Die erste Hälfte der Saison 2022 ist vorüber – für viele Betriebe ist dies Anlass, einmal Zwischenbilanz zu ziehen. Doch diese dürfte nach zwei relativ gut überstandenen Corona-Jahren, in denen die Branche ihre Stärke gezeigt hat, sehr durchwachsen ausfallen, in Einzelfällen vielleicht sogar das Prädikat „ungenügend“ erhalten und einige Sorgenfalten zum Vorschein bringen.
Fragt man nach den Ursachen für dieses trübe Bild, dann sind die Gründe vielfältig. Alle zusammen führen sie aber letztendlich zu einer Situation, die zumindest einmal zum „Inne Halten“ auffordert.
Der Krieg in der Ukraine und seine Folgen werden immer wieder als eines der Argumente genannt. Auch wenn die Ukraine nicht in unmittelbarer Nachbarschaft liegt und wir vom Kriegsgeschehen und dessen Grausamkeiten wenig bis nichts mitbekommen, kann man dieses Argument nicht von der Hand weisen. Die Auswirkungen des Krieges sind global, man spürt sie Tag für Tag beim Einkauf von Lebensmitteln, an der Zapfsäule, auf der Energierechnung, beim Einkauf von Betriebsmitteln oder Maschinen, falls diese überhaupt in gewünschter Ausführung und Menge lieferbar sind.
Die Auswirkungen der Inflation und den Verlust an Kaufkraft spürt man tagtäglich an der Ladenkasse oder im Gespräch mit den Einkäufern des Lebensmittelhandels. Der Wettbewerb nimmt zu und in gleichem Maße die Moral oder das Bewusstsein, das ein Erzeugerbetrieb vom Verkauf seiner Ware leben muss und auch noch Geld für Investitionen oder zur Altersvorsorge zurücklegen muss, ab. Ob man dies bedauerlich oder verwunderlich empfindet, ist die eine Seite, die Realität ist (leider) gegenwärtig eine andere.
Begriffe wie „Nachhaltigkeit, Regionalität oder Saisonalität“ werden zum Teil überstrapaziert. Übrig bleibt oftmals kaum mehr als eine inhaltlose Worthülse. Wo liegt da ein Sinn drin, wenn das, was jahrelang gepredigt und häufig mit enormem Aufwand umgesetzt wurde, von einem auf den anderen Tag keine Bedeutung mehr hat, weil Importe kostengünstiger am Markt erhältlich sind und Bezugsquellen scheinbar kurzfristig zumindest über gewisse Phasen austauschbar sind. Die Bekenntnis zum Produkt und zum Produzenten aus der Region ist gleichermaßen auch eine Bekenntnis zur Zukunft der Erzeugerbetriebe im eigenen Land.
Es wäre an dieser Stelle deutlich zu kurz gegriffen, alleine den LEH für die aktuelle Entwicklung verantwortlich zu machen. Die Konsumenten sind auch – oder vielleicht sogar an erster Stelle - mit im Boot. Der LEH versteht es als seine Aufgabe, den Kunden ein breites Sortiment zur Abdeckung möglichst vieler Kundenwünsche und Käuferschichten anzubieten. Das ist völlig nachvollziehbar und selbstverständlich.
Der Preis hat dabei immer schon eine wichtige Rolle gespielt und es muss unzweifelhaft möglich sein, das auch Menschen, die nicht auf der Gewinnerseite des Lebens stehen, sich gesund und kostengünstig ernähren können. Dies aber bitte nicht einseitig auf Kosten der eigenen Erzeugerbetriebe, die im Wettbewerb um das günstigste Produkt schon alleine auf Grund einer Vielzahl an Vorgaben unmöglich mit Anbietern aus Südeuropa, aus Marokko oder der Türkei mithalten können.
Dies sollte auch einmal in der Öffentlichkeit viel deutlicher zum Ausdruck gebracht werden – unsere Kollegen in den Niederlanden, in Frankreich oder in Belgien sind darin pragmatischer. Ob man deren Wege und Mittel immer gut heißt, sei dahingestellt – für die eigenen Interessen in der Öffentlichkeit einmal einzustehen, muss aber legitim sein.
Thomas Kühlwetter