Ehre, wem Ehre gebührt

MODERN

Frank und Katharina Köllen im pünktlich zum ersten Lockdown fertig gestellten Neubau<br>Foto: Jacobsen

Hieß es in der Einladung „Regionale Betriebsbesichtigungen“ als Teaser zur Gärtnerei Köllen etwas gar lapidar „Gewächshaus Neubau, Holzpelletsanlage“, war der Betriebsbesuch in der Nähe von Rommerskirchen mit Sicherheit einer der Höhepunkte der an Höhepunkten überreichen Alternativveranstaltung zur Heidelberger Jahrestagung Bio-Zierpflanzenbau im Herbst 2021. Das blieb wahrscheinlich auch den Juroren der von unserem Mitbewerber ausgelobten Awards nicht verborgen und so konnte Frank Köllen im Herbst 2022 dekoriert als „Unternehmerpersönlichkeit des Jahres“ von Berlin zurück in Richtung Braunkohleverstromung fahren.

Ob die Auszeichnung nun aus technischen Gründen nicht um Franks Frau Katharina in Richtung Unternehmerpersönlichkeiten erweitert werden konnte - oder ob Männer vielleicht einfach gerne Männer auf dem Podium stehen sehen wollen, bleibt der eigenen Fantasie überlassen. So, wie sich die beiden während der Rundführung durch ihren Betrieb kommunikatorisch die Bälle zuspielten, hätten wohl alle Teilnehmenden sofort unterschrieben, dass Gärtnerei Köllen Ergebnis einer Teamleistung ist und beide gleichermaßen die Auszeichnung verdient hätten.

Zwei Dinge müssen der Jury aber an dieser Stelle auf jeden Fall zugutegehalten werden: Familie Köllen ist zum einen ganz klar über den Generalverdacht erhaben, dass es nach der Preisflut der vergangenen Jahre scheint, als ob im Prinzip alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist, zwangsläufig irgendwann ausgezeichnet wird. Und dann ist da ja zum anderen auch noch „Rheinlandflamme“, hinter der sich keine Partner-, sondern eine Holzpelletsvermittlung sowie Frank Köllens Tätigkeit als Berater für Planung und Bau von Heizanlagen mit erneuerbaren Energieträgern verbirgt - wofür er sich, Stand Herbst 2021, einen Tag in der Woche probiert, frei zu halten.

Angesichts der dramatischen Zuspitzung auf den Energiemärkten ist es in der letzten Zeit bei dem einen Tag mit Sicherheit nicht geblieben. Ein bisschen paradox, aber letztendlich auch leicht nachvollziehbar ist, dass, obwohl Köllens ausgewiesene Pioniere auf dem Gebiet der Holzpelletsheizung sind und mit einer vergleichsweise alten Anlage da sitzen, während in Betrieben, die eben erst später eingestiegen sind, Kessel und Pelletslager einen moderneren Eindruck machen. Seit 2005 begannen Pellets das Heizöl zu ersetzen.

Mit Hilfe eines Abgaswärmetauschers gelingt es, die Abgastemperaturen deutlich unter 60 °C zu drücken und aus knapp 900 kW Nennleistung fast 1 000 kW heraus zu holen. Und als RWE bei einer der in den letzten Jahren kontinuierlich stattgefundenen Betriebserweiterungen Kosten in Höhe von 200 000 € für den Anschluss des Betriebes an die benachbarte Ortschaft mit einer dickeren Stromleitung in Aussicht stellte, entschieden sich Köllens dazu, mit Hilfe zweier BHKWs künftig ihren Strom selbst zu produzieren und die dabei anfallende Wärme im eigenen Betrieb zu nutzen.

So heißt es dann jonglieren mit den Wärmemengen im Puffertank, dem Bedarf im Gewächshaus und den verschiedenen Wärmequellen und schon nähern wir uns der eigentlichen Geschichte, schließlich ist das Ganze ja kein Selbstzweck, sondern es geht letztendlich um die Produktion von Pflanzen. Was die Beiden diesbezüglich auf die Beine gestellt haben, ist nicht nur spektakulär anzusehen, sondern lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes auch erschmecken.

Das klingt zwar komisch für einen Zierpflanzenbetrieb, ist aber so - und zur Erklärung muss etwas weiter ausgeholt werden: Katharinas Eltern, Agnes und Hans, hatten vor rund 60 Jahren mit der Produktion von Zierpflanzen begonnen, damals störten weder die Schlote des Kraftwerks Neurath noch die vom Kraftwerkskollegen Frimmersdorf die Aussicht über die weitgehend brettelebenen Lößböden der Köln-Aachener-Bucht.

50 Jahre später könnte wahrscheinlich nicht zuletzt auch durch den Aufbau von Regionalgruppen ermöglichten Austausch sowie einer Reihe von Expertenworkshops im Rahmen des Projektes „Bio-Zierpflanzen“ in Katharina und Frank der Wunsch gereift sein, sich betrieblich in diese Richtung entwickeln zu wollen. Und so begannen sie, ihren Betrieb auf Bio umzustellen und landeten nach der Komplettumstellung im Jahr 2018 dann schließlich bei Bioland.

Es war wahrscheinlich ein bisschen push und ein bisschen pull, dass Weihnachtssterne, Kalanchoeen & Co. im Anschluss an die Umstellung weichen mussten, um Platz für Küchenkräuter zu schaffen. Zum einen ist die Nachfrage nach ökologisch produzierten Topfpflanzen relativ übersichtlich, zum anderen war der Bio-Fachhandel auf der Suche nach regional produzierten Ökokräutern - und so machten gewissermaßen Princettia und Cyclamen Platz für Basilikum, Petersilie und Oregano.

Was im Englischen „the proof of the pudding is in the eating” heißt, bestand der bei Köllen produzierte Biobasilikum dann kurze Zeit später, als einer der Einkäufer aus dem Großhandel einen Basilikumtopf aus einem bisher geführten Sortiment mit nach Rommerskirchen brachte, um direkt den olfakt- und gustatorischen Vergleichstest durchführen zu können. An dieser Stelle ahnt der geneigte Leser, die geneigte Leserin bereits, worauf die Geschichte hinausläuft: danach brauchte es keine große Überzeugungskraft mehr und einer der ersten Großabnehmer war gefunden.

Um die Bäume nun nicht gänzlich in den Himmel wachsen zu lassen: Die Zeit der Umstellung im laufenden Betrieb haben die beiden als durchaus sehr herausfordernd in Erinnerung. Auch, dass vom Substrat über das Saatgut sowie die Jungpflanzen mit der Umstellung alles teurer wurde und auch die vorausschauende Kulturführung natürlich ihren Preis hat und mit minimalen Aufschlägen nicht zu realisieren ist, bedeutete, die Abnehmer der Ware noch viel mehr als vorher üblich ins eigene Boot zu holen, um die Zusammenhänge und Sachzwänge zu verdeutlichen – aber auch diese Klippe umschifften die beiden.

Tim Jacobsen