Vielleicht ist es die Reduzierung in Torfreduzierung, die zu wahren Akronymwunderwerken wie FiniTo, ToSBa, TerZ oder TerZ-BWL führt, vielleicht hatten die Initiatoren von „Fachinformation für Gartenbaubetriebe zur Umstellung auf torffreie und torfreduzierte Kultursubstrate“, „Torfreduzierte Substrate in Baumschulen“, „Einsatz torfreduzierter Substrate im Zierpflanzenbau“ – ob mit oder ohne Betriebswirtschaft – auch einfach Bedenken, die ganze Wahrheit könnte vielleicht nicht sexy genug klingen.
Eines muss man dem Team hinter dem erstgenannten Beispiel aber lassen, nach FiniTo kann nicht mehr viel kommen. Der Frage, ob FiniTo wirklich das ultimative Torfende ist, ließ sich Anfang Juni auf äußerst vergnügliche Weise bei einer Betriebsbesichtigung in einem der am Projekt teilnehmenden Betriebe nachgehen. Denn es steht letztendlich ja außer Frage: Der Abbau von Torf setzt in den Mooren gespeicherten Kohlenstoff als Treibhausgase frei, die zur Erwärmung der Erdatmosphäre beitragen.
Um einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, wird deshalb in Deutschland bis zum Jahr 2030 eine weitgehende Reduzierung des Torfanteils in gärtnerischen Kultursubstraten angestrebt. Dabei setzt die Bundesregierung auf Freiwilligkeit und fördert deutschlandweit Forschungsprojekte, Modell- und Demonstrationsvorhaben sowie Verbundvorhaben wie die oben aufgeführten Beispiele.
Verbundvorhaben FiniTo
FiniTo reiht sich in die Verbundvorhaben ein, bei denen das übergeordnete Ziel der Wissenstransfer in Bezug auf Torfersatz ist. Sowohl über digitale Lehrformate, als auch durch eine betriebsindividuelle Begleitung soll das Wissen seinen Weg in die Praxis finden. Dafür haben sich fünf Institutionen zusammengeschlossen, die gemeinsam das Ziel verfolgen, Gartenbaubetriebe für die Verwendung torfreduzierter oder torffreier Kultursubstraten zu motivieren und sie zu einer Umstellung zu befähigen, ohne dass ihre Wettbewerbsfähigkeit geschwächt wird.
Das Projektangebot richtet sich an den gesamten produzierenden Gartenbau sowie den Friedhofsgartenbau. Die Betriebe werden bspw. bei der Auswahl geeigneter Substrate für die jeweilige Kultur, der Anpassung der Kulturführung und der Kostenkalkulation im Zusammenhang mit der Umstellung unterstützt. Und an dieser Stelle kommt nun Familie Löwer ins Spiel:
Im Jahr 2021 eröffnete das Unternehmen einen neuen Produktionsbetrieb, der mit hochmoderner Technik ausgestattet ist und somit eine effiziente und umweltschonende Produktion ermöglicht. Dieser Gewächshausneubau konnte nun Anfang Juni 2024 besichtigt werden.
Nach der Begrüßung durch den Stellvertreter des Teams FiniTo aus der Region Süd-West, Fabian Heesch, und einleitenden Worten zur Betriebsstruktur und -historie durch die Betriebsinhaber Martin und Andreas Löwer bekamen die Teilnehmer bei einer Führung durch den Betriebsleiter Alexander Werner die Gelegenheit, den mit modernster Technik ausgestatteten Gewächshausneubau zu besichtigen. Im Anschluss an die Betriebsführung blieb bei Häppchen und Getränken Zeit für den weiteren Austausch
Projektpartner Löwer
Die Gärtnerei Löwer war aber nicht nur aufgrund der modernen Technik sowie der nachhaltigen Produktionsverfahren ein geeigneter Ort für einen Austausch zum Thema Torfreduzierung, sondern vor allem auch, weil Löwers seit Jahren eine Branchen-weit anerkannte Vorreiterrolle einnehmen, wenn es um gelebte Nachhaltigkeit geht.
So nahm das Unternehmen zwischen 2019 und 2023 bspw. auch am ebenfalls durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft finanzierte Modell- und Demonstrationsvorhaben TerZ teil. Im Rahmen dieses Projekts reduzierte die Gärtnerei im Verlauf von dreieinhalb Jahren schrittweise den Torfanteil ihrer Produktionssubstrate auf unter 50 Vol.-%, was deutlich unter dem Branchendurchschnitt liegt.
Die Gärtnerei war seinerzeit somit quasi die Speerspitze der Torfreduzierungsbewegung und testete stellvertretend für die gesamte Zierpflanzenbranche erfolgreich den Einsatz von torfreduzierten Kultursubstraten in der gärtnerischen Praxis.
Zu Veranstaltungsbeginn erzählten die Betriebsinhaber, dass die Gärtnerei Löwer ein seit 1877 bestehendes Familienunternehmen ist, das über die Jahre stetig gewachsen ist und inzwischen im Hessischbayrischen insgesamt fünf Gartencenter betreibt.
Traditionell produzierte das Unternehmen schon immer den Großteil der vermarkteten Zierpflanzen in eigenen Gewächshäusern, die entweder den jeweiligen Gartencentern angegliedert waren oder sich an separaten Standorten in der Region befanden.
Im Jahr 2021 eröffnete das Unternehmen den neuen Produktionsbetrieb mit einer Unterglasfläche von 21 100 m2. Der Gewächshausneubau unweit von Aschaffenburg ist zentral zwischen den fünf Verkaufsgärtnereien gelegen, um die Transportwege möglichst kurz zu halten. Durch hochmoderne Technik lassen sich zahlreiche Arbeitsabläufe automatisieren und die Produktion umweltfreundlicher gestalten.
So verfügt der Betrieb beispielsweise über einen vollautomatisch Tor- und Tür-öffnenden sowie autonom fahrenden Gießwagen zur Bewässerung, Düngung und Nützlingsausbringung über die gesamte Fläche, eine Photovoltaik-Anlage mit 59,2 kWp und 45 kWh Batteriespeicher sowie über ein Regenwasserbecken mit einem Fassungsvermögen von 7 000 m3.
Die gesamte Dachfläche ist eingedeckt mit UV-lichtdurchlässigem Weißglas, das für ein natürlich kompaktes Wachstum ohne Hemmstoffe über einen Haze-Faktor von 45 % verfügt. Eine Holzhackschnitzelheizung in Kombination mit einem 500 m3 großen Warmwasserpufferspeicher stellt die Wärme bereit,
Torf oder nicht Torf, das ist hier die Frage
„Aufgewachsen bin ich mit 90 % Torf und 10 % Ton“, berichtete Alexander Werner aus den ersten Jahren seines gärtnerischen Berufslebens im elterlichen Betrieb. „Dann durfte ich ins kalte Wasser springen und musste erst mal die Sperre im Kopf beseitigen.“ Die Herausforderung, bei Löwers fortan möglichst torffrei zu wirtschaften, empfand er als groß, aber machbar.
Nachdem Gärtnerei Löwer im Laufe der Jahre diverse Substratmischungen verschiedener Lieferanten eingesetzt und getestet hatte, haben sie mit einem stark torfreduzierten Substrat mit 40 % Weißtorf nun ein Substrat gefunden, das für fast alle der rund 250 dort produzierten Arten und Sorten erfolgreich verwendet werden kann.
Für die Eigenproduktion der Zimmerpflanzen lassen sich die Löwers eine torfreduzierte Mischung mit nur 50 % Torf, aber ohne Grünschnittkompost separat anliefern. Die zusätzliche Aufdüngung mit einem umhüllten Dauerdünger (1,5 kg/m3) geschieht nur bei den Winterkulturen. Außerdem werden dem Substrat bei allen Kulturen effektive Mikroorganismen an der Topfmaschine zugemischt, um bodenbürtige Pilzerkrankungen zu reduzieren.
Neben den 40 % Weißtorf enthält das Universalsubstrat für Beet, Balkon und den ganzen Rest 30 % Holzfaser, 10 % Grüngutkompost, 10 % Rindenhumus und 10 % Ton. Bei empfindlichen Kulturen wie Cyclamen oder Poinsettien werden zusätzlich Perlite zugemischt, um eine höhere Luftkapazität im Substrat zu gewährleisten. Der pH-Wert des Substrats ist auf 5,8 bis 6,0 eingestellt. Anfangs erhöhte sich dieser regelmäßig durch die Kalkauswaschung des frischen Betonbodens. „Das hat sich aber durch mehrmaliges Säubern wieder gelegt“, erläuterte Werner.
Die Lieferung des Substrats erfolgt lose, während der Saison etwa eine LKW-Ladung pro Woche. „BigBales verursachen Plastikmüll und zudem haben wir im Substrat wegen der Pressung nur wenig Atmung.“.
Auf die Frage aus dem Publikum, wie weit die Torfreduzierung noch voranschreiten werde, antwortete Martin Löwer eher verhalten: „Ab jetzt geht es nur noch in 5-%-Schritten, da es für alle Kulturen in unterschiedlichen Wachstumsstadien und vor allem auch für alle fünf Standorte bei der anschließenden Bewässerung im Verkauf passen muss.“
Tim Jacobsen
(Artikel aus GP 09/24)