Bei „großen“ Entscheidungen – das sind oftmals solche, die mit einem tiefen Griff in die Kasse verbunden sind, spielen neben der Faktenlage auch Emotionen und der Blick in die Zukunft immer wieder eine bedeutende Rolle. Die Entscheidung für oder gegen ein Hagelschutzsystem bei einer Neuanlage kann unter diese Kategorie fallen, denn die Abwägung der Vorzüge und Nachteile lässt im Einzelfall auch schon einmal beide Optionen als mögliche Lösungen zu.
In vielen Obstregionen hat sich diese Frage schon im Vorfeld erübrigt, da diese so häufig von starken Unwettern und Hagelschlägen heimgesucht werden oder die Vorgaben der Abnehmer festlegen, dass ein Anbau ohne entsprechendes Schutzsystem kaum möglich wäre. Zudem bieten die oftmals den genossenschaftlich angeschlossenen Betrieben zur Verfügung stehenden GMO-Mittel eine geeignete Möglichkeit zur Umsetzung der Hagel- oder Wetterschutzvorhaben.
Es gibt aber auch Regionen, in denen ein Hagelschutz aus der Erfahrung der Vergangenheit nicht zwingend erforderlich, bei genauer Abwägung der Vor- und Nachteile jedoch sinnvoll ist. Dabei sind Aspekte wie ein Ausblick in die Zukunft des Betriebes, die Entwicklung auf den Märkten, die Produktionssicherheit, die weitere Verfügbarkeit von Arbeitskräften oder etwa das Fortschreiten und die Auswirkungen des Klimawandels vielfach ausschlaggebend.
Individuelle Rahmenbedingungen beachten
Welches Verfahren ist unter den vorherrschenden Rahmenbedingungen aber am besten geeignet? Ist es ein Standard-Einzelreihensystem mit Giebel und Querverspannung, ein Einzelreihensystem mit Giebel ohne Querverspannung oder ein Einzelreihensystem ohne Giebel und Querverspannung bzw. ein Mehrreihensystem? Sollen Pflegemaßnahmen wie der Schnitt oder die Ausdünnung mechanisch durchgeführt werden? Wie aufwändig ist das Handling zum Schließen und Öffnen der Hagelschutznetze bzw. Folienbahnen, können diese Verfahren vereinfacht oder automatisiert werden? Welche Kosten sind damit verbunden? Sollen Pflanzenschutzapplikationen ein- oder mehrreihig durchgeführt werden? Ist neben dem Schutz vor Hagel auch ein Schutz gegen Niederschlag, Sonnenbrand oder ungebetene Insekten erwünscht?
Einzelreihensysteme
Die technischen Möglichkeiten zur Umsetzung wurden in den zurückliegenden Jahren permanent erweitert und effektiver Kulturschutz ist heute ein zentrales Thema in nahezu allen Obstbaubetrieben. Das nach wie vor am meisten in der Praxis verbreitete System ist das Einzelreihensystem mit Giebel und Querverspannung. Es bietet einen guten Hagelschutz, ist bei fachgerechter Bauweise und Ausführung langlebig und ausreichend lichtdurchlässig. Mehrreihige Pflanzenschutzgeräte können darunter jedoch nicht eingesetzt werden. Zudem sind die Investitionskosten und der Montageaufwand hoch.
Rudolf Holzwarth, Zielgruppenmanager der BayWa AG, verzeichnet daher unter dem Aspekt des einfacheren Handlings und der Kostenreduzierung immer wieder Anfragen aus der Praxis zur „Verschlankung“ des Systems durch den Verzicht auf eine Querverspannung, was zu Lasten der Stabilität gehen kann. Alternativ zur Querverspannung bauen manche Betriebe zur Verstärkung des Systems Abstandshalter oder Bügel ein. Die BayWa bietet ein solches System unter der Bezeichnung „EasyNet“ an. Rudolf Holzwarth betreut Kunden und Projekte der BayWa im Bereich Hagelschutz und Überdachungen schon seit vielen Jahren z.T. auch weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus. Das Thema „Agrovoltaik“, die Kombination von Schutzsystemen mit der Fotovoltaik zur Energieerzeugung, gewinnt momentan in einigen Regionen an Bedeutung.
Zu bekannten Einzelreihensystemen ohne Giebel und Querverspannung zählen auch das „Keep-in-touch“-System, das in Deutschland u.a. von Frustar vertrieben wird und das Whailex-System der Wagner GmbH. Bei beiden Systemen können mehrreihige Pflanzenschutzgeräte eingesetzt werden. Neben dem Schutz vor Hagelschlag (ggf. nicht vollständig) ermöglichen die Systeme auch einen Schutz vor Vogelfraß und – abhängig von der Netzfarbe – Sonnenbrand. Wenn dunkle Netze verwendet werden, müssen die Auswirkungen auf das Wachstum der Pflanzen und die Ausfärbung der Früchte beachtet werden. Die Möglichkeit zum schnellen Aufrollen der Netze mit Hilfe einer Kurbel ist ein großer Vorzug des Whailex-Systems, wenn z.B. Pflege- und Erntearbeiten durchgeführt werden sollen. Ab einer gewissen Baumhöhe stoßen Einzelreihensysteme ohne Giebel und Querverspannung jedoch an ihre statischen Grenzen. Nicht vergessen werden darf, dass die Investitionskosten für Einzelreihensysteme ohne Giebel und Querverspannung im Vergleich zu den Einzelreihensystemen mit Giebel und Querverspannung in der Regel deutlich niedriger sind.
Mehrreihensysteme
In der Praxis bislang noch im Vergleich zu den Einzelreihensystemen weitaus weniger verbreitet sind Mehrreihensysteme. Sie bieten neben dem Vorzug der Materialeinsparung bei Netz und Plaketten auch den Vorteil, dass keine Schäden durch Streuhagel entstehen und mehrreihige Pflanzenschutzgeräte zum Einsatz kommen können. Auf der anderen Seite stellen Mehrreihensysteme besondere Anforderungen an die Unterkonstruktion und Verankerung des Systems, da eine Entleerung bei Hagel oder Schnee nicht bzw. nur teilweise möglich ist. Dies macht nicht nur längere und dickere Säulen erforderlich, sondern auch u.a. dickere Seile und stabilere Anker. Daraus ergeben sich insgesamt höhere Investitionskosten.
Entwicklung schreitet voran
Das niederländische Unternehmen Fruit Support Europe hat ein solches Mehrreihensystem im belgischen Proefcentrum Fruitteelt sowie in einer Baumschule errichtet und soweit automatisiert, dass das Netz bei Bedarf in kürzester Zeit geschlossen und geöffnet werden kann. Beim „Opti-Matic“-System werden die Netzbahnen beim Öffnen auf ein Rohr auf- und beim Schließen wieder abgewickelt. Angetrieben werden die Rohre über Elektromotoren, die ihre Energie über Solarkollektoren beziehen, wie Marco van Wieringen, der für den Vertrieb des Unternehmens, das ein Portfolio an Lösungen für den Hagel-, Witterungs- und Insektenschutz bietet, in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs ist.
Seit der Übernahme von Brändlin Systems durch die Wurth Pflanzenschutz GmbH sind nicht nur der Vertrieb und Service für die Hagelschutz- und Überdachungssysteme in die Hände des in Appenweier ansässigen Unternehmens übergegangen. Unter der Bezeichnung „PM 1“ kann auch schon die erste Neuentwicklung vorgestellt werden. Bei den Systemen von Brändlin wird häufig mit Plaketten gearbeitet, bei den von Wurth bisher vertriebenen Systemen kommen oft Expander zum Einsatz, wie Christoph Wössner und Stefan Federle aus dem Team von Brändlin Systems berichten. Aktuell wurden gerade zwei große Anlagen errichtet, bei denen sowohl Plaketten als auch Expander verwendet werden. Unter einem klassischen Einzelreihen-Hagelschutzsystem mit Giebel und Querverspannung wurde eine Regenschutzfolie installiert. Hagelschutznetz und Folie sind nicht miteinander verbunden. Das Regendach kann mittels Zickzack-Expandern bei Bedarf (z.B. wenn ein Frostereignis im Frühjahr bevorsteht) schnell geschlossen und später wieder geöffnet werden. Entwickelt wurde es von Wurth-Mitarbeiter Patrick Marz (PM-1-System). Es kann auch nachträglich in bestehende klassische Einzelreihen-Hagelschutzsysteme integriert werden.
Thomas Kühlwetter