Der 24. Februar 2022 wird als Tag in die Geschichtsbücher eingehen, weil er die Weltordnung veränderte und für viele Menschen den Einstieg in eine neue, ungewisse Zeit zur Folge hat. Auch wenn wir von den Geschehnissen am Rande der östlichen Grenze Europas mehr oder weniger weit entfernt sind, verkörpern die Bilder und Schilderungen das Unfassbare, von vielen nicht für möglich Gehaltene.
Präsident Putin verändert mit dieser kriegerischen Handlung nicht nur die Verhältnisse in der Ukraine, er bringt unvorstellbares Leid über viele Menschen und verändert und bringt mit seinem Handstreich die geopolitische Lage am östlichen Rand der EU und damit die weltweiten Machtverhältnisse ins Schwanken. Die Auswirkungen sind schon jetzt (Stand 28. Februar) weitreichend spürbar. Städte und Dörfer in der Ukraine liegen unter Beschuss, Menschen verbringen ihre Zeit in Schutzkellern, Tote, Verletzte und Gefangene sind zu verzeichnen, Angst, Not und Trauer bestimmen das Leben einer ganzen Nation. Man geht von mehr als einer halben Million Menschen aus, die in den ersten Tagen des Krieges ihrer Heimat den Rücken gekehrt und alles hinter sich gelassen haben. Nach vorsichtigen Schätzungen werden ihnen noch Millionen weiterer ukrainischer Staatsbürger folgen.
Ungeachtet von diesem großen Leid und der menschlichen Tragödie, die beschämt und fassungslos stimmt, wird der Konflikt wahrscheinlich weltweit spürbare Folgen haben. Dabei ist zunächst aber einmal das Phänomen einer Solidarität mit dem ukrainischen Volk hervorzuheben, wie man sie schon lange nicht mehr unter den Staaten Europas, mit den USA und weit darüber hinaus erlebt hat. Die westliche Staatengemeinschaft steht nahezu geschlossen zusammen. Noch ist nicht absehbar, welche Auswirkungen die beschlossenen Wirtschaftssanktionen mittel- und langfristig zeigen werden. In einer ersten Reaktion hat der Rubel dramatisch an Wert verloren, gleiches gilt für russische Unternehmen, die an der Börse notiert sind.
Fake-News bestimmen die Informationspolitik in Russland, berichtet wird von einem Friedenseinsatz der Armee. Unklar ist, wie die Stimmung im Land, dessen Fläche sich über mehrere Zeitzonen erstreckt, tatsächlich ist. Man hat den Eindruck, dass die Solidarität mit dem Regierungsapparat in weiten Teilen noch vorhanden ist. Erste Proteste gegen die Kriegshandlungen werden im Keim erstickt. Die von der Gesellschaft wirtschaftlich abgehobene Elite bekommt die Sanktionen zuerst zu spüren, lebt aber (zunächst) weiter auf höchstem Standard, das „normale“ Volk dürfte aber auch in Kürze erste Folgen der Sanktionen verspüren. Offen bleibt, was dann geschehen wird.
Zurück nach Westeuropa und nach Deutschland – auch auf unsere Branche wird der Konflikt unübersehbare Auswirkungen haben. Die Erschwernis internationaler Finanztransaktionen wird den Warenverkehr und die Warenströme binnen kurzer Zeit verändern. Für den Export nach Russland vorgesehene Produkte werden sich einen neuen Bestimmungsort suchen müssen, ob dies Äpfel aus Polen, Erdbeeren aus Ägypten, Tomaten aus Spanien oder Marokko sind. Die Folgen kennen wir. Noch ist nicht die Hauptsaison für viele unserer heimischen Erzeugnisse, aber es bleibt sehr zweifelhaft, ob bis dahin ein Weg zurück zur alten Normalität möglich ist.
Und wie wird die Lage auf dem Arbeitsmarkt aussehen? Die Bewältigung der Corona-Pandemie und die anstehende Erhöhung des Mindestlohns beschäftigen unsere Branche schon weit über alle Maße. Nun kommt der Konflikt in der Ukraine noch hinzu. Völlig unklar ist, welche Auswirkungen dies für den Bereich der Saisonarbeitskräfte haben wird. Wie ist die Bereitschaft der Menschen in Polen, Rumänien, Bulgarien u.a. in dieser Situation ihre Heimat zu verlassen, um eine Saisontätigkeit in Deutschland aufzunehmen? Geben die Staaten vielleicht ein Regelwerk vor, das es bestimmten Gruppen (z.B. jungen Männern) gar nicht ermöglicht auszureisen? Wie sieht es möglicherweise mit der Beschäftigung ukrainischer Flüchtlinge aus? Dies alles sind ungeklärte Fragen.
Was bleibt, in einer Situation, in der die Worte manchmal fehlen – im Namen unserer Redaktion wünsche ich Ihnen, Ihren Betrieben und Mitarbeitern Zuversicht und alles Gute für die bevorstehende Saison.
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Zitat: „Völlig unklar ist, welche Folgen der Konflikt in der Ukraine für unsere Branche haben wird.“