Die Zukunft beginnt heute

MODERN

In der dreiteiligen Webinar-Reihe „Die Lösung aus einer Hand zur Sicherung der Welternährung“ wurden drei international anerkannte sog. Best-Practice-Fälle vorgestellt - aus Sicht der Veranstalter mit Sicherheit nicht ganz ohne Eigennutz, schließlich sollte das Ganze auch dazu beitragen, Zulieferindustrie und niederländische Gewächshausbauer noch stärker in Kontakt mit dem Rest der Welt bringen. So blieb dann auch kein Wässerchen ungetrübt und Züchtung sowie Vermehrung, Jungpflanzenproduktion, der Anbau von Gemüse und Zierpflanzen, Verpackung und Logistik, Handel, Einzelhandel und Verbrauchermarketing kamen zu Wort.

Mitte Mai stand die chinesische Region Jiashan im Mittelpunkt. Namhafte Referenten wie Lambert van Horen (Rabobank), Wouter Verhey (Botschaft des Königreichs der Niederlande), Jaap Bond (Top Sector Horticulture & Starting Materials), Karin Bax (NLWorks) und Meiny Prins (Priva) beleuchteten verschiedene Aspekte, wobei die beiden Interessensvertreter Bond und Bax vielleicht ein bisschen gar zu dolle die Werbetrommel für die niederländische Zulieferindustrie rührten. Auch Yining Wang, der Supervisor der Jiashan Greenport Sino Dutch Agri Tech Co. Ltd. hätte durchaus etwas mehr aus dem Nähkästchen erzählen können. So blieb das Webinar, was die eigentlich versprochenen Möglichkeiten und Chancen in China betrifft, etwas gar vage.

Als grundsätzliche Standortbestimmung gaben van Horen und Prins allerdings einen guten Überblick über Trends und Entwicklungen weltweit: Landflucht und Urbanisierung, Nahrungsmittelsicherheit und mit Sicherheit Nahrungsmittel, Eigenversorgungsgrade, Protektionismus, Nachhaltigkeit, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und über allem der Klimawandel sind van Horen zufolge die großen Themen, auf die es eine Antwort zu finden gilt. Und die kann zweifelsohne der Unterglasanbau liefern: Biologische Schädlingsbekämpfung, Energieeinsparung, Erhöhung der Effizienz von Inputfaktoren wie Wasser und Dünger sowie Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Kein Wunder, werden dann auch die Projekte größer und größer, während Volatilität und Abhängigkeit von Konjunkturzyklen abnehmen. Die Grenzen zwischen Einrichtung und eigentlicher Gewächshauskonstruktion verschwimmen, externe, in manchen Fällen auch staatliche, Investoren steigen ein, schlüsselfertige Lösungen, die Konstruktion, Unterhalt und Betrieb der Anlage umfassen, werden häufiger nachgefragt. Die Nachfrage nach technisch weit fortgeschrittenen Lösungen nimmt mit steigendem Kapitaleinsatz zu. Robotik, Belichtung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz gehören schon fast zum Standard; Blockchain, Quantencomputer, CO2-Abscheidung und –Speicherung, Augmented und Virtual Realtity sowie Sprachtechnologie sind Themen für die nähere Zukunft.

Ausgehend von Privas Mission, optimale Umgebungen für das Wachstum von Pflanzen unter größtmöglicher Ressourcenschonung schaffen zu wollen, nahm Prins das Publikum auf eine Reise in die Welt integrierter Lösungen, in der die Städte der Zukunft aus grüner Technik in Kombination mit smarten Gebäuden bestehen. Rund 3 000 000 Menschen ziehen derzeit in Städte – und das jede Woche. Neben Chinas Millionenstädten stechen besonders die Megametropolen in Zentralafrika und auf dem indischen Kontinent mit rasantem Bevölkerungswachstum hervor.

Rein technisch gibt es Prins zufolge genügend Nahrungsmittel, um 12 Mrd. Menschen zu ernähren. Unerklärlich bleibt ihr zufolge die Tatsache, dass heute sechsmal so viel Land bewirtschaftet werden muss, um ein zur Generation zuvor vergleichbares Einkommen zu erwirtschaften. Schnitzelpreise von 2 € und ein im Vergleich zur lokalen Produktion um zwei Drittel des Preise günstigere Angebot spanischer Tomaten in Afrika tragen Prins zufolge dann maßgelblich dazu bei, dass die Einwohner Afrikas sich dann in die andere Richtung als die spanischen Tomaten orientieren.

In Wien bleibt jeden Tag so viel Brot über, dass Graz damit versorgt werden könnte und der allermeiste Weizen stammt aus Indien, wo 200 Mio. Menschen hungern. In Europa wird der Anbau von Biokraftstoffen subventioniert, während Soja zur Fütterung unserer Milchkühe im abgeholzten Regenwald angebaut wird. Mit dem Klimawandel im Hinterkopf empfahl Prins dringend, zu hinterfragen, wie unsere Städte weiterentwickelt werden.

Die Einbeziehung von Grüngürteln zur Nahrungsmittelproduktion könnte ihrer Meinung nach viele Probleme lösen und Städte zu Vorläufern nachhaltiger Entwicklung machen. Prins verwies auf die Niederlande, die mit etwas Abstand aus dem Weltall betrachtet in ihrer Gesamtheit dem Geflecht größerer Städte in China nicht unähnlich erscheinen und als Beispiel dafür gelten könnten, in welche Richtung Entwicklung global gesehen gehen könnte. Westland, Cow Garden, Kingfish Zeeland wären dann Beispiele dafür, wie sich auf lokaler Ebene Nahrungsmittelproduktion in Städten integriert werden könnte.

Am 15. Juni 2021 geht es zu AppHarvest ins nordamerikanische Kentucky, am 13 Juli 2021 wird ein Beispiel aus der Goflregion zentral stehen. Infos und Anmeldung hier.

Tim Jacobsen