Schon in seiner Lehrzeit liebäugelte Elmar Gimperlein mit dem Kresseanbau. Eine längere Krankheit zwangen ihn und seine Familie später zur Realisierung dieser Idee: Den Einstieg in die gut automatisierbare Kresseproduktion.
Leider konnten Elmar Gimperleins Eltern der Kresseproduktion nicht viel abgewinnen. Dabei war dem jugendlichen Betriebsnachfolger schon früh klar: Der Anbau dieser Kultur kann durch Mechanisierung, ja Automatisierung, sehr gut gesteuert werden. Bei ergonomisch günstiger Arbeitshaltung verteilt sich die Produktion ohne Arbeitsspitzen aufs ganze Jahr und damit auch das Einkommen. Denn Kresse wird ja auch ganzjährig nachgefragt.
Nach der Betriebsübernahme 1985 blieb es zuerst einmal bei der breiten Anbaupalette. Das änderte sich 1990 schlagartig, als sich Betriebsleiter Elmar Gimperlein eine langwierige Krankheit zuzog und für längere Zeit ausfiel. Ehefrau Margit sah sich damit konfrontiert, den Gemüsebaubetrieb mit zwei kleinen Kindern praktisch alleine weiterzuführen. Zur Lösung des Problems wurde der Freilandanbau komplett zurückgefahren und nur noch auf den gut rationalisierbaren Kresseanbau gesetzt.
1992 bot Lebensmitteleinzelhändler Rewe an, Kresse im Vertragsanbau zu produzieren und drang gleichzeitig auf Produktionssteigerung. Margit und Elmar Gimperlein siedelten an den Ortsrand Albertshofens aus und bauten 1997 eine 0,45 ha große, ausschließlich auf Kresse spezialisierte Produktionsstätte. 2008 erfolgte die Erweiterung auf 0,75 ha.
Sieben Tage die Woche
Die weitgehend automatisierte Kressenproduktion erfordert relativ wenige Arbeitskräfte. Elmar, Margit und Betriebsnachfolger Christian Gimperlein sind allerdings sieben Tage in der Woche im Betrieb präsent. Elmar Gimperlein kümmert sich um die Produktion, Sohn Christian um Ein- und Verkauf und Mutter Margit hat die Buchführung im Griff und springt dort ein, wo gerade eine helfende Hand benötigt wird. Unterstützt wird die Familie durch drei Vollzeit- und vier Teilzeitkräfte. Sie werden vor allem beim Ein- und Verpacken des „Kressen-Mix“ gebraucht und bei der Qualitäts- und Endkontrolle an der Roboteranlage.
Inzwischen hat sich der Produktionsanteil der eigentlichen Kresse, Lepidium sativum, von ursprünglich 90 % auf 50 % der Maintal-Kressen verringert. Die andere Hälfte stellen der „Kressen-Mix“, Sprossen von Radieschen, Rotem Rettich, Knoblauch, Rucola und Erbsen. Aufgrund des EHEC-Desasters war es 2012 notwendig geworden, die Sprossen in Kressen umzubenennen.
Ganze sieben Tage dauert die Kresseproduktion und benötigt keinerlei Düngung oder Pflanzenschutzmaßnahmen, außer peinlichster Hygiene. So wird zwangsläufig nach Bio-Richtlinien angebaut. Um das auch werbewirksam nutzen zu können, schloss sich Familie Gimperlein Naturland an. Die Wahl fiel auf diesen Verband des ökologischen Landbaus, um sich vom nächstgelegenen Mitbewerber zu unterschieden, der einem anderen Bio-Verband angehört.
Aussaat genau getaktet
Das Bio-Saatgut stammt von italienischen und inländischen Produzenten. Die eigentliche Kresse, Lepidium sativum, muss vor der Aussaat in großen Wasserbottichen vorquellen, alle anderen Sprossen können trocken gesät werden. Das geschieht mittels Sämaschinen in vorher maschinell gefüllte Kunststoffschälchen (Trays). Beide, Aussaat- und Substratfüllmaschine, sind im Eigenbau entstanden.
Während Kresse gut in Perlite keimt, tun sich hier die anderen Sprossenarten mit dem Durchwurzeln schwer. Deshalb werden sie in Zellulose gesät. Das Perlite stammt von Deutsche Perlite, Dortmund, die Zellulose wird innerhalb der EU zugekauft. Täglich werden 48 Mobiltische (558 Schälchen pro Tisch) besät. Das geschieht an fünf Tagen pro Woche. Der Transport der insgesamt 600 Mobiltische in die Kulturräume erfolgt ebenfalls automatisch. Durch den stetigen Nachschub durchwandern sie innerhalb der siebentägigen Pflanzenkultur die Gewächshäuser.
Bewässert wird über Gießwägen und von Hand mit Trinkwasser aus dem öffentlichen Netz. 200 Natriumhochdruckdampflampen, zu je 600 Watt, sorgen im Winter und allgemein an dunklen Tagen für ausreichend Licht. Im Sommer muss schattiert werden, denn die Kressen benötigen zum Keimen zwar Warmhaustemperaturen, später sollte es dagegen kühler sein. Muss geheizt werden, steht ein Gaskessel mit 750 kW und die Abwärme einer nahe gelegenen Biogasanlage zur Verfügung. Ein RAM-Klimacomputer steuert diese Wachstumsfaktoren.
Viel Technik von Nöten
Am Ende der siebentägigen Reise durch die Kulturräume warten dann die Verpackungsroboter. Diese befüllen Faltschachteln mit einzelnen Kressetrays und stellen sie anschließend zu neunt in Kartons. Je nach Kundenwunsch wird abschließend auf Paletten gestapelt. Verpackt wird auch an fünf Tagen in der Woche, bei Bedarf, oder wenn Feiertage anstehen, zusätzlich samstags.
Diese perfekte Rationalisierung erfordert ein sehr gut durchdachtes Konzept. Viele Maschinen des Betriebes sind Eigenbau, wie zum Beispiel die vier Aussaatmaschinen, oder Sonderanfertigungen, wie die Verpackungsroboter. Wichtig ist Familie Gimperlein dabei die Zusammenarbeit mit möglichst regionalen Maschinenbaufirmen. Bei Störungen sollten die Monteure möglichst kurze Wege haben.
Nach kurzer Lagerung, bei 4-5 °C im Kühlhaus, geht die Maintal-Kresse mit Speditionen oder eigenem Lkw an Rewe und weitere Kunden in ganz Deutschland, zum Beispiel an Edeka Nordbayern, Sachsen, Thüringen oder die Großmärkte in Frankfurt am Main und München. Beliefert werden auch einzelne Großhändler im ganzen Bundesgebiet und auch der regionale Großhandel, der wiederum Aldi beliefert. Geliefert wird an sieben Tagen in der Woche, insgesamt ca. 10 000 Paletten im Jahr.
Für Familie Gimperlein ist es selbstverständlich, dass ihr Betrieb zahlreiche Zertifizierungen aufweisen kann: Globalg.a.p., GQB, QS GRASP. Bei der Zertifizierung nach Globalg.a.p. 2004, waren sie in Bayern sogar die Ersten. Gut unterstützt fühlt sich die Familie hier durch Sibylle Tygges, vom Gemüseerzeugerring Main-Dreieck e.V., Knetzgau. Die Bioproduktion wird durch die Kiwa BCS Öko-Kontrolle überwacht.
Geht es um andere Themen, sieht Elmar Gimperlein nicht so gerne Berater im Betrieb: „Mit den Kressen kennen sich nur wenige aus, tragen aber das hier gewonnene Wissen dann von Betrieb zu Betrieb weiter.“ Einen fruchtbringenden Austausch pflegen allerdings Kresseproduzenten untereinander.
Der große Brand
Wie erstaunlich groß der Zusammenhalt innerhalb der Gartenbaubranche überhaupt sein kann, erwies sich nach dem Brand im Januar 2016. Ein technischer Defekt im abgeschalteten Küchenherd verursachte einen nächtlichen Brand im Betrieb.
Familie Gimperlein informierte schnellstens alle Kunden und Mitbewerber, um die Kresselieferungen an die Abnehmer sicherzustellen. Vor Ort halfen alle Mitarbeiter, Nachbarn, Kollegen und Handwerker beim Aufräumen und Wiederaufbau. Die Gartenbauzentrale Main-Donau e.G., Albertshofen, stellte zum Beispiel ihren Kühlraum zur Verfügung. Gewächshausfirma, Energieschirmlieferant, Spezialmaschinenhersteller, alle waren schnellstmöglich zur Stelle und die Hausbank sagte zügig notwendige Finanzierungen zu. Auch die Versicherungen zeigten sich kooperativ und sprachen sich ohne viele Umstände untereinander ab. „Im Ergebnis“, so Christian Gimperlein, „konnten wir ab 10.05.2016 wieder voll produzieren. Nur der Nachtschlaf ist nicht mehr so wie früher.“
Margit und Elmar Gimperlein haben seit der Betriebsübernahme 1985 schon einige Krisen überwunden: 1986 der Reaktorunfall in Tschernobyl und seine Folgen, 1990 Elmar Gimperleins langwierige Krankheit, 2003 der Verlust großer Kunden, 2011 die „EHEC-Katastrophe“ und 2016 der nächtliche Brand.
Neue Herausforderungen
Im Moment machen der Familie wieder zwei Themen große Sorgen, einmal die „Corona“-Situation und das Thema Nachhaltigkeit. Die nachhaltige Produktion, die auch Großabnehmer Rewe fordert, machen Investitionen in Stromersparnis und die Kunststoffreduzierung notwendig. Wie aber sollen fällige Investitionen in LED-Belichtung und Photovoltaik geschultert werden, wenn die Vermarktungssituation ungewiss ist? Der fehlende Absatz an die Gastronomie bedeutet zurzeit 30 % weniger Produktion. Welche Großhändler wird es nach „Corona“ noch geben? Wird der Vertragsanbau für Rewe weiterlaufen?
Die Forderung nach Nachhaltigkeit beinhaltet auch die Verpackung und den Verzicht auf Plastikschalen. Aus welchem nachwachsenden Rohstoff sollen die feuchtigkeitsresistenten Keimschälchen künftig sein? Das Material muss sich auch im automatisierten Betrieb bewähren und darf möglichst nicht mehr kosten. Bei Versuchen mit Graspapierschalen störte ein unpassender Geruch und Papier aus der Durchwachsenen Silphie (Silphium perfoliatum) ist noch zu unerprobt. Gleichzeitig werden die Kartonagen teurer und teurer. Klar ist Eines: Bei Familie Gimperlein stehen zurzeit wieder großen Entscheidungen an.
Ramona Schneider