Der Möhrennachmittagsrückblick

MODERN

Gerd Sauerwein, Gemüsebauberater an der LWK NRW, blickt zurück – um vorausschauen zu können.</br>Foto: Jacobsen

2024 war kein Jahr für schwache Nerven – zumindest nicht, wenn man in Nordrhein-Westfalen Möhren anbaut oder sich generell mit der Landwirtschaft herumschlägt. Der Rückblick auf die Anbausaison 2024, präsentiert von Gerd Sauerwein beim 23. Möhrennachmittag NRW, hatte es jedenfalls in sich. Da ging es um alles: Wetterkapriolen, Schädlinge mit wechselndem Gusto, wuchernde Unkräuter und nicht zuletzt um die große Frage: Was lernen wir daraus für 2025? Spoiler: Eine ganze Menge.

 

Starten wir mit dem Klimakapitel, das direkt klarmacht, dass sich die Natur 2024 weder für ein Drama noch für eine Komödie entscheiden konnte – das Ganze ähnelte eher einer Wetter-Soap mit täglichen Überraschungen. Das Jahr war feucht-heiß, also anders als das langjährige Mittel, das sich mit 740 mm Jahresniederschlag und einer Durchschnittstemperatur von 11,2 °C eher zurückhaltend gibt. 2024 ballerte mit 904 mm Regen (122 % des langjährigen Mittels), 507 mm davon allein von April bis September

 

Kombiniert mit 194 Regentagen war das eine echte Feuchtigkeitsoffensive. Gleichzeitig lag die Durchschnittstemperatur bei 13 °C – das zweite Jahr infolge mit genau diesem Wert. Man könnte meinen, das sei die neue Norm, zumindest bis der nächste Hitzesommer wahrscheinlich wieder alles umwirft.

 

Die monatlichen Temperaturen gaben sich dabei fast durchgehend überdurchschnittlich. Vor allem die Sommermonate waren warm, aber auch durchsetzt mit Nässephasen. Die Trockenstressphasen, die 2018 oder 2020 für Schlagzeilen sorgten, blieben diesmal eher auf Sparflamme. Dafür gab’s aber genügend Tage mit Starkregen, Staunässe und sogar Erosionsprobleme – wobei Letztere sich bei Möhrenanbau erstaunlich im Rahmen hielten. Ein echter Joker, wenn man bedenkt, wie empfindlich Wurzelgemüse auf Strukturprobleme im Boden reagiert.

 

Apropos Struktur: Frühanbau war nicht nur eine Mutprobe, sondern auch ein echtes Glücksspiel. Wer früh dran war, hatte mit kalten Nachttemperaturen und keimunfreundlichem Wetter zu kämpfen. Die späteren Sätze – vor allem die Junisaaten – dankten es dagegen mit hoher Keimrate und durchweg stabiler Entwicklung. Besonders auffällig: Die Bodenherbizide wirkten in diesem Jahr hervorragend. Wer im Vorauflauf (VA) oder frühen Nachauflauf (NA) tätig wurde, konnte sich über saubere Bestände freuen. Problemunkräuter? Fast kein Thema. Mal ehrlich – das ist selten genug, um es sich rot im Kalender anzustreichen.

 

Aber natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein. Da war zum Beispiel das umkippende Keimlingsphänomen Ende Juni/Anfang Juli. Einzelne Flächen, besonders auf Sandböden, zeigten Symptome von Überhitzung und zu starker Einstrahlung, was bei zarten Möhrenbabys eher suboptimal ist. Dennoch – flächendeckende Schäden blieben aus.

 

Ein Blick in die Boden- und Blattanalysen zeigte, dass es beim Nährstoffangebot ein paar interessante Verschiebungen gab. Stickstoff, Kalium und Magnesium lagen auf gutem Niveau, Schwefel ebenso. Problematischer die Lage dann bei Phosphor sowie Magnesium. Auch Mikronährstoffe wie Zink waren teilweise im Grenzbereich – nicht dramatisch, aber ein Hinweis für 2025, mal genauer hinzuschauen.

 

Und dann kam der Sommer mit seiner wilden Mischung aus Wachstum und Widrigkeiten. Schnecken? Klar, 200 bis 250 ha hat’s dahingerafft – vor allem auf feuchten Standorten. Aber die Plage hielt sich doch in Grenzen und es wurde fleißig nachgesät. Mausschäden? Eher eine Randnotiz. Wildschäden durch Vögel oder Hasen? Erwähnenswert, aber kein Totalschaden.

 

Viel spannender war da schon das Insektenkarussell: Blattläuse waren dieses Jahr fast schon zahm. Gierschblattlaus blieb weitgehend unter Kontrolle, was vermutlich an der Vielzahl von Nützlingen lag – Marienkäfer for the win! Möhrenfliege dagegen? Da wurde es tricky. Die dritte Generation legte einen relativ späten, aber teils doch schädlichen Flug hin. Während 2022 noch harmlos verlief, gab’s diesmal teils deutliche Schäden durch Madenfraß. Eine echte Herausforderung, gerade im Spätsommer.

 

Wanzen, Zikaden, Wurzelläuse? Auch auf dem Schirm, aber noch ohne größere Bedeutung. Die Wurzelläuse brachten ab September dann doch stärkere Laubverluste – besonders in trockeneren Regionen. Insgesamt aber kein überregionales Problem. Für 2026 muss man sich allerdings schon mal mental von „Movento“ verabschieden – der Wirkstoff fällt weg, und das wird eine Lücke reißen.

 

Kommen wir zum leidigen Thema Blattkrankheiten: Alternaria & Co. waren deutlich präsenter als in den Vorjahren, jedoch ohne nennenswerten Ertragseinfluss. Echter Mehltau? Kaum ein Fall. Sklerotinia allerdings spielte sich ins Rampenlicht – insbesondere bei Maissaaten ab Mitte August. Hier zeigten sich befallene Flächen, auf denen „Switch“ als Fungizid künftig nicht mehr zur Verfügung steht. Für 2025 heißt das: neue Strategien entwickeln.

 

Ein weiteres Sorgenkind: Erdmandelgras. Besonders am Niederrhein und im westlichen Münsterland breitet sich dieses invasive Süßgras immer weiter aus. Noch ist es nicht flächendeckend, aber das Potenzial zur Plage ist definitiv da – wer also 2025 ruhig schlafen will, sollte hier präventiv arbeiten.

 

Interessant auch die Entwicklung der Spätsaaten: Die Spätsommer-Aussaaten brachten immerhin noch mäßige bis ordentliche Erträge. Kein Highlight, aber in einem so turbulenten Jahr fast schon ein Erfolg. Und trotz aller Witterung: Die Lagerstabilität und -gesundheit der Möhren war durchweg gut bis sehr gut – ein echter Lichtblick für den Handel.

 

Auf mehreren Einzelflächen kam es zu Problemen, teils durch Schädlinge, teils durch Witterung oder Bodenstruktur. Besonders spannend: Fälle von Gallenbildung, die auf Meloidogyne spp. (also Wurzelgallennematoden) hindeuteten – allerdings ohne Nachweis im Boden oder an Pflanzen im Juli. Ein klassisches „Was war das bitte?!“-Szenario, das für 2025 sicher noch genauer angeschaut werden muss.

 

Fazit: Das Jahr 2024 war für die Landwirtschaft in NRW eine echte Achterbahnfahrt. Feucht-heiß, regenreich, aber dennoch produktiv – mit viel Licht, etwas Schatten und vielen Lerneffekten. Für 2025 ergibt sich ein klarer Handlungsbedarf:Frühzeitige Unkrautkontrolle beibehalten, Schädlingsmonitoring schärfen, auf neue Wirkstoffverbote reagieren, Bodenstruktur im Blick behalten und sich nicht auf die „alten Normalwerte“ verlassen. Denn eins ist sicher: Das Klima bleibt in Bewegung, und damit auch die Anforderungen an den Ackerbau.

 

Und wer jetzt denkt, das war’s schon – weit gefehlt. Denn 2025 bringt garantiert wieder Überraschungen, sei es durch Wetter, Politik oder Biologie. Aber mit dem Wissen aus 2024 im Gepäck ist man deutlich besser vorbereitet. Also: Ärmel hochkrempeln, Gummistiefel schnüren und los geht’s – die neue Saison wartet nicht.

 

Tim Jacobsen

 

(Artikel aus GP 05/25)