Gemüse von der Reichenau - von der Bodenseeinsel in die Supermarktregale

MODERN

Von Wasser umgeben, vom Gemüsebau geprägt: die Insel Reichenau im Bodensee Die Insel Reichenau zählt zum UNESCO-Welterbe - das zentrale Firmengebäude der Genossenschaften fügt sich optisch ins Landschaftsbild der Insel ein und trägt Fotovoltaik auf der gesamten Dachfläche<br>Fotos: Reichenau-Gemüse eG

Gemüse von der Reichenau ist im süddeutschen Raum gut bekannt. Die Brücke von einem kleinräumigen Anbau in eine großflächige Vermarktung über den Einzelhandel erweist sich hier seit Jahrzehnten als erstaunlich stabil. Wir haben mit Johannes Bliestle gesprochen, der seit 2000 die Geschäftsführung der Reichenauer Gemüse-Genossenschaften innehat.

Gartenbau-Profi: Herr Bliestle, wir befinden uns hier im Firmengebäude der Reichenauer Gemüse-Genossenschaften, das bald sein 30-jähriges Bestehen feiert – was findet hier außer Pressegesprächen alles statt?

Johannes Bliestle: Das zentrale Element im 1994 fertiggestellten Gebäude war und ist die Sammel- und Verteilstelle für die eigene Ernte sowie die Zukaufprodukte. Effektiv und nach modernen Standards wird hier die Ware aller Mitgliedsbetriebe angenommen, kommissioniert und gepackt. Im Bürotrakt ist die Verwaltung dreier Genossenschaften untergebracht: der Reichenau-Gemüse eG, der Reichenau-Gemüse-Vertriebs eG und der Raiffeisen-Lagerhaus eG; an den Gemüsebau-Beratungsdienst haben wir Büroräume vermietet. Untrennbar mit dem Hauptgebäude verbunden sind die Raiffeisen Lagerhaus eG im Nachbarhaus und der Gemüsepavillion auf dem Parkplatz, den wir an einen Händler verpachtet haben, der hier unser frisches Gemüse direkt an Endverbraucher verkauft.

Gartenbau-Profi: Die Bausumme für die Genossenschaftszentrale betrug 15 Mio. DM  – es gab vermutlich handfeste Gründe, die stattliche Summe in die Hand zu nehmen?

Johannes Bliestle: Allerdings. Der Neubau stellte einen notwendigen Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt der Genossenschaft dar. Bis dato gab es auf der Reichenau vier voneinander unabhängig arbeitende Großhändler, welche die Ware dezentral annahmen und weiterverkauften. Die Reichenau-Gemüse bestand bereits seit 1956 als reine Erzeugergenossenschaft. 2003 wurde die Reichenau-Gemüse-Vertriebs eG als sogenannte Vorschaltgenossenschaft gegründet. Über diese werden die Warenströme gebündelt und sie tritt als einziger Lieferant gegenüber der Kundschaft auf. Mit der neuen Vermarktungseinrichtung löste die Genossenschaft die Großhändler in ihrer Funktion ab. Eine zentrale Vermarktungsplattform war entstanden, die eine eigene Infrastruktur benötigte.

Der Bau einer solch großen Einrichtung auf einer kleinen Insel war dennoch eine Herausforderung. Es gab hohe Anforderungen von Seiten des Landschaftsschutzes – für kostengünstigere, aber optisch weniger stimmige Baukonzepte hätten wir keine Genehmigung erhalten. Neben diesen wenig verrückbaren Voraussetzungen gab es ein drittes Argument für die Investition – aus meiner Sicht das wichtigste: Es gab eine klare Vision, die alle Genossenschaftsmitglieder gemeinsam entwickelt haben. Die gemeinsamen Ziele machten Mut, diesen Schritt zu gehen und die Kosten gemeinsam zu stemmen.

Gartenbau-Profi: Können Sie diese Vision in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Johannes Bliestle: Im Zentrum steht die langfristige, erfolgreiche Produktion und Vermarktung von Gemüse unter Aufrechterhaltung der bestehenden, kleinräumigen und familiären Strukturen hier auf der Insel. Unterziele sind die Förderung von Nischenprodukten als Erwerbsgrundlage für einzelne Betriebe sowie die Vergrößerung der Gesamtfläche und auch des Anteils der Bio-Produktion. Darüber hinaus strebt die Reichenau-Gemüse eG eine nachhaltige Produktionsweise an.

Gartenbau-Profi: Es ist sicher interessant, die reale Entwicklung der Genossenschaften in den letzten Jahrzehnten im Hinblick auf die formulierten Ziele zu beleuchten?

Johannes Bliestle: Ich staune selbst gelegentlich, wie konsistent die Ziele sich zeigen und, wie deutlich sichtbar sich die reale Entwicklung an ihnen orientiert. In regelmäßigen Abständen führen wir Klausurtagungen und Treffen durch, wo wir teils in der Vorstandschaft, teils auch gemeinsam mit allen Mitgliedern, die Visionen für die Genossenschaften besprechen. Im Kern hat sich an den bereits in den 1990er-Jahren formulierten Zielen nichts geändert. Und wenn ich ein paar markante Zahlen anschaue: Die Fläche ist mit den drei „Außenposten“ auf dem Festland um 20 ha unter Glas und 18 ha Fläche Freiland gewachsen, und mit unserem hierfür entwickelten Logo „frisch aus dem Hegau“ ist die Genossenschaft offen für weitere neue Mitglieder, die in der Region, aber nicht direkt auf der Insel angesiedelt sind. Der Umsatzanteil an Bio-Produkten ist von 0,1 % in den 1990er-Jahren auf heute 39 % angewachsen. Und mit Feigen, Ingwer und  Kohlröschen ist es uns gelungen, Nischenprodukte einzelner Erzeuger im großen Stil zu vermarkten. Und schließlich zum Thema Nachhaltigkeit: Auf dem Dach unseres Firmengebäudes ist die größte Photovoltaikanlage der Insel installiert, wir arbeiten zu 100 % mit Ökostrom, die Gewächshäuser in Aach und Mühlingen werden mit der Abwärme einer Biogasanlage geheizt, und immer wieder nutzen wir auch Kooperationen mit Universitäten, um unseren Ressourcenverbrauch zu analysieren und weiter zu minimieren.

Gartenbau-Profi: Wie gelingt die praktische Umsetzung der gesteckten Ziele – wo liegt die Verantwortung der Produzenten und wofür ist die Geschäftsführung zuständig?

Johannes Bliestle: Ich bin der Überzeugung: Die klare Formulierung gemeinsamer Ziele ist nicht nur der erste, sondern auch der wichtigste Schritt zum Erfolg. Daraus entwickelt sich eine Eigendynamik, die nicht zu unterschätzen ist. Im Folgenden ist die Aufgabenteilung relativ klar: Jeder Produzent richtet seinen Betrieb eigenverantwortlich auf das Ziel aus, frisches Gemüse in hoher Qualität zu marktkompatiblen Preisen zu erzeugen und dabei seine eigene Existenz nachhaltig zu sichern. Welche Investitionen, Kulturmaßnahmen etc. dafür am besten geeignet sind, entscheidet jeder für sich. Natürlich erhält er dabei Unterstützung – sei es durch unsere Newsletter, durch den Austausch mit Kollegen oder durch die Anbauberatung, die als eigenständige Institution in unserem Hause residiert. Als Geschäftsführer bin ich von den Mitgliedern beauftragt, die strategische Planung des Großen und Ganzen zu erdenken und umzusetzen. Dazu zählte die Organisation einer Informationsveranstaltung für Anwohner, als es um den Neubau der Gewächshäuser in Singen-Beuren ging; in der letzten Woche habe ich ein Rundschreiben zum Thema Saisonarbeitskräfte in Coronazeiten verschickt. Wenn es um Verhandlungen mit Handel, Politik und Verwaltung geht, kann die Geschäftsführung einer Genossenschaft in aller Regel mehr erreichen als ein einzelner Betrieb. Der rund 100-köpfige Mitarbeiterstamm hier in der Zentrale verteilt sich auf drei Genossenschaften und bewältigt diverse Aufgaben, von der Warenannahme und -aufbereitung über Verwaltung, Kundenkommunikation und Marketing, Informationsaufbereitung für die Mitgliedsbetriebe bis zur kontinuierlichen Entwicklung neuer Produkte und Ideen, um den Zielen ein Stück näher zu kommen.

Gartenbau-Profi: Der Weg des Gemüses vom Acker bis in die Ladenregale ist komplex – wie funktioniert die Logistik, welche Wegstrecke liegt dabei in der Hand der Genossenschaften, was ist an Kooperationspartner delegiert?

Johannes Bliestle: Die Ware aller Mitgliedsbetriebe, einschließlich jener auf dem Festland, wird momentan bei uns in der Zentrale abgeliefert. Qualitätskontrolle, Kommissionierung, Verpackung und Vorbereitung für den Abtransport finden hier statt. Wir verfügen über Kühlmöglichkeiten, doch da wir überwiegend im Ultrafrische-Bereich agieren, dienen diese ausschließlich der Zwischenlagerung über wenige Stunden. Für die Transporte zu unseren Kunden beauftragen wir ein Logistikunternehmen; nur einen minimalen Anteil erledigen wir mit unserem eigenen Fuhrpark, der aus acht LKWs besteht. Die Distribution von den Zentrallagern in die Einzelhandelsfilialen liegt dann ganz in der Hand unserer Großkunden.

Gartenbau-Profi: Wie sieht das Verbreitungsgebiet des Reichenauer Gemüses aus?

Johannes Bliestle: Wir setzen auf kurze Transportwege und vermarkten unsere Ware nahezu vollständig in Süddeutschland. Der Großteil bleibt in Baden-Württemberg, darüber hinaus gehört beispielsweise der Großmarkt München zu unseren Kunden. Der Einzelhandel ist dabei der zentrale Vermarktungsweg, zudem beliefern wir Fachgroßhandel und Großmärkte, Gastronomen und Marktbeschicker. Auf die Zusammenarbeit mit Discountern verzichten wir bewusst – so gewähren wir unseren bestehenden Einzelhandels-Kunden eine höchstmögliche Lieferzuverlässigkeit und auch eine gute Gelegenheit, sich mit unseren Produkten vom Discounter abzuheben.

Gartenbau-Profi: Welche Strategie verfolgen Sie im Marketing?

Johannes Bliestle: Ein Ziel für die Zukunft ist, mit unserer Kommunikation verstärkt die junge Generation zu erreichen. Dabei haben wir das Glück, dass die Insel als UNESCO-Welterbe einen sehr hohen Bekanntheitsgrad besitzt, an den wir mit unseren Werbeaktivitäten gut anknüpfen können. Zudem tragen wir die Frische und Qualität unserer Produkte nach außen und tun zugleich alles dafür, diese Versprechen auch einzuhalten. Unser Auftritt im Internet sowie immer wieder öffentliche Aktionen gemeinsam mit unseren Kunden, Gruppenführungen bei uns und unseren Mitgliedern, ansprechende Verpackungen und immer wieder neue Produktkreationen unterstützen unsere Bekannt- und Beliebtheit. Dass wir das ganze Jahr über ein saisonales Sortiment anbieten können, ist sicher auch von Vorteil, so müssen wir uns nicht jedes Frühjahr neu ins Bewusstsein der Kunden rufen.

Zum Marketing gehört für mich schließlich auch das genossenschaftsinterne Marketing. Ein Beispiel dafür ist die Broschüre „Vorteile einer Mitgliedschaft“, die wir 2015 geschrieben und herausgegeben haben. Es braucht diese intensive interne Kommunikation, um immer wieder neu zu gewährleisten: Das, was wir hier in der Zentrale tun, unterstützt die Mitglieder in ihren Belangen, und die Mitglieder können dies sehen und erfahren. Denn ohne zufriedene Produzenten wird es auf die Dauer auch keine zufriedenen Kunden an den Gemüsetheken geben.

Gartenbau-Profi: Dem Einzelhandel wird oft eine den Erzeugern gegenüber unfaire Preispolitik vorgeworfen – wie erleben Sie die Preisverhandlungen?

Johannes Bliestle: Die Verhandlungen sind in der Tat oft sehr hart – es wird auch mal laut diskutiert und manchmal um halbe Centbeträge für eine Gurke gerungen. Und doch – wir sind Handelspartner auf Augenhöhe. Es kommt nicht selten vor, dass wir uns nach einer harten Verhandlung die Hände schütteln und uns gegenseitig dafür entschuldigen, dass wir die Interessen unserer jeweiligen Auftraggeber so vehement vertreten haben.

Gartenbau-Profi: Haben Sie einen Tipp für Ihre Kollegen, wie eine Preisverhandlung mit dem Handel erfolgreich verlaufen kann?

Johannes Bliestle: Zuerst: Führen Sie Preisverhandlungen frühzeitig - nicht erst, wenn Sie bereits mit dem Rücken an der Wand stehen. Bereiten Sie sich gut vor, bringen Sie handfeste Argumente und Zahlen, mit denen Sie die Notwendigkeit für eine Preiserhöhung begründen können. Stellen Sie zudem glaubhaft dar, warum Ihre Produkte für den Handel ein Alleinstellungsmerkmal oder eine Abgrenzungsmöglichkeit zu Mitbewerbern sind. Machen Sie sich klar, dass Ihre Gesprächspartner nicht gegen Sie, sondern eben für Ihr eigenes Unternehmen arbeiten. Geben Sie ein klein wenig Vertrauensvorschuss und sehen Sie den Einkäufer als Partner auf Augenhöhe und nicht als Gegner im Preiskampf.

Gartenbau-Profi: Das Jahr 2020 war für viele sehr von der Corona-Pandemie geprägt – wie haben Sie die vergangene Saison erlebt?

Johannes Bliestle: Der Gemüsebau auf der Reichenau war von der Corona-Krise relativ wenig beeinträchtigt. Da wir bereits ab Februar einen steigenden Saisonarbeitskräfte-Bedarf haben, waren wir zu Beginn des Lockdowns personell gut ausgestattet. Das Bangen um die Öffnung der Grenzen hat uns wenig betroffen – der gestiegene bürokratische Aufwand dagegen schon. Was wir spüren durften, war die steigende Nachfrage nach regionalen und auch nach Bio-Produkten, die sich positiv auf unseren Umsatz auswirkte. Eine 2020 durchgeführte Erzeugerbefragung zeigte: Der Zusammenhalt ist stark und hat durch die Krise eine neue Qualität gewonnen. Ein Highlight im letzten Jahr war der Dreh des Kurzfilms „Wir für Euch“, in dem Erzeuger ihr Engagement für Verbraucher verständlich erklären. Der Film und die Rückmeldungen der Zuschauer hat das Selbstvertrauen der Erzeuger gestärkt.

Gartenbau-Profi: Und wie blicken Sie in die neue Saison?

Johannes Bliestle: 2021 ist das erste Erntejahr in unserem neuen Bio-Gewächshaus in Singen-Beuren. Die bestehende Gärtnersiedlung wurde hier um 4 ha Bio-Fruchtgemüse erweitert. Ich bin angespannt-optimistisch, wie sich hier und für die Genossenschaft insgesamt der Absatz entwickelt.

Gartenbau-Profi: Welche Themen gilt es in den nächsten Jahren zu bewältigen?

Johannes Bliestle: Das Thema, das mir beim Blick in die Zukunft am meisten Sorgen bereitet, ist der Klimawandel. Auch wenn die Reichenau von Wasser umgeben ist – ich halte es für möglich, dass wir das gesamte Wasser-Versorgungsnetz auf der Insel mittelfristig erneuern müssen, denn der minimale Wasserstand des Bodensees, bei dem es noch zuverlässig arbeitet, kann unterschritten werden, wenn die Sommermonate weiterhin sehr trocken bleiben. Auch im Anbau bringen die steigenden Temperaturen ihre Herausforderungen und im Zweifelsfall steigen die Produktionskosten.

Zudem nimmt die Bedeutung der Digitalisierung zu. Hier im Haus erneuern wir gerade das WLAN, um den Datentransfer für digitale interne Prozesse weiter zu optimieren. Für unsere Mitglieder arbeiten wir an einer App zur Übermittlung von Erntemengen. Und um den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei Ernteschätzungen weiter zu entwickeln, arbeiten wir mit der Universität Kiel zusammen.

Schließlich beschäftigt mich der nicht aufzuhaltende Strukturwandel innerhalb der Mitgliederschaft. Einige Betriebe haben keinen Nachfolger und werden in den nächsten Jahren aufhören – neue Betriebe, die ihre Wurzeln auf dem Festland haben, können hinzukommen. Mit diesen und den neu gegründeten Gärtnersiedlungen im Hegau ist die Gruppe der beteiligten Gärtner heterogener geworden. Für einen alt eingesessenen Betrieb auf der Insel, der nicht mehr als ein oder zwei Mitarbeiter hat, sind andere Themen relevant als für einen neuen Betrieb mit über 100 Mitarbeitern. Auch das Interesse an technischen Innovationen und neuen Investitionen ist von Betrieb zu Betrieb sehr unterschiedlich. Damit ist es anspruchsvoller und zugleich wichtiger geworden, die Genossenschaften immer wieder neu so auszurichten, dass sich jedes Mitglied zugehörig und in seinen Interessen gesehen fühlt.

Gartenbau-Profi: Herr Bliestle, wir bedanken uns für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Katja Brudermann