Der Gemüsehof Lehner hat sich auf die konventionelle Erzeugung von Zuckermais spezialisiert. Dieser rangiert in Österreich bei der Anbaufläche noch vor den Zwiebeln, muss man wissen. Ein Anlass, um die Produktion der supersüßen Kolben einmal näher unter die Lupe zu nehmen.
Während Werner Lehner (57) die Produktion im Auge hat, leitet seine Frau Christine Lehner gemeinsam mit zwei Angestellten das Büro. Der Erbhof wurde etwa zwischen 1100 und 1200 erbaut, bis 1600 ist die Geschichte der Viehwirtschaft zurückverfolgbar. Die Großmutter Werner Lehners kam in den 1940er-Jahren mit dem Gemüsebau in Kontakt, früh wurde Lollo-rosso-Salat angebaut und auf dem Großmarkt Linz verkauft. Durch den Großmarktstand kam mehr Handelstätigkeit auf. Den übrigen Anbau von Gemüse stellte der junge Werner Lehner ein und begann Ende der 1980er-Jahre mit Zuckermais. Erfahrungen beim Abpacken zum Beispiel von Fenchel und Radicchio in Folie führten Lehner zu den Fleischabteilungen bei Plus und Wertkauf, wo er die ersten automatischen Verpackungsmaschinen sah. Strichcodes kannte man noch nicht. „Als ich eine Maschine kaufte, veranstalteten meine Eltern einen Tango über diese Eigenmächtigkeit“, schmunzelt er. Die Weitsicht gab jedoch dem Sohn recht, als 1993 Merkur und Billa als Abnehmer für das süße Produkt folgten. Bei stetigem Wachstum kamen weitere Handelsketten hinzu, die Selbstvermarktung florierte. Die Lehners machen Zuckermais vom Feld bis ins Regal mit Verpackung, Strichcode und Kühltransport über Speditionen verbrauchsfertig.
Mit Kürbis wurde 1999 gestartet. Als weiteres Produkt kam Bärlauch aus Wildsammlung hinzu. Ungefähr vier Wochen lang wurden 35 t Bärlauch zu 100 g in Tassen, das österreichische Wort für Foodtainer, abgepackt. Da jedoch die Ketten ihre Rahmenbedingungen änderten, giftige Kräuter wie Herbstzeitlose und Einbeere zunahmen und in ausgewiesenen Natura-2000-Gebieten nicht mehr geschnitten werden durfte, wurde diese Einkommensquelle nach zwanzig Jahren beendet. Auch die Süßkartoffel, die seit 2018 im Betrieb war, wurde mangels siebfähiger Böden nicht weiterverfolgt. Ein kleiner Teil der Süßkartoffel-Produktion wurde jedoch beibehalten, um so die Herstellung des von Sohn Franz Lehner 2020 ins Leben gerufenen Produkts ROOTS (Organic Sweet Potato Vodka), zu gewährleisten. Erst vergangenes Jahr wurde sein Edel- Destillat beim renommierten World Spirits Award mit Gold prämiert.
Alle zwei Stunden ein voller Bunker
Bleibt also der Zuckermais als beständiges Spezialprodukt. Die Böden sind sehr gut, eher mittelschwer und wasserhaltefähig. Bei der Düngung die Phosphor-Grenze von 40 kg Rein-P/ha einzuhalten, wirkt sich erschwerend aus. Zwei Gaben fester Dünger werden eingearbeitet. Bei der Bodenbearbeitung achtet man auf Tiefenlockerung und verzichtet, wenn es geht, auf den Einsatz des Pflugs. Beim Pflanzenschutz werden Spritzbehandlungen durchgeführt, bis auf die Flächen im Wasserschutzgebiet. Den Versuch, Nützlinge einzusetzen, wertete Lehner als nicht erfolgreich.
Bei einem eher geringen Eigenland-Anteil braucht es geeignete Tauschflächen. Das gestaltet sich nicht so leicht. „Ich muss froh sein, wenn ich Flächen bekomme“, meint der Betriebsleiter, „wir konkurrieren mit Viehbetrieben, die bis zu 1 000 € Pacht pro Hektar zahlen.“
Ab etwa Mitte März wird im Reihenabstand von 75 cm alle 20 bis 23 cm/lfm in Reihe pneumatisch mit der Monosem-Einzelkornsämaschine wöchentlich ausgesät und doppelt mit Folie und Vlies bedeckt. Zwischen vier und sechs supersüße Sorten werden von diversen Saatgutfirmen bezogen. Verunkrautung muss unbedingt ausgeschlossen werden, damit der Mais gut aufwächst.
Die Ernte kann je nach Witterung normalerweise ab Juli stattfinden und geht bis in den Oktober hinein. Der ideale Erntezeitpunkt ist im Stadium Milchreife des Korns. Die Bestimmung braucht Erfahrung und wenn es sehr heiß ist, verschieben sich Milchreife und Ernte nach vorne. Mit dem vierreihigen Vollernter von Pixall, der einen speziellen Pflückaufsatz für Mais vor sich herträgt, wird geerntet. Alle zwei bis drei Stunden wird der Bunker gefüllt, die Kolben mit Lieschblättern zum Hof gebracht, geputzt und mit der Waldyssa-Maschine, einem schweizerisch-italienischen Fabrikat, verpackt, bevor die nächste Erntefahrt startet. Die Lieschblätter des Maises lagert man auf dem Feld zwischen, ein Lohnunternehmer streut sie wieder auf den Äckern aus, geht mit der Kurzscheibe drüber und arbeitet sie ein.
Von Zertifizierung bis Zukauf
Während des Sommers findet der „ganz normale Wahnsinn“ statt. Dieser schließt beispielsweise die Packstellenzertifizierung ein. Da für viele Flächen Nutzungsvereinbarungen mit anderen Betrieben getroffen wurden, müssen allein zehn Zertifizierungen für Pachtflächen durchgezogen werden. Jede Handelskette „kocht“ hier eigene Süppchen. Dabei werden die Flächen im Rahmen einer Auditierung begutachtet, teils auch unangemeldet. Für den Handel braucht es nur die Zertifizierung für das AMA-Gütesiegel und Global-Gap.
Zuckermais wird ausschließlich frisch geliefert. Die Idee, in Technik zu investieren und den Mais in Schrumpffolie vakuumiert und vorblanchiert anzubieten, um große Mengen abzubauen, wurde angedacht, aber dann wieder fallengelassen. Der Geschmack von frischem Zuckermais sei einfach nicht zu toppen. Gegen Ende der Grillsaison sind die Konsumenten gewöhnlich „gesättigt“ und der Verbrauch lässt nach. Bis dahin gilt: Zuckermais nicht in Salzwasser kochen, auf dem Grill Röstaromen verleihen und erst danach (oder nach dem Kochen) salzen und mit Kräuterbutter genießen!
Früher dauerte die Erntezeit der heimischen Erzeugung länger. In Zeiten fortschreitenden Klimawandels verkürzt sich die Saison. Um den Ketten ganzjährig Zuckermais anbieten zu können, wird im hiesigen Frühjahr, ca. ab April, Ware aus Spanien, Marokko und dem Senegal zugekauft. Jedoch kann der aus dem Süden herantransportierte Mais laut Lehner geschmacklich nicht mit dem heimischen Produkt mithalten. Für den erntefrischen Zuckermais zahlen Endverbraucher in Österreich zwischen 1,99 und 2,49 € für drei Kolben.
Gute Mitarbeiter finden
Wirklich das Schwierigste sei es für Werner Lehner, per Drittstaatskontingent nach dem Ausländerbeschäftigungsgesetz und je nach Bundesland gute Mitarbeiter zu finden. Das Testen und Impfen in der Corona-Zeit ist ein zusätzlicher Aufwand und Kostenfaktor.
Jede Arbeitskraft hat eine eigene Nummer, anhand derer die Arbeitsqualität kontrolliert werden kann. Es ist wichtig, dass der Mais gut entliescht wird, damit die Packungen nicht an der Lichtschranke der Packmaschine hängen bleiben und sich alles staut.
Es werden 1 400 € Kollektivlohn/Person und Monat inklusive Sozialversicherung und anteilig ein 13./14. Monatsgehalt gezahlt, jedoch kein Akkordlohn. „Von ganz unproduktiven Erntehelfern müssen wir uns leider trennen“, sagt Werner Lehner, „wir sehen, wer arbeiten will und kann.“ Einladungen wie zum Gansessen oder zum Erntefest sind Teil der Personalphilosophie. „Wir sorgen dafür, dass sich die Arbeiter am Wochenende erholen können“, sagt der Unternehmer.
Die Sorgen und Nöte engagierter Gemüseerzeuger sind überall dieselben: Es stellt auch in Österreich eine große Hürde dar, Bewilligungen zum Bau von Mitarbeiterquartieren zu bekommen. Grund dafür ist die Raumordnungsgesetzgebung. Also wohnen die Saison-AK in einem angemieteten Haus in Leonding, von wo sie immer wieder zum außerhalb liegenden Hof transportiert werden müssen. Besonders bei kurzfristig eintreffenden Bestellungen ist das umständlich.
Neue Produkte, effizient erntbar
Werner Lehner denkt immer wieder über neue Gemüseprodukte nach, die er mit einem Betriebsneubau verbinden könnte. Der Grundgedanke dabei ist, dass potenzielle Produkte effizient zu ernten sein müssen und Arbeitswege verkürzt werden können. Mehrere Kürbisvarianten (Hokkaido, Butternut, lange Kürbisse und Zierarten) baut er schon an. Sinnvoll wäre, eine Verarbeitung anzuschließen. Momentan fehlt hierzu vor allem die Kühlhausfläche.
Sohn Franz Lehner (21) hat das Abitur an einer Landwirtschaftlich Höheren Bildungsanstalt absolviert. Demnächst beginnt er mit einem berufsbegleitenden Studium an der Fachhochschule Salzburg. Nach weiteren drei Jahren ist er ausgebildet in Management für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), Arbeitsmanagement und Entrepreneurship. Er sitzt also bestens vorbereitet als Betriebsnachfolger in den Startlöchern. Deshalb ist der Wunsch des Vaters an Handel und Politik, faire Preise und gute Rahmenbedingungen für die nächste Generation zu schaffen, ein sehr verständlicher Wunsch!
Elke Hormes