Energieintensive Topfpflanzenkulturen am Scheideweg

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Fusarium ist nicht das Hauptproblem der Phalaenopsisproduzenten derzeit, aber ein nicht zu unterschätzendes (wie bei so ­vielen Kulturen). Fusarium oxysporum und F. solani werden dabei gerne von F. proliferatum be­gleitet</br>Foto: Jürgens

Es ist ein bisschen wie bei den Supertankern: genügt auf der Autobahn im Regelfall die Dreisekundenregel, um rechtzeitig stoppen zu können, zeigt ein alle-Maschinen-auf-volle-Kraft-zurück auf hoher See erst deutlich später Wirkung. Genauso ist es gerade auch auf dem Phalaenopsismarkt:
Erst in den letzten Wochen begann sich die Großinvasion der Ukraine durch Russland und damit in Verlängerung die Energiepreiskrise bemerkbar zu machen. Die Gewächshäuser derjenigen, die ihr Heil in einer radikalen Änderung ihres Lebensentwurfs sahen, laufen zunehmend oder stehen bereits leer, die allgemeine Warenverfügbarkeit geht zurück und die Preise steigen.

Der niederländische Phalaenopsiszüchter und -vermehrer Floricultura hat in den Monaten seit 24. Februar 2022 zwar viele Kunden verloren, glaubt aber immer noch an das Produkt – oder wie sich Marketingleiter Marc Eijsackers zitieren lässt: „Die europäischen Produktionsmengen werden in nächster Zeit nicht steigen, aber eine Zukunft für Phalaenopsis gibt es ganz bestimmt. Gerade auch wegen des Züchtungsfortschritts - insbesondere, was Blühdauer, Anzuchtgeschwindigkeit und Kältetoleranz angeht.“

Gaslieferverträge verkauft

Unter den Aussteigern haben viele in Zeiten der Energiepreiskrise ihre seinerzeit noch günstigen Gaslieferverträge verkauft und die Produktion gestoppt. Auch so mancher derjenigen mit etwas ungünstigeren Lieferverträgen stieg aus, und mindestens in einem Fall blieb nur der Ausweg Konkurs. Laut Cor Middelkoop, Produktmanager für Topforchideen bei Royal FloraHolland, war davon in der Vermarktung im ersten Quartal 2023 noch nicht viel zu merken:
„Zwei Handvoll Produzenten sind gestoppt, deren Gewächshäuser sollten mittlerweile so gut wie leer sein. Im zweiten Quartal kamen da noch ein paar dazu, sodass erst Ende des Sommers die Konturen der neuen Produktionslandschaft tatsächlich zu erahnen sein werden. Wir gehen davon aus, dass die Produktion zum Jahreswechsel im Vergleich zu 2022 um rund ein Drittel niedriger sein wird.“
Was erst jetzt im Markt zu sehen ist, war letztes Jahr bei Floricultura schon deutlicher sichtbar. Die Bestellungen gingen zurück; rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden auf später vertröstet sowie ein Standort geschlossen. Eijsackers weiter: „Ein wesentlicher Teil der europäischen Produktion ist verloren gegangen.“

Da nicht für, wie es im Norddeutschland so schön Blutdruck-senkend heißt: „Auf anderen Kontinenten sieht es besser aus, besonders in Nord- und Südamerika. In Ländern, in denen weniger geheizt werden muss wird, und deren Ökonomie sich im Aufwind befindet.“
Nach Jahren des Überangebots und sinkender Preise war es ausgerechnet die Coronazeit, die den Phalaenopsis wieder ein bisschen auf die Beine half. Nachfrage und Preise stiegen, und das obwohl ausreichend Ware in allen Markt- und Preissegmenten verfügbar war. Dann kam die Energiepreiskrise und jetzt scheint es so, als ob aufgrund abnehmender Warenverfügbarkeit Phalaenopsis wieder zunehmend zu einem Fachhandelsprodukt würden.

Social Media helfen bei der Weitervermittlung

Aardse Orchids im niederländischen Zuidbroek zog am 1. April auf 12,5 ha den Phalaenopsis-Stecker. Rund 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren davon betroffen. Ein Post auf LinkedIn mit dem Aufruf, den vom Produktionsstopp betroffenen Menschen zu helfen, löste hunderte von Reaktionen aus. Die Medien sprangen auf den Zug auf und bald waren die Kantinenwände tapeziert mit Stellenangeboten.
Aber auch am anderen Ende zwischen Ex- und Intensivierung geht es immer weiter: bei Opti-flor in Monster sorgt seit dem Frühjahr der Halbautomat Orchipot für eine Arbeitseinsparung von rund einem Drittel der sonst üblichen Handarbeit – neben Energie einer der Hauptkostenpunkte. Zwischen drei und dreieinhalb Millionen Phalaenopsis-plugs werden jährlich getopft, seit Neuestem nach einer händischen Vorsortierung bis zur optimalen Ausrichtung der Blätter auf dem Kulturtisch vollautomatisch.
Bis zu 3 200 Töpfe in der Stunde sind möglich. Wobei es deutlich schneller gehen könnte. Was aufhält, sind die verschiedenen Sorten auf der einen, sowie die verschiedenen Endproduktkategorien auf der anderen Seite. Aber wahrscheinlich machen die Minis und Maxis, die verschiedenen Farb- und Musterkombinationen, die Variation in der Anzahl Blüten genau den Reiz aus. Was aber kann neben einem nachfrageorientierten Angebot noch dabei helfen, gut durch den nächsten Winter zu kommen?

Spartipps vom Profi

Die Ratschläge vor einem Jahr lauteten, in der Anzuchtphase genau zu überlegen, ob es wirklich 30 °C sein müssen - wobei darauf verwiesen wurde, dass nicht die Assimilationsrate sondern ein Gleichgewicht aus A- und Dissimilation letztendlich die Pflanzenqualität bestimmen. Auch was relative Luftfeuchtigkeit angeht, gab es ein Umdenken in Richtung Feuchtigkeitsdefizit. Und da tut sich schnell eine ganz neue Welt auf, wenn man sich in die Funktionsweise der Stomata vertieft.

Was die Nachttemperaturen angeht, so sollten diese nicht global sondern direkt als Pflanzentemperaturen gemessen werden. Unter 25 °C stellen Phalaenopsis spätestens ihr Wachstum ein. Das Ausmaß der künstlichen Belichtung sollte auf jeden Fall mit der natürlich vorhandenen Einstrahlung koordiniert werden und kann gegebenenfalls bereits Wochen vor der Blüteninduktionsphase reduziert werden.

Tim Jacobsen

(Artikel aus Gartenbau-Profi 20/2023)