Es geht nur miteinander

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Torsten Ellmann, Präsident des Deutschen Imkerbundes e.V. (DIB) im Gespräch mit Gartenbau-Profi.

Seit 2019 ist Torsten Ellmann Präsident des Deutschen Imkerbundes. Zuvor war er acht Jahre lang Vorsitzender des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern. Der 55-jährige Diplom-Chemiker ist ein Mann der Praxis. Neben seinem Beruf in einer Apotheke hält er ca. 25 Bienenvölker und leitet nach eigenen Angaben Europas größten Branchenverband, den Deutschen Imkerbund, der mit seinen 19 Landesverbänden ca. 135 000 Mitglieder zählt, von denen ca. 95 % Freizeitimker sind und ca. 5 % die Imkerei erwerbsorientiert betreiben.  

Was wären Obst- und Gemüsebauern ohne Bestäubungsinsekten? Und was wären Imker ohne die Landwirtschaft? Diese Diskussion befasst schon Generationen von Menschen, aber wahrscheinlich wurde die Diskussion um die Rolle der beiden selten zuvor so offen und breit in der Gesellschaft geführt wie in der Gegenwart. Die angekündigte und eingeleitete „Transformation der Landwirtschaft“ dürfte dem noch weiteren Nährboden verschaffen. Torsten Ellmann kennt diese Diskussion und die unterschiedlichen Positionen aus vielen Gesprächen. Auf der Suche nach Lösungen rät er dazu, die Dinge ganzheitlich zu betrachten und sich mit den Beweggründen für das Handeln und die Auffassung derjenigen, die eine andere als die eigene Meinung vertreten, einmal zu befassen.

Gartenbau-Profi: Herr Ellmann, in Verbindung mit dem Insektensterben wird die Landwirtschaft häufig als Verursacher genannt – ist dies nicht zu kurz gegriffen?

Präsident Ellmann: In Ihrer Frage schwingt das Bienensterben untergründig ein wenig mit. Aus unserer Sicht ist es eine zu einseitige Betrachtung, wenn man nur die Landwirtschaft, zu der auch der Obst- und Gemüsebau genauso gehört wie die Imkerei, verantwortlich macht. Wir haben in Deutschland Flächenversiegelung in erheblichem Umfang und vernichten damit wichtige Lebensräume von Wildbienen. Ein weiterer Aspekt ist die Beleuchtung. Wir sehen nicht immer insektenfreundliche Beleuchtungen, haben Nachtbeleuchtungen, die es Insekten unmöglich machen, sich am Sternenhimmel zu orientieren, einfach weil die Helligkeit zu groß ist.

Wenn wir etwas zum Positiven verändern wollen, müssen wir die Dinge als Gesamtheit betrachten, ungenutzte versiegelte Flächen wieder entsiegeln und ökologisch aufwerten. Streuobstobjekte oder den Boden sich einfach mal selbst zu überlassen und zu schauen, was sich dort entwickelt und welche Lebensräume sich bilden, sind z.B. eine Möglichkeit. Ein Großteil der Wildbienenarten lebt oder hat seine Nistplätze im Boden, aber es gibt auch Stengelbrüter. Wenn man die Natur einmal der Natur überlässt, können wir eine Verbesserung der Biodiversität erreichen. Die vorherige Bundesregierung hatte als Ziel, die Reduzierung des täglichen Flächenverbrauchs von 70 ha auf 30 ha bis zum Jahr 2030 formuliert. Doch dies greift noch zu kurz. Für jede versiegelte Fläche müsste es eine ökologisch aufgewertete Ausgleichsfläche geben, als Bienenweide, mit Hecken oder als Refugium für Insekten, Vögel oder Kleinwild.

Beim Thema Beleuchtung muss daran gearbeitet werden, dass wir insektenfreundliche Beleuchtungen verwenden und einmal überdenken, wo eine Beleuchtung unbedingt erforderlich ist. Hier tragen die Städte und Kommunen gemeinsam mit den Bürgern Verantwortung. Daher ist der DIB auch Mitglied im Aktionsbündnis Kommunen – biologische Vielfalt, um dort z.B. unsere Kritik am Trend zu Schottergärten deutlich zu machen und Verständnis dafür zu schaffen, dass wir keinen englischen Zierrasen brauchen, sondern auch in den Städten geeignete Lebensräume und Futterquellen für Insekten schaffen müssen  und der Natur zurückgeben, was wir ihr genommen haben.

Gartenbau-Profi: Sie haben zur Landwirtschaft bisher noch keine Stellung bezogen, obwohl sie in der gesellschaftlichen Diskussion und in der Presse immer an vorderster Front genannt wird - trägt die Landwirtschaft keine Verantwortung?

Präsident Ellmann: Die Landwirtschaft muss ökologischer werden und die neue GAP schafft auch Elemente dazu. Man kann darüber streiten, ob die Vorgaben reichen oder nicht. In den Eco Schemes sind Elemente enthalten, die dazu beitragen werden, dass die Landwirtschaft ein ökologischeres Gesicht erhalten wird. Entsprechend wird die zweite Säule aufgestockt und demzufolge sind die Maßnahmen in den Ländern so zu gestalten, dass wir zu mehr Vielfalt kommen.

Wenn man den Obstbau betrachtet, ist er ein wichtiger Bereich für Bestäuberinsekten. Wildbienen und Honigbienen stehen im Einklang und sorgen für mehr Bestäubung und bessere Ernten. Aber im Obstbau bestehen – ähnlich wie im Weinbau – noch zahlreiche Möglichkeiten zur Optimierung der Biodiversität, z.B. durch das Anlegen von Blühstreifen, durch eine Mulchtechnik, die im mittleren Segment der Fahrgassen einen Bereich ausspart; u.a. Spargelbauern können an den Vorgewenden oder zwischen den Reihen einen wunderbaren Blühstreifen oder eine insektenfreundliche Begrünung anlegen. Unter der Umsetzung dieser oder ähnlicher Maßnahmen darf die Bewirtschaftung der Flächen aber nicht zu sehr beeinträchtigt werden.

In der klassischen Landwirtschaft werden schon viele Blühstreifen oder auch Blühwiesen angelegt. Darüber hinaus kann man zur Unterbrechung monotoner Flächen (z.B. Maisflächen) biologische „Banks“ anlegen, die z.T. vernetzt sind und mehr Vielfalt bieten. Eine Anlage solcher „Banks“ bietet sich auch auf großen Gemüseflächen an und wird von einigen Betrieben schon praktiziert. Ein Vorteil dieser „Banks“ ist, dass man durch das Aufpflügen eine dem Wind abgewandte und eine zugewandte Seite hat. Die Anlage solcher „Banks“ ist zwar etwas aufwändiger im Vergleich zu den Blühstreifen, sie bieten jedoch auch einen höheren ökologischen Wert.

Wir dürfen also nicht übersehen, dass die Landwirte schon einiges unternehmen und in bestimmten Bereichen deutliche Verbesserungen erreicht wurden. Die Landwirtschaft hat verstanden, dass sie etwas für den Klima- und Naturschutz unternehmen muss und die Politik hat verstanden, dass solche Zusatzleistungen honoriert werden müssen, weil die Gesellschaft ein Interesse und einen Nutzen davon hat. Uns sollte bewusst sein, dass wir die Menschen nicht alleine mit dem ökologischem Landbau versorgen können. Die Ernährungssicherheit muss gegeben sein, und dies auch zu Lebensmittelpreisen, die Menschen im unteren Bereich der Einkommensskala bezahlen können. Aber wir können aus meiner Sicht einmal schauen, wo beide Systeme – konventionelle und ökologische Landwirtschaft – ihre Vorzüge haben und wie wir aus diesen vielleicht eine Form von „Hybridlandwirtschaft“ kreieren können.

Ich denke, dass wir auf dem Weg dorthin nicht in Vorwürfe verfallen, sondern nach tragfähigen Lösungen suchen sollten. Die Frage lautet, wie wir im Einklang von Natur und Umwelt unter Beachtung der Ernährungssicherung für mehr biologische Vielfalt sorgen können. Zum Erreichen dieses Ziels müssen wir uns gemeinsam an einen Tisch setzen. Ich habe wenig Verständnis dafür, wenn einige Gruppen, die vielleicht stellenweise auch etwas polarisieren, Forderungen stellen und sich dann zurückziehen, wenn sie selber einen Beitrag leisten sollen. Als DIB sind wir absolut bereit dazu, an konstruktiven Lösungen mitzuwirken und den Dialog zu suchen. Meine Prämisse lautet, dass es sowohl für die Natur als auch den Obst- und Gemüsebauern handelbar sein muss und er für die Förderung der Biodiversität einen Ausgleich erhält und nicht die Gefahr besteht, den Status des Ackers zu verlieren.

Doch nicht immer bedeutet gut gemeint auch gut gemacht. Lassen Sie mich dies an einem Beispiel aus dem Weinbau einmal deutlich machen. In Rheinland-Pfalz haben einige Winzer den Beiwuchs unter den Reben stehen lassen. Wir haben den Pollen der Pflanzen, die dort wuchsen, untersuchen lassen und festgestellt, dass dieser auf Grund von Abdrift (genauso wie der von diesen Flächen gewonnene Honig) nicht verkehrsfähig ist. So war das ursprüngliche Ziel positiv, das Ergebnis am Ende aber negativ. In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie wichtig es ist, dass Imker und Erwerbsanbauer das Gespräch suchen und sich austauschen. Der Erzeugerbetrieb will seine Früchte nutzen, der Imker seinen Honig.

Gartenbau-Profi: Im Sonderkulturbereich sind zur Sicherung der Ernte, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit Flächen mit Folien und Tunneln bedeckt. Was kann die Praxis, die z.T. in der Kritik mit diesen Verfahren (die weltweit genutzt werden) steht, unternehmen, um einen gewissen Ausgleich zu schaffen?

Präsident Ellmann: Zum Ausgleich bieten sich schmale Blühstreifen zwischen oder am Rand der Tunnel oder Folienflächen an, oder z.B. vertikale Anlage mit mehreren Etagen und unterschiedlichen Populationen. Man könnte daraus ein Forschungsprojekt schaffen und untersuchen, wie sich Wildbienen und andere Insektenpopulationen entwickeln. Wir brauchen die  Gewächshäuser und Tunnel, um vernünftige Ernten zu erzielen. Uns allen ist bewusst, dass man etwas anbaut, um damit  Geld  zu verdienen. Gleichzeitig entnimmt man etwas der Natur zu Lasten der Vielfalt. Man kann versuchen, dies auf geschickte Weise auszugleichen. Warum sollte man diesem Thema nicht einmal ein Forschungsprojekt widmen.

Gartenbau-Profi: In die Vermittlung von Bienenvölkern an Obstbauern sind immer häufiger Dienstleister eingebunden – wie beurteilen Sie dies aus Sicht des Branchenverbandes?

Präsident Ellmann: Aus meiner persönlichen Sicht finde ich es besser, wenn der Obstbauer direkt mit dem Imker verhandelt, den Standort und geplante Pflanzenschutzmaßnahmen, Sicherheitsapekte und Zugangsmöglichkeiten bespricht. Mir wäre ein direkter Kontakt wichtiger als eine Plattform zu nutzen und zu schauen, welche Möglichkeiten angeboten werden. Unabhängig davon, finde ich es gut, dass es solche Plattformen gibt.

Aber die meisten Landesverbände des DIB bieten auch eine Vermittlung an: So gibt es in Niedersachsen z.B. das Projekt „Biene trifft Bauern“, in Bayern den Blühpakt oder in Mecklenburg-Vorpommern das Bienenweide-Programm. Wünschenswert ist, dass Mitglieder des regionalen Bauernverbandes und der Imkervereine sich treffen und austauschen. Sie schaffen damit die Grundlage für eine Win-Win-Situation, von der letztendlich alle profitieren.

Warum haben die Imker Interesse daran, welche Pflanzenschutzmaßnahmen durchgeführt werden – weil es  Auswirkungen auf den Honig hat, den sie verkaufen. Auf der anderen Seite sollte der Obstbauer wissen, warum die Applikation durchgeführt wird. Der Bauer will die Pflanze gesund erhalten und die Ernte verkaufen. Er führt doch keine Applikation durch, weil er zu viel Geld hat – das muss kommuniziert werden. In Planung ist eine Broschüre zur Aufklärung, an deren Erstellung das JKI, der DBV, das BVL, das BVR und der DIB beteiligt sind. Darin sollen u.a. Vorzeigeprojekte aus der Praxis vorgestellt werden. Ziel ist es, gegenseitig Verständnis für das eigene Handeln zu schaffen.

So gibt es z.B. in den verschiedenen Anbauregionen Pflanzenschutzhinweise für die Obstbauern. Für die Imker wäre es ebenfalls interessant, solche Infos zu erhalten, um so im Vorfeld erforderliche Maßnahmen oder Absprachen mit dem Obstbauern zum Schutz der Bienen treffen zu können. Im Nachgang Vorwürfe gegenüber dem anderen zu formulieren, ist einfach – unsere eigentliche Aufgabe ist es jedoch, zu schauen, wie es besser gemacht werden kann. Probleme gibt es genug, wir müssen nach Lösungen suchen.

Gartenbau-Profi: Müssen die Obst- und Gemüsebauern sich für die Zukunft Sorgen machen, dass nicht mehr ausreichend Bienen zur Bestäubung ihrer Kulturen zur Verfügung stehen?

Präsident Ellmann: Für Honigbienen schließe ich das klar aus. Wir haben genug interessierte Imker und wenn Bedarf an Bestäubung vorhanden ist und eine Prämie gezahlt wird, stehen sicher ausreichend leistungsfähige Bienenvölker zur Verfügung. Der Begriff des Bienensterbens bezieht sich auf die Wildbienen. Die zuvor schon genannten Faktoren sowie Klimaveränderungen und landwirtschaftliche Nutzungsänderungen führen zu einer Schwächung bzw. zum Aussterben einiger Wildbienenarten. Wir müssen genau beobachten, welche Wildbienenarten betroffen sind und welche Lebensräume und Nahrungsquellen wir schaffen müssen. Daher ist auch das von der Bundesregierung angestrebte Monitoring so wichtig.

Die Honigbienen werden von Imkern betreut und ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in die Gefahr kommen, dass zur Bestäubung nicht ausreichend Bienen zur Verfügung stehen. Wir müssen uns gemeinsam für die Wildbienen interessieren, die z.B. für Freilanderdbeeren so wichtig sind. Die Erdbeere ist eine Sammelnussfrucht und wenn man schöne Fruchtformen erntet, hat das Zusammenspiel zwischen Honig- und Wildbienen gut funktioniert. Dazu gibt es sehr schöne Untersuchungen.

Gartenbau-Profi: Wie blicken Sie als Präsident eines Verbandes mit 135 000 Mitgliedern in die Zukunft?

Präsident Ellmann: Ich glaube, wenn wir eine Vernetzung der Akteure erreichen und die Nöte und Zwänge sowie die Bedürfnisse der Gegenseite verstehen, können wir gemeinsam dazu beitragen, Lösungen zu finden, um uns für die Zukunft fit zu machen und dem Gemeinwohl näher zu kommen. Eine polarisierende Atmosphäre bringt uns nicht weiter. Wir müssen demütig und verantwortungsvoll mit unserer Natur umgehen, mit den uns anvertrauten Tieren – dann können wir gemeinsam etwas leisten. Ich erkenne in unserem Verband die Bereitschaft, sich dementsprechend zu entwickeln.

Das Gespräch führte Thomas Kühlwetter