Die Farbe der erwachsenen Insekten ist abhängig von der Nahrungsquelle. Zwiebelthrips verpuppt sich meist im Boden, die Puppen sind manchmal auch an geschützten Pflanzenteilen oder an Blättern zu finden. Die Larven- und Nympfenstadien nehmen keine Nahrung auf und bewegen sich nur, wenn sie gestört werden. Den Schaden verursachen erwachsene Thrips, indem sie die Zellen an der Blattoberfläche durchbohren, leersaugen und so das benachbarte Gewebe zum Absterben bringen. Die silbergrauen Flecken auf den Blättern und die schwarzen Exkremente sind Anzeichen hierfür.
Chemie ade
Standard war bisher die chemische Bekämpfung des Zwiebelthrips. Das kann nun aber der Vergangenheit angehören! Eine Raubwanze macht es möglich. Koppert kommt mit einer Nützlingslösung gegen Thrips in Porree.
Die Raubwanze Orius majusculus kann, in Kombination mit einem Blühstreifen, die Larven und Vollinsekten von Thrips tabaci im Porree bekämpfen. Wenn keine Thripse vorhanden sind, kann sich Orius auch von Blattläusen, Spinnmilben, Schmetterlingseiern und Pollen ernähren.
In einem Gespräch mit Julia Eschweiler, Wissenschaftlerin bei Koppert Deutschland, erläutert sie die Dynamik und die Hindernisse in der Nützlingszucht.
Kommt Orius natürlich bei uns vor?
„Ja, Orius kommt in unserer Umgebung vor, im Beikraut bzw. Unkraut, aber das Vorkommen ist nicht garantiert. Nützlinge im natürlichen Umfeld kommen dann, wenn Beute da ist. In der Zwischenzeit kann schon viel Schaden entstehen. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass die Nützlinge kommen, vielleicht kommen sie zu spät, vielleicht gar nicht. Man kann sich auch nicht darauf verlassen, dass sie überhaupt da sind - darum der Einsatz von Nützlingspräparaten. Wir reproduzieren damit die natürliche Regulation“.
Seit wann ist Nützlingseinsatz im Freiland möglich?
Mit Raubmilben im Apfelanbau, erklärt Eschweiler, gäbe es bereits viel Erfahrung, in Hopfen sei der Raubmilbeneinsatz schon etabliert. Seit vier bis fünf Jahren testet Koppert den Nützlingseinsatz im Freilandgemüsebau; an der Thripsbekämpfung mit Nützlingen im Freiland arbeitet Koppert bereits drei Projektjahre. „Landwirte und Gärtner haben großes Interesse, denn es gehen ihnen die chemischen Lösungen aus.“
Was ist die Schwierigkeit beim Freilandeinsatz von Nützlingen? „Es sind viele Fragen zu lösen: Sind die Tiere standorttreu? Machen sie ihre Arbeit? Welche Einflussfaktoren sind wirksam? Wir haben hier mit natürlichen Systemen zu tun, mit Lebewesen und ihren Lebensbedingungen, bei wechselnden Klimabedingungen. Da stößt man auf Hürden.“
Im Gewächshaus sind seit vielen Jahren ausgereifte Bekämpfungsmethoden mit Nützlingen gang und gäbe, es werden verschiedene Thripsfeinde eingesetzt. Warum nicht einfach die Thripsfeinde aus dem Gewächshaus draußen verwenden?
Im Freiland seien noch viele Fragen offen, die für den Nützlingseinsatz im Gewächshaus in jahrelanger Erfahrung geklärt seien. Da spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle:
Erstens ist es wichtig, mit heimischen Arten zu arbeiten, die sich nicht dominant ausbreiten, andere heimische Insekten verdrängen oder schädlich werden können. Man kennt genug Geschichten von der Ausbreitung invasiver Arten wie beispielsweise die Amerikanischen Flusskrebse, die heimische Arten unterdrücken oder die Regenbogenforelle, die ein großer Konkurrent für die heimische Bachforelle ist, oder die anfänglich zur Lausbekämpfung eingesetzten Asiatischen Marienkäfer, die nun den heimischen Insektenstand mit Krankheiten bedrohen und den Weinbauern Probleme machen, da sie den Geschmack des Weines negativ beeinflussen. „Darum arbeiten wir mit heimischen Nützlingen, weil sie perfekt an die gegebenen Umweltbedingungen angepasst sind.“
„Zweitens sind im Gewächshaus die Klimafaktoren kontrolliert, Wärme, Feuchte, Licht. Das ist im Freiland nicht der Fall. Niederschläge, Temperaturschwankungen, wie machen sie den Nützlingen zu schaffen? Im Gewächshaus sind Nützlinge diesen Herausforderungen nicht ausgesetzt.
Drittens ist die Frage zu lösen: Bei welcher Schadschwelle muss man Nützlinge aussetzen? Ist bereits genug Beute anwesend oder gar der Schädlingsdruck so groß, dass die Nützlinge eine Bekämpfung nicht mehr schaffen können.“
Im Gewächshaus sei viel Erfahrungsarbeit geleistet, aber wie muss die Applikationstechnik im Freiland aussehen? Wie bringt man die Nützlinge aufs Feld, sei eine der größten Frage.
Wie bringt man Orius majusculus aus?
„Die Ausbringung im Freiland darf nicht zu arbeitsaufwendig sein. Um dieses Thema drehen sich viele Versuche bei Koppert. Das Orius-Präparat wird zum Pflanztermin des Porrees ausgebracht. Vorher muss der Landwirt die Blühpflanze Lobularia maritima säen oder pflanzen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Blühpflanzen ausgezeichnet in der Fahrgasse angebracht werden können. Dort ist der Porree-Ertrag sowieso etwas gemindert, da er wird dort kleiner bleibt.
Lobularia ist eine unkomplizierte Pflanze. Man kennt sie auch in Ritzen von Straßenpflaster, an Mauerfüßen, selbst in der Sommersonne halten sie stand. Der Landwirt braucht sich um den Bestand dieser Blühpflanze nicht zu kümmern.“
Die Saatgutverfügbarkeit von Lobularia sei derzeit ausreichend; bei größerem Bedarf seien die Saatgutunternehmen schnell in der Lage, ausreichend Saatgut zu produzieren. Lobularia sei ein guter Saatproduzent.
Es sollte zum Pflanztermin des Porrees schon ein beginnendes Blütenmeer anwesend sein, denn Orius lebt gerne vom Blütenstaub der Lobularia. Sobald Blüten präsent sind, die Nützlinge ausbringen und im Rhythmus von zwei Wochen bis insgesamt drei Gaben wiederholen.
„Das Nützlingsprodukt wird über dem Blühstreifen ausgestreut. Das ist alles. Den Rest erledigt Orius selbst. Im Juli kommen meist die großen Thripsaufkommen, die treffen dann auf eine voll etablierte Nützlingspopulation. Thrips können sich sehr gut verstecken, sodass sie durch Kontaktmittel nicht zu erreichen sind. Orius-Individuen aber sind sehr hungrig, alle Stadien sind gefräßig. Sie sind gut angepasst an Thrips, je wärmer, desto schneller ist die Vermehrung von sowohl Thrips wie von Orius. Und sie finden ihre Beute.“
Es wurde auf verschiedenen Bodenarten getestet, mit Blühstreifen in 16 m und 33 m Abstand. Beim 33 m Abstand der Blühstreifen ist die Wirksamkeit gleichbleibend gut. Die wichtigste Erkenntnis dieser Versuche: „Es funktioniert. Und es funktioniert genau so gut wie Chemie“.
Wie hoch sind die Kosten per ha?
Selbstverständlich ist der Kostenaspekt ein wichtiger. Es wird durch die Gartenbau- und Agrargenossenschaften der Nützlingseinsatz gefördert, sicherlich die Anfangsschritte sind förderfähig. Wir sind bemüht, die Kosten der Nützlinge und Lobularia bezahlbar zu halten.
Nützlingsschonend arbeiten
Es gilt nun die Devise: Nützlingsschonend arbeiten – im Gewächshaus musste das auch gelernt werden. Die Kompatibilität mit anderen Pflanzenschutzmitteln ist noch nicht vollends erforscht, aber es gibt Mittel in jeder Betriebssituation, die verwendet werden können. Auf der Internetseite von Koppert findet man eine ausführliche Entscheidungshilfe (Tool) für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bei Nützlingseinsatz.
Im Porreeanbau kommt die Frage nach der Verträglichkeit von Lobularia maritima von Herbiziden auf. Ob es nun um Herbizide oder andere Mittel geht, Eschweiler betont, dass das gesamte Feldmanagement in Zusammensprache zwischen Landwirt und Koppert gelingen wird. Im Hopfen beispielsweise sei Dank intensiver Zusammenarbeit von Anbauern und Nützlingsanbieter der Einsatz von Raubmilben gegen Rote Spinne ein eingespieltes System mit nützlingsschonendem Pflanzenschutzmitteleinsatz geworden.
Gehört zum nützlingsschonenden Arbeiten auch die Wahl der Porreesorten?
Es gibt Sorten, die sind „stark gegen Thrips“ oder auch „resistent gegen Thrips“. Eschweiler: „Die Resistenzzüchtung in der Pflanzenzüchtung liefert einen großen Beitrag zur Verminderung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes.“ Den Nützlingseinsatz kann man als Ergänzung hierzu sehen.
Kann Orius auch in Zwiebel zur Thripsbekämpfung eingesetzt werden?
„Es könnte auch in Zwiebel funktionieren“, ist sich Eschweiler sicher, „es muss aber noch weiter getestet werden. Es werden Landwirte für Feldversuche gesucht.“
Sind weitere Nützlinge im Freiland auf dem Vormarsch?
In niederländischen Versuchen haben sich Nematoden gegen die Zwiebelfliege (Delia antigua) als außerordentlich wirksam erwiesen. „Das ist ein sehr schönes Projekt, sehr erfolgreich. Die Nematoden sind unkompliziert auszubringen: Der Praxis entsprechend einfach mit der Spritze.“ Da die Nematoden im Boden leben, sind sie relativ unempfindlich gegen Störungen. Sie sind allerdings UV-sensibel, warum man sie nicht bei kräftiger Sonnenstrahlung ausbringen sollte und sie benötigen ausreichend Wasser für ihre Bewegungsfreiheit. Auf Feldern ohne Bewässerung werden sie weniger erfolgreich sein. Diese nützlichen Nematoden sind kompatibel mit vielen Pflanzenschutzmitteln, d.h. sie verlieren ihre Wirksamkeit nicht, wenn andere chemische Mittel wie z.B. Herbizide eingesetzt werden.
Sind Florfliegen im Freiland schon einsetzbar?
„Florfliegen und deren Larven sind im Gewächshaus sehr effizient, sie fressen alles“, erklärt Eschweiler. Florfliegen sind ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten, die beim Einsatz von Nützlingen im Freiland gelöst werden müssen. Deren Einsatz im Freiland wäre ein großer Schritt im natürlichen Pflanzenschutz.
Die Larven sind jedoch noch teuer, ein wichtiger Faktor für den großflächigen Einsatz bei Feldfrüchten. Und wie bringt man sie aufs Feld? „Diffizil“, sagt Eschweiler, „die Larven sind empfindlich.“ Nun sollen die Eier der Florfliegen spritzbar gemacht werden. „Aber wie schädigt man die Eier nicht? Welcher Spritzdruck, welche Düsen muss man verwenden?“
Die Raubwanze im Porree streut man auf die Blütenpflanzen in der Fahrgasse. Die Nematoden gegen die Zwiebelfliege sind noch praktischer auszubringen, mit der Spritze. Auch im Obstbau und im Hopfenanbau werden viele Versuche mit verbesserter Ausbringungstechnik der Nützlinge gemacht. Es sei sehr motivierend, um das Interesse der Landwirte beantworten zu können.
„Es wird intensiv daran gearbeitet“, sagt Julia Eschweiler sichtbar erfreut. Das beflügelt, um am umweltschonenden Einsatz von Nützlingen weiterzuarbeiten, es gibt ständig neue Erkenntnisse. „Wir sind noch lange nicht am Ende.“
Monika van Sorgen-Merholz