Es gab mit Sicherheit den einen und anderen, der beim Uiendag von pflanzenbaulich durchaus möglichen Erträgen weit über 100 t/ha träumte – aber selbst die Gutgläubigsten wurden ziemlich schnell von der Realität der staubigen Äcker rundum die Versuchsstation Rusthoeve eingeholt. So mancher Zwiebelanbauer im ehemaligen Herzen des niederländischen Zwiebelanbaus wird froh sein, wenn er überhaupt eine um den Faktor zehn geringere Ernte einfahren kann und es ist nicht so, dass 2022 das eine schlechte Jahr ist, dass auch einmal dabei sein kann: In vier der letzten fünf Jahre war die Situation ähnlich.
So wandelte sich im Laufe der Jahre dann auch der Fokus des Zwiebeltags von einem eher mechanistisch geprägten Weltbild hin zu einem eher systemischen Naturverständnis. Statt Ertragsoptimierung stand Ende August beim Zwiebeltag das Thema Innovation im Fokus. Für sich genommen erst einmal ähnlich sexy wie Nachhaltigkeit, füllte sich der Begriff aber schnell mit Leben angesichts der Herausforderungen, die als gesetzt galten: mehr Hitze, weniger Wasser, Versalzung der Böden. Dazu größerer und vor allem auch anderer Insektendruck - und generell aufgrund des Dauerstresses für Schaderreger äußerst empfängliche Kulturen. Das Ganze unter gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die der Landwirtschaft nicht immer nur gewogen sind.
Dem Zwiebeltag geht traditionell das Zwiebelfrühstück voraus, eine Art informelles Treffen, das Fieberthermometer-gleich die Stimmung in der Branche wiederspiegelt. Dieses Jahr hangelte sich die Diskussion an einer Reihe von Statements entlang, die leicht erkennbar mit dem Aufzeigen einer grünen oder roten Karte entweder unterstützt oder abgelehnt werden konnten.
So waren die Anwesenden größtenteils davon überzeugt, dass es gelingen wird, die jetzt noch im Zwiebelanbau durchschnittlich auf den Hektar ausgebrachten 13 kg Wirkstoff bis zum Jahr 2030 halbieren zu können. Deutlich sportlicher dann das nächste Thema: an der Frage, ob die niederländische Zwiebel auch im Jahr 2030 noch einer der bedeutendsten Spieler auf dem Weltmarkt sein wird, schieden sich die Geister. Sind Produktionskosten von 25 ct/kg und mehr heutzutage zwar schon in Dürre geplagten Landesteilen an der Tagesordnung, könnten sie bis 2030 angesichts der allgemeinen Kostenentwicklung auch für Vollertragsjahre Standard werden und das Gefüge auf dem Weltmarkt nachhaltig verschieben, wenn auch nicht unbedingt auf nachhaltige Weise.
Eine Situation, mit der unsere Obstbauern nur zu gut vertraut sind. Die Bäume hängen voll, die Ernte beginnt und in den Supermärkten muss sich „neu“ nicht nur gegen „alterntig“ behaupten, sondern preislich auch mit Produkten konkurrieren, die herkunftsbedingt eigentlich in einer anderen Liga spielen. Im Gemüsebau ist das nicht anders und was die Zukunft angeht, braucht es keine Kristallkugel, um ins Lamentieren zu geraten: Die Produktionskosten laufen davon, die von den Energiepreisprognosen geschockten Verbraucher wollen vor allem eins: Geld sparen, wo es nur geht. Einen Vorgeschmack darauf, was dann passiert, bekamen unsere Spargel- und Erdbeerbauern dieses Frühjahr bereits zu spüren.
Auch die Zwiebel, das zweifelsohne günstigste Gemüse an der Frischetheke bleibt da nicht außen vor: Ohne neue Business-Konzepte und sektorübergreifende Innovationen wird es keine florierende Zukunft geben - dies bewiesen die vielen grünen Kärtchen, die beim letzten Meinungsbild des Zwiebelfrühstücks aufgezeigt wurden. Die These „Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, hat ihre beste Zeit gehabt und wird auf absehbare Zeit verschwinden. Anpassungen sind ein Muss und keine Option“ fand breite Unterstützung. Und auf einmal klang all das, was auf dem Uiendag in Colijnsplaat gezeigt wurde, nicht mehr nach Zukunftsmusik, sondern glich eher einem Ausblick in eben jene Zukunft.
Auch wenn es zuweilen mühsam erscheint, sich aus der eigenen Komfortzone heraus zu bewegen, gilt seit dem 24. Februar mehr denn je, dass der Status Quo unweigerlich im gegenwärtigen Strudel der Ereignisse untergehen wird und die Zukunft denen gehört, die sich aufmachen. Oder wie Jonas Deichmann Mitte August auf dem Möhrenforum erklärte: jede Weltumrundung beginnt mit einem ersten Schritt. Und da einmal um den ganzen Globus herum ja nur sehr schwer vorstellbar ist, hilft es, die einzelnen Etappen gedanklich kleinzuhalten: „von Schokoriegel zu Schokoriegel“ empfahl der Extremsportler - und vor allem auch, „vielleicht“ und „wenn alles gut geht“ aus dem Wortschatz zu streichen.
Tim Jacobsen
„Anpassungen sind ein Muss und keine Option“