Die Herrenhäuser Gärten gehören europa- und damit wohl weltweit zu den bedeutendsten und besterhaltenen Barockgärten. Der Große Garten gilt mit 50,2 ha als ihr Herzstück. Lässt sich der Calenberger Herzog Johann Friedrich vielleicht als Ideengeber für die Anlage der Anlage bezeichnen - er machte 1666 das Dorf Haringehusen unter dem Namen Herrenhausen zu seiner Sommerresidenz - verdankt sie ihren Ausbau letztendlich Sophie von der Pfalz, ihres Zeichens Kurfürstin von Hannover. Sie ließ den Garten Ende des 17. Jahrhunderts nach französischem Vorbild ausbauen und machte ihn zu ihrem Lebenswerk. So entstand ein Meisterwerk barocker Gartenkunst mit vielen Sonder- und Mustergärten, einer großer Fontäne, Wasserspielen, einem Irrgarten, Freilufttheater, unterschiedlichen Figurengruppen, und natürlich Schloss samt Kaskade, Galeriegebäude und Orangerie. Zum Großen Garten gehört auch die im 18. Jahrhundert erbaute Grotte, die mit Muscheln, Kristallen, Glas und Mineralien verziert im Sommer einen kühlen Rückzugsort bieten sollte. Diese Verzierungen gingen verloren, bis die Künstlerin Niki de Saint Phalle die Grotte im Jahr 2002 mit Kiesel-, Glas- und Spiegelstücken ausschmückte und so in ein magisches Kunstwerk voller Farbe, Licht und Sinnlichkeit verwandelte.
Heute ist der Große Garten eine der Attraktionen Hannovers und zieht als Besuchermagnet jährlich regelmäßig rund eine halbe Million Besucher in seinen Bann. Die Stadt feiert ihr Schmuckstück mit Gartenfesten, Theateraufführungen und dem Internationalen Feuerwerkswettbewerb in den Sommermonaten. Nördlich des Großen Gartens liegt der Berggarten. Ursprünglich als Nutzgarten für die Hofgesellschaft angelegt, wurde er später zum botanischen Schaugarten umgebaut. Komplettiert wird das Ganze von der Allee im Georgengarten, die direkt aus der Innenstadt in die königliche Gartenpracht führt. Barocke Schätze, berühmte Persönlichkeiten aus der hannoverschen Geschichte und aktuelle Ausstellungen gibt es in der früheren Sommerresidenz der Welfen zu sehen. Schloss Herrenhausen wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, rund 70 Jahre nach seiner Zerstörung neu errichtet und gibt den Gärten spätestens seit 2013 ihren architektonischen Bezugspunkt zurück.
Landschafts- und Gartenbilder sowie Naturpoesie vom 18. bis 21. Jahrhundert laden im Westflügel des Museums seit dem 2. April 2023 noch bis zum 14. Januar 2024 dazu ein, über den Umgang des Menschen mit der Natur nachzudenken. Die sehr empfehlenswerte Ausstellung eröffnet einen breiten Assoziationsraum für das Nachdenken über den gesellschaftlichen Umgang mit Natur. Landschafts- und Gartenbilder sowie Naturlyrik und - prosa werden in Beziehung zu Bilddokumenten und Texten gesetzt und erinnern uns einmal mehr daran, dass wir Menschen Naturwesen sind. Als solche sind wir von der uns umgebenden Natur abhängig. Gleichzeitig macht die Ausstellung deutlich, dass der Begriff Natur oft im Kontrast zum Begriff Kultur verwendet wird. Dabei ist die äußere Welt stets durch die Hand von uns Menschen geformt und wird aus unserer subjektiven Perspektive wahrgenommen. Natur ist deshalb immer kulturell bedingt.
Und auch die ästhetische Wahrnehmung der Natur, wie sie in Bilderwelten gepflegt wird, ist Produkt gesellschaftlich bedingter Erfahrungen. Landschaftsmalerei und -fotografie sind durch Wertorientierungen, Lebensgefühle und Organisationsformen des Austauschs mit den natürlichen Lebensgrundlagen geprägt. Wobei dies selbstverständlich auch für die Gestaltung von Gartenanlagen wie die des Schloss Herrenhausen umgebenden Herrenhäuser Gärten gilt, die von den jeweiligen Lebenshaltungen, Repräsentationswünschen und Nutzungsbedürfnissen der Menschen bestimmt wurden und werden.
Tim Jacobsen