Endlich mal eine Zwiebel-Talkshow

MODERN

2020/2021 wird nicht zuletzt als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem aus Büros Fernsehstudios wurden, Ringlichter auf einmal nicht mehr nur Instagram-Dramaqueens vorbehalten waren und so mancher seine sonst vor allem in der Freizeit zum Ausdruck gebrachten Entertainerqualitäten endlich auch einmal im Brot- und Butterberuf nutzen durfte. Nachdem Hazera-Zwiebelexperte André Boot schon während der digital abgehaltenen Open Dagen Ende September 2020 in einer der Mittagspausen für musikalische Furore gesorgt hatte, steuerte er Ende Februar die Hazera on(ion) tour-Talkshow mit ruhiger Hand durch thematisch durchaus kontroverse Fahrwasser.

Mit Chayenne Wiskerke, Reinout de Heer und Martijn Derikx hatte er geballte niederländische Zwiebelexpertise am Tisch sitzen, zugeschaltet wurde Menno van der Vlies, der Jelle Bruin besuchte und dort Zwiebeln im Lager sehen ließ, an denen es nichts auszusetzen gab. Zu Beginn standen Anbauflächen und Erträge sowie die Erkenntnis, dass immer mehr Zwiebeln aus dem Südwesten der Niederlande Richtung Osten in andere Landesteile abwandern, auch der Zwiebelanbau in Belgien profitiert von dieser Entwicklung. Einhergehend damit spielt der Anbau von lagerfähigen Zwiebeln auf Sandböden eine immer größere Rolle.

Zu den Zwiebelpionieren im Osten der Niederlande zählen Thijs und Martijn Derikx. Martijn Derikx machte kein Geheimnis daraus, dass die mangelnde Rentabilität des Anbaus der meisten Ackerbaukulturen diesen Schritt leicht gemacht hätte. Mittlerweile bauen Vater und Sohn auf knapp 30 ha Zwiebeln an, ein State-of-the-art-Kondenstrocknungslager rundet seit letztem Sommer das Komplettbild des zwischen Venlo, Eindhoven und Nijmegen gelegenen Betriebes ab. Berufskollegen folgen und wurden früher bei neuen Kulturen testweise eine kleine Handvoll Hektar zum Probieren gedrillt, geht es heutzutage meistens gleich mit 20, 30 ha in die Vollen.

Das verändert dann auch die Warenströme, saß Wiskerke noch bis vor wenigen Jahren strategisch günstig mitten im Hauptanbaugebiet, werden nun die Transportstrecken doch etwas länger. Ein bisschen zurechtruckeln brauche das Ganze noch: Da werde dann unter den Newcomern zuweilen auf Kilos statt auf Qualität gesetzt und nicht bedacht, dass der Nettoertrag dann letztendlich das entscheidende ist und mit einer früheren Ernte zwar weniger Kilos vom Feld abgefahren worden wären, aber eben auch eine Menge sortieren hinfällig geworden wäre.

Die Frage, ob denn dann, wenn sich der Anbau tatsächlich Richtung deutsch-niederländische Grenze verlagere nicht auch die Stunde der deutschen Zwiebelbauern schlage, beantwortete Wiskerke damit, dass sie natürlich nichts gegen deutsche Zwiebeln habe und auch bisher immer mal wieder deutsche Zwiebeln verkauft hat, sie aber grundsätzlich davon ausgehe, dass es in den Niederlanden genug Zwiebeln gäbe und der deutsche Markt eigentlich anders ticke und eine Geschichte für sich sei.

Die Zwiebelanbauer, die vom brackigen Grundwasser Zeelands am Bewässern gehindert werden, verlegen sich zusehends auf möglichst frühe Pflanzzwiebeln, um die Ernte bereits eingefahren zu haben, bevor die hohen Sommertemperaturen kommen. Bisher zumindest wurden diese frühen Zwiebeln vom Markt gut angenommen. Etwas schwieriger – will sagen hauptsächlich deutlich teurer – ist es geworden, Zwiebeln in ferne Länder zu schicken. Da Corona die ganze Containerlogistik ins Wanken gebracht hat, koste es derzeit zuweilen das fünf- und sechsfache, Zwiebeln an ihren Bestimmungsort bringen zu lassen.

Grundsätzlich seien die Monate seit den ersten Coronamaßnahmen Wiskerke zufolge nicht unbedingt ein Grund zum Jammern, schließlich wurden über Lebensmitteleinzelhandel 30  - 40 % mehr Zwiebeln abgesetzt und auch die Exportziffern stiegen. Gleichzeitig würden global gesehen aber auch immer häufiger protektionistische Maßnahmen einzelner Länder das Geschäft nicht einfacher machen. Derikx sah das sportlich, auch wenn er in den vergangenen Jahren vielleicht von den Zwiebelpreisen etwas verwöhnt wurde, sei ihm durchaus bewusst, dass es auch Jahre geben wird, in denen es auch einmal weniger als 10 ct für Rohware ab Feld geben wird.

Hazeras Global Product Manager Allium Reinout de Heer wies darauf hin, dass mit der Verschiebung des Anbauareals auch andere Zwiebeltypen nötig werden und die passende Sorte eben auch immer lokal angepasst sein müsste, selbst wenn der Fokus von Hazeras Zwiebelzüchtung seit jeher auch auf Schalenfestigkeit und Robustheit der Zwiebeln liege – Eigenschaften die sich wie ein roter Faden durch das Hazera-Sortiment ziehen und die traditionell in der Vermarktung gern gesehen werden. Mit Blick auf Zwiebelsorten, die Langtag und spanische Typen in einer Zwiebeln vereinen, erinnerte de Heer daran, dass es durchaus auch einmal wieder Sommer geben könne, die mehr so sind, wie Sommer früher einmal waren und dass dann ganze Felder in Blüte stehen könnten.

Zur Anschauung, wie Zwiebeln im Lager idealerweise aussehen sollten, gab es einen Einspieler zu sehen, indem van der Vlies und Bruin sich schnell einig waren, wie die perfekte Zwiebel auszusehen habe: uniform, schalenfest, robust und mit der passenden inneren Struktur. Steilvorlage vor Wiskerke, die einmal mehr unterstrich, dass Qualität über allem stehen müsse. Das gelte für die Exporte Richtung Afrika und noch viel mehr für die Exporte Richtung Asien. Während Afrika mittlerweile für knapp 60 % der niederländischen Exporte steht, wird es immer herausfordernder für die zweite Hälfte der Vermarktungssaison Abnehmer zu finden, wenn in Afrika nach und nach Importrestriktionen gelten.

Die Zwiebelpreise werden dann auch besonders in den letzten Monaten der Vermarktungsperiode immer volatiler. Eigentlich könne ein Durchverkaufen der Zwiebeln nur mehr gelingen, wenn irgendwo anders etwas in größerem Maßstab schief gegangen ist. Ende 2020 hielt der Monsun Indien zu lange im Griff, was die dortige Zwiebelernte deutlich dezimierte, weshalb nun Sri Lanka und Bangladesch vermehrt Zwiebeln aus den Niederlanden nachfragen – schließlich  ist Indien zweitgrößter Zwiebelexporteur der Welt, nach den Niederlanden. Ein treuer Kunde bleiben werde Großbritannien, so Wiskerke weiter. Zwar könnte der Zwiebelanbau dort durchaus für den einen und anderen lukrativ werden, zur Selbstversorgung werde es aber auf absehbare Zeit nicht reichen.

Planet proof und Milieukeur werden auf absehbare Zeit mit einem Mehrpreis belohnt werden, den größten Mehrwert sah Wiskerke allerdings im Zertifizierungsprozess, wenn Betriebsabläufe auf den Prüfstand gestellt werden. Die Frage, warum in Belgien und Deutschland die Herbizidsituation entspannter als in den Niederlanden ist, wurde mit politischen Motiven erklärt. Entwarnung, was die Situation bei den Keimhemmern angeht, konnte keine gegeben werden.

Tim Jacobsen