GP 08/23: Strauchbeerenrundgang in Auweiler: Nicht nur Erdbeeren…

MODERN

Foto: Valenta

Es gibt schließlich auch noch Him- und Brombeeren, sowie Johannis- und Heidelbeeren. Zu all diesen Kulturen werden am Versuchszentrum Gartenbau der Landwirtschaftskammer NRW in Köln-Auweiler Versuche durchgeführt. Anfang Juli konnten sich Anbauer und Berater dort über aktuelle Ergebnisse informieren.
Sarah Meyer, LWK NRW, stellte zunächst die Versuche im Bioanbau vor. Bei den Himbeeren werden Topfgrünpflanzen mit Long Canes verglichen, kultiviert werden beide Varianten mit 5 Ruten/lfm. Die Ruten für die Herbsternte werden dabei mit hochgezogen, während der Sommer­ernte überragen sie bereits die alten Ruten. Gedüngt wird mit einem ökologischen Flüssigdünger, gegen Spinnmilben kommen, monatlich eingesetzt, Raubmilben zum Einsatz. Da die Pflanzen im Bioanbau nicht ausschließlich in Substrat kultiviert werden dürfen, sondern die Möglichkeit haben müssen, in den Boden einzuwurzeln, wachsen sie in Auweiler im Tunnel in einer Rinne. Diese ist mit Sub­strat gefüllt, aber die Wurzeln können auch in den Mutterboden einwurzeln.
Eine reine Bodenkultur hätte den Nachteil, dass die Fläche nicht mehrfach hinterei­­nan­­der für die Himbeerkultur genutzt werden kann bzw. der Tunnel weiterwandern müsste. Mit der Substratrinne wird es so gehandhabt: Nach der Kultur werden die Wurzeln am Rand abgestochen und die Pflanzen mitsamt Substrat entfernt, danach kann neu aufgepflanzt werden. „Es ist eine halbe Substratkultur“, fasst Ludger Linnemannstöns zusammen. Das Substrat besteht aus Kokosfasern, Torf, Holzfasern sowie Perlite. Mit denselben Pflanzen sind bis zu fünf Ernten möglich, dann sollte neu gepflanzt werden, da die Erträge stark zurückgehen und phytosanitäre Probleme zunehmen.

Heidelbeeren

Die Bio-Heidelbeeren wurden im Herbst vergangenen Jahres in zwei Varianten neu aufgepflanzt: Eine Reihe steht in einem kleinen Damm, der mit Bändchengewebe abgedeckt ist, um Unkraut zu unterdrücken. Die andere Reihe wurde in Töpfe gepflanzt, die zur Hälfte im Boden versenkt wurden. Hier kann man – so die Theorie – mit dem Freischneider um die Pflanzen mähen, ohne Triebe zu verletzen. Weiterer positiver Effekt der umgebenden Erde: Die Wurzeln sind vor Frost geschützt. Zur Überwinterung im Freien riet Ludger Linnemannstöns, LWK NRW, mindestens 20-l-Container zu wählen und da­­rauf zu achten, dass das Substrat vor angekündigtem Frost nicht ganz trocken ist. Für die Winterhärte ist außerdem wichtig, dass die Pflanzen nicht „zu gut ernährt“ sind, so der Experte. Andernfalls schließen die Triebe nicht richtig ab und sind noch gefährdeter bei Frost.

Damm oder Container?

Peter Stremer, LWK NRW, ist in Auweiler u. a. für das Heidelbeerquartier zuständig. Er erläuterte, wie der Damm für die Heidelbeeren am Versuchszentrum aufgebaut wurde: In eine schmale Rinne wird grober Rindenhäcksel als Drainage eingebracht, darüber kommt Weißtorf als Sub­strat. Dieser wird zu einem breiten Damm geformt und mit Rindenmulch abgedeckt. Die Erde unter der Pflanzrinne wurde vorher „abgeschwefelt“, damit die Wurzeln dort auch einwachsen können. Das verbessert dann zum einen die Wasseraufnahme, gibt den Pflanzen zum anderen auch deutlich mehr Stabilität (v. a. bei starkem Wind). „Über die Mengen Weißtorf kann man sicherlich streiten, wir haben 150 m³/ha verwendet“, so Peter Stremer. Unkraut wird (bei Einzelpflanzen) manuell oder mittels Herbizideinsatz chemisch bekämpft. „Die Dammkultur hängt am Herbizidsystem“, ist sich Ludger Linnemannstöns sicher, und ergänzt: „Fallen noch mehr Wirkstoffe weg, wird es mit der Unkrautbekämpfung schwierig. Mechanisch kann man das am Damm nicht machen.“
`Duke´ ist laut Peter Stremer immer noch der Standard bei den frühen Sorten. `Valor´ ist eine späte Sorte mit sehr großen Früchten. Besser im Geschmack ist laut Stremer `New Hanover´. Die Anbauempfehlung aus Auweiler lautet: `Duke´, gefolgt von `Calypso´, `Liberty´ und evtl. `Last Call´. Allerdings neigt die geschmacklich gute Sorte `Liberty´ zu Kleinfrüchtigkeit – v. a. bei Hitzestress.

Schütteln statt pflücken (siehe Foto)

Bereits seit 2008 in der Sortenprüfung ist `Reka´, die leider eher kleine Früchte bildet. Hier ist die Ernte sehr zeitaufwendig. Gerade vor dem Hintergrund steigender Löhne und schlechterer Verfügbarkeit von Erntehelfern drängt sich da die Möglichkeit einer Maschinenernte auf. Vollernter sind aber teuer und lohnen sich nur für große Flächen. Eine Maschine für das maschinelle Schütteln der Sträucher fand Peter Stremer bei der Fa. Stihl, die neben den bekannten Motorsägen auch Kaffeeschüttler vertreibt.
Auf einem Multifunktionsgerät wird ein „Rechen“ aufgesteckt, der die Zweige mit Elektro- oder 2-Takt-Motorantrieb schüttelt. Die Intensität der kurzen Impulse lässt sich einstellen bzw. über den Gashebel regulieren. Messungen in Auweiler haben gezeigt, dass die Schüttelmethode 7-9 Mal schneller ist als die Handernte. Allerdings müssen anschließend noch Blätter und unreife Beeren aussortiert werden, was wiederum etwas Zeit kostet. Der Kaffeeschüttler kann auch – mit anderen Aufsätzen – für Schwarze Johannisbeeren oder Sauerkirschen verwendet werden. Zudem lässt sich das Grundgerät mit zahlreichen anderen Werkzeugen der Fa. Stil kombinieren.
Zur Verfrühung von Heidelbeeren läuft in Auweiler ein Versuch im Doppelfolienhaus mit verschiedenen Sorten, u. a. auch Southern-Highbush-Typen wie `Colibri´. Diese überzeugen durch guten Geschmack und hohe Erträge (gut 3 kg/Strauch von Ende Mai bis Anfang Juli). Die bei uns nicht ganz winterfesten Sorten werden in Auweiler frostfrei gehalten, ihr Kältebedürfnis liegt bei ca. 200 Kältestunden – im Gegensatz zu den sonst in Deutschland gepflanzten Sorten mit 1 000 Stunden.

Kulturverfahren bei Himbeeren

Ludger Linnemannstöns stellte verschiedene Kulturverfahren für Herbsthimbeeren vor. Üblicherweise werden Topfgrünpflanzen Anfang April im Tunnel/unter Regenkappen gepflanzt. Geerntet wird dann an der diesjährigen Rute ungefähr ab 20. August – praktisch an der Spitze der Ruten. Diese werden dann nach der Ernte etwas zurückgeschnitten (Cutback) und für die Ernte im nächsten Jahr weiterkultiviert. Überwintert werden können die Pflanzen (im Container) entweder im Haus oder in der Kühlung.
Bei der Weiterkultur werden die Pflanzen dann weiter gestellt – mit 4,5 Ruten/lfm. An den neu ausgetriebenen Lateralen wird im Frühjahr geerntet. Zugleich lässt man einige neue Ruten hochwachsen (Growthrough), die wiederum im Herbst eine Ernte bringen. Diese Ruten werden wieder eingekürzt und weiterkultiviert oder als Mow-Down komplett zurückgeschnitten. Die im Folgejahr austreibenden Ruten werden auf 3-4 Stück/Container vereinzelt und mit 9 Ruten/lfm weiterkultiviert. Das ist zwar zeitaufwendig, aber es muss nicht in neue Pflanzen investiert werden. Die Ernte der Mow-Down-Pflanzen erfolgt in der Regel zwei Wochen früher als bei frisch getopften Jungpflanzen. Insgesamt lassen sich mit diesem System mit einem Satz Jungpflanzen innerhalb von drei Jahren Kultur vier Ernten einfahren. Dann sollten die Pflanzen ausgetauscht werden, da die Erträge und Fruchtgrößen mit der Zeit deutlich nachlassen.
Bei den Sommerhimbeeren wies Simon Schrey, LWK NRW, noch auf einen Versuch zur Pflanzdichte hin. Standardmäßig werden Sommerhimbeeren mit 6 Ruten/lfm gesetzt. Im Versuch zeigte sich dann, dass mit 4,5 Ruten/lfm fast die gleichen Erträge erzielt werden können. Die einzelnen Triebe bekommen bei dem weiteren Stand mehr Licht, bilden mehr Blüten und somit mehr Früchte – so Schreys Erklärung.
Auch mit der Rutenlänge liefen in Auweiler Versuche. Im Freiland wurden Himbeerruten auf 1,50 m und 1,70 m gekürzt. Mit den kürzeren Pflanzen sollen Pflückkosten gespart werden, da die Ernte komplett vom Boden aus erfolgen kann. Im Ertrag konnte in den Varianten kein Unterschied gemessen werden. Laut Simon Schrey reichen für einen Voll­ertrag ca. 70 Laterale/lfm aus, was 14-15 Lateralen pro Rute entspricht.

Brombeeren

Für die Brombeerkultur werden in Auweiler die Long Canes selbst aus überwinterten Topfgrünpflanzen he­rangezogen. Im 4,7-l-Container werden dafür pro Topf jeweils drei Triebe an zwei Tonkinstäben gebündelt und nach oben gezogen. Die Bündelung bleibt dann auch während der Kultur bestehen – das spart Arbeitszeit und stört die Pflanzen nicht. Die fertigen Long Canes werden dann nach der Entlaubung eingefroren. Das Entfernen der Blätter, z. B. mittels Laubbläser, ist notwendig, damit die Pflanzen im Kühlraum nicht „weggammeln“. Sie darf aber erst erfolgen, wenn auch der natürlich Blattfall eingesetzt hat, andernfalls kommt es zu Verletzungen an den Trieben.
Als Neuheit in der Sortenprüfung bei Brombeeren ist `Sweet Royalla´, die 7-10 Tage vor `Loch Ness´ reift. Allerdings liefert sie etwas weniger Ertrag, wächst insgesamt kompakter – und auch die Ernte erfolgt in einem kompakten Zeitfenster. Ihr Geschmack ist aber deutlich süßer als bei `Loch Ness´, was zu einem besseren Nachkaufverhalten führen könnte. Bei der verwendeten Topfgröße (im geschützten Anbau) gaben die Anbauexperten folgenden Rat: Entweder während der Kulturdauer im 4,7-l-Container lassen – hier gibt es allerdings weniger Pufferspeicher – oder bereits die Anzucht im 7,5-l-Container machen, damit die Pflanzen gut durchwurzelt in die Kultur starten.

Marion Valenta

Artikel aus GP 08/2023