Den Auftakt machte am Donnerstag eine Besichtigung der Lehr- und Versuchsanstalt Straelen sowie die interne Delegiertenversammlung, bei deren Wahlen der 1. Vorsitzende Frank Werner, der 2. Vorsitzende Christoph Schönges sowie die Vorstandsmitglieder Bernhard Klein, Oliver Krebs und Jens Schachtschneider einstimmig wiedergewählt wurden. Am Abend wurde die Baumschule Peters in Kevelaer besichtigt (wir werden separat berichten), wo der Tag mit einem leckeren Abendessen ausklang. Der Freitag war Exkursionstag mit dem Besuch von fünf Topfpflanzen- und Schnittblumenbetrieben diesund jenseits der niederländischen Grenze (Artikel folgen). Der Mittagsimbiss wurde im ehemaligen Floriadegebäude auf dem Brightlandcampus Venlo eingenommen. Anschließend erläuterte Adri BomLemstra, Vorsitzende von Glastuinbouw Nederland, die Herausforderungen der Gartenbaubranche im Nachbarland.
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Die Niederländerin beeindruckte zunächst mit Zahlen: In den Niederlanden stehen auf 9395 ha Gewächshäuser, was 0,2 % der gesamten Staatsfläche entspricht. In 1873 ha davon werden Topfpflanzen kultiviert und in 1870 ha Schnittblumen. Die Zahl der Zierpflanzengärtner, die unter Glas produzieren, beläuft sich auf über 1800. Der Verband Glastuinbouw Nederland vertritt 920 Gärtner mit 6350 ha Gewächshausfläche, darunter sind aber auch Obst- und Gemüseerzeuger. Die Mission heißt „Responsible Greenhouse Horticulture“; die Herausforderungen sind dabei nicht anders als bei uns: Energie, Personal, Wasser und Umwelt sowie Pflanzengesundheit. Als Ziele nannte BomLemstra, bis 2040 klimaneutral produzieren zu können und bis 2050 unter Glas so gut wie keine Arbeitskräfte mehr zu benötigen. Unterstützt wird die Branche dabei von staatlichen Forschungs- und Förderprogrammen.
Gartenbau muss gesehen werden!
„Die Zeiten sind anspruchsvoll“, betonte ZVG-Präsidentin Eva Kähler-Theuerkauf in ihrem Grußwort zur Vortragsveranstaltung am Samstag im Versuchszentrum Gartenbau Straelen. Passend zu ihrer Mission „Der Gartenbau muss gesehen werden!“ hatte sie sich farbenfroh gekleidet. Gemeinsam könnten die Gärtner auch über Grenzen hinweg viel bewegen; bei Themen wie effizienter Wassernutzung, Pflanzenschutz durch Nützlingseinsatz oder energiesparender Kultur würde die Branche doch schon lange zeigen, was sie kann. Die drei Herausforderungen Klimawandel, Fachkräftemangel und überbordende Bürokratie beschäftigen die Gärtner; sie brauchen Planungssicherheit, um investieren zu können.
Auch BVZ-Vorsitzender Frank Werner betonte, dass die Herausforderungen im Gartenbau grenzüberschreitend angegangen werden müssten. Energie sei ein wiederkehrendes Thema, aber die überbordende Bürokratie sei doch Problem Nr. 1. Der Bundesverband Zierpflanzen verfolge aufmerksam, was in Politik und Wirtschaft geschieht, und auch eine kleine Branche wie der Zierpflanzenbau könne etwas bewirken, wenn sie sich sichtbar mache und einmische. So beispielsweise bei der Erstellung des Maßnahmenpakets Zukunft Gartenbau, das ZVG-Generalsekretär Bertram Fleischer vorstellte.
Maßnahmenpaket Zukunft Gartenbau
Nach dem Zukunftskongress Gartenbau, den das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im Oktober 2022 ausgerichtet hatte, beauftragte das BMEL das Thünen-Institut, eine Chancenund Risiko-Analyse für den Obst- und Gemüsebau in Deutschland zu erstellen. Die Ergebnisse des Kongresses sowie das Thünen-Dokument zeigten vielfältige Handlungsoptionen und Notwendigkeiten für die Zukunft der Branche auf und bildeten die Grundlage für einen Diskussionsprozess, der im September 2023 seine Auftaktveranstaltung hatte. In zwei Arbeitsgruppen entwickelten die Teilnehmer aus Praxis, Verbänden, Wissenschaft und Branchenorganisationen über den Winter das „Maßnahmenpaket Zukunft Gartenbau“, das sie Ende Februar der Staatssekretärin des BMEL Silvia Bender übergaben.
Die Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Maria Finckh, Universität Kassel, entwickelte ein „Konzept für einen Neustart der gartenbauwissenschaftlichen Forschung und Ausbildung an Universitäten in Deutschland“. Denn die Gartenbauwissenschaften seien ein wesentlicher Bestandteil der nachhaltigen Transformation der Branche und momentan unterfinanziert, um ihren Beitrag zur Zukunft des Gartenbaus zu leisten: Wissen schaffen durch Forschung und die akademische Ausbildung von Fachpersonal.
Bertram Fleischer leitete die andere Arbeitsgruppe mit dem Titel „Aspekte des transformatorischen Wandels gestalten“. Ausgangspunkt der Diskussion waren hier die erheblichen Belastungen der Wirtschaftlichkeit der Betriebe durch stetig steigende politische Anforderungen – Nachhaltigkeit, Energieeinsatz, CO2 - Einsparungen, Pflanzenschutz – sowie steigende Löhne, Fachkräftemangel, ungleiche europäische Wettbewerbsbedingungen und überbordende Bürokratie. Im Maßnahmenpaket wurden Vorschläge erarbeitet, wie Wirtschaftlichkeit gewährleistet und Produktionsfaktoren sichergestellt werden können, nicht nur im Obstund Gemüsebau, sondern auch in den anderen gartenbaulichen Sparten. Wie es nun weiter geht, dabei spiele die Agrarministerkonferenz der Länder eine große Rolle, so der Generalsekretär. Seit Juli 2024 arbeiten nun drei vom BMEL eingesetzte Arbeitsgruppen weiter: AG 1 Nachhaltigkeit und Ressourceneinsatz, AG 2 Zukunft Produktion und Vermarktung sowie AG 3 Wissenschaft und Vermittlung. Die Broschüre „Maßnahmenpaket Zukunft Gartenbau“ kann unter www. derdeutschegartenbau.de eingesehen werden.
Lobbyarbeit in Brüssel
Jesse Schevel ist niederländischer Milchbauer. Und Jesse Schevel ist Leiter des Brüsseler Büros des Verbands Glastuinbouw Nederland. Der junge Mann hat internationales und europäisches Recht sowie Wirtschaftsingenieurwesen studiert und spricht mindestens vier Sprachen fließend. Er nennt sich selbst Lobbyist und erläuterte den Teilnehmern der Herbsttagung unterhaltsam und kompetent, wie die Branchenvertretung in Brüssel funktioniert und welche möglichen Konsequenzen die EU-Wahl für den Zierpflanzenbau in Europa haben wird.
Die EU-Dachverbände sind COPA für Landwirte und Gärtner sowie COGECA für die Agrargenossenschaften. In Brüssel sowie in der COPA COGECA liegt wegen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Schwerpunkt auf Viehhaltung und Ackerbau. Doch innerhalb der COPA gibt es eine Arbeitsgruppe Blumen und Pflanzen, die dafür sorgt, dass auch die Zierpflanzenproduktion Gehör findet. Zentrale Themen, die die gesamte grüne Branche betreffen, sind Energie, Arbeit, Pflanzenschutz, Umwelt, Wasser und Handel.
Im April hatte die Arbeitsgruppe den EU-Abgeordneten beispielsweise ein „Manifesto“ präsentiert, in dem sie aufzeigte, wie die Branche zum Green Deal beitragen könnte. Viel Aufklärungsarbeit sei nötig, um Entscheidungsträgern, die wenig Ahnung von der Branche haben, beispielsweise klarzumachen, dass für grünere Städte, Klimaschutz und sauberere Luft die Produktion von Pflanzen in Europa notwendig ist.
Mit der EU-Wahl sind die Sitze der Grünen und der Liberalen im EU-Parlament weniger geworden, dafür haben rechtskonservative und rechtsradikale Fraktionen nun mehr Sitze. So gebe es jetzt zwar das lose Bündnis der Mitte aus Christdemokraten, Sozialdemokraten und Liberalen, aber mit „rechter Bremse“, das heißt, in Einzelfragen könnten die Christdemokraten oder die konservativen Teile der Liberalen möglicherweise auch mit den rechten Fraktionen zusammenarbeiten. Der Einfluss der Grünen ist schwächer geworden, sie könnten sich aber gelegentlich zum Bündnis der Mitte schlagen.
Die EU-Kommission selbst ist deutlich rechter geworden als früher. Von den 27 Mitgliedern – jedes EU Land schickt einen Kommissar – sind 14 von den Christdemokraten. Jedes Kommissionsmitglied ist für ein ihm von der Kommissionspräsidentin zugewiesenes Ressort verantwortlich. Landwirt Christophe Hansen aus Luxemburg ist neuer Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung. Kommissarin für Umwelt und Wasser ist Jessika Roswall aus Schweden. Aus den Niederlanden kommt der Kommissar für Klima Wopke Hoekstra. Diese drei sind von der christdemokratischen EVP. Der Ungar Olivér Várhelyi von Patriots for Europe ist Kommissar für Gesundheit und Tierschutz, was auch Pflanzenschutzmittel betrifft. Fazit: alle Kommissare, die für den Gartenbau interessant sind, kommen von rechts.
Clean Industrial Deal
An den Zielen des europäischen Green Deals soll festgehalten werden. Die wiedergewählte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht allerdings inzwischen von einem Clean Industrial Deal. In ihrer Rede zur Bewerbung um ihre zweite Amtszeit, sagte sie unter anderem: „Ich werde dafür sorgen, dass Landwirte ein faires Einkommen erhalten.“ Und: „Wer nachhaltig mit Natur und Artenvielfalt umgeht und dazu beiträgt, den CO2 -Haushalt ins Lot zu bringen, der muss angemessen dafür entlohnt werden“. Außerdem versprach sie, in den ersten 100 Tagen ihrer neuen Amtszeit eine Vision für Landwirtschaft und Lebensmittel vorzulegen, „die sich mit der Frage befasst, wie die langfristige Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit unseres Agrarsektors im Rahmen der Grenzen unseres Planeten sichergestellt werden kann.“ Diese Vision wird sich auf Ernährung beziehen; Schevel versicherte, dass der Sektor Blumen und Pflanzen alles versuche, um dort auch berücksichtigt zu werden.
Als Basis für die Vision dient der Abschlussbericht des Strategischen Dialogs zur Zukunft der Landwirtschaft in der EU, den der Vorsitzende des Forums, Prof. Peter Strohschneider, Anfang September an die EU-Kommissionspräsidentin übergeben hat. Einige Aspekte darin sind durchaus auch für den Zierpflanzensektor positiv, beispielsweise die Position der Landwirte in der Kette zu stärken oder mehr Innovation und besserer Zugang zu Kapital sowie Bürokratieabbau. Abschließend nannte Jesse Schevel Erfolge der Lobbyarbeit wie die Verhinderung der PflanzenschutzmittelReduktionsverordnung SUR oder die Klausel in der EU-Verpackungsverordnung, sodass Pflanzentöpfe in der Produktion nicht mehr als Verkaufsverpackung angesehen werden. Auch als kleine Branche könne man viel erreichen, ist der junge Mann überzeugt. Er lobte auch besonders die fruchtbare Zusammenarbeit der niederländischen und deutschen Gartenbauverbände in Brüssel.
Sabine Aldenhoff
(Artikel aus GP 11/24)